"Strukturwandel ist Riesenchance"

skk

Von skk

Fr, 10. August 2018

Kreis Waldshut

BZ-INTERVIEWmit Stefan Kaiser, Bürgermeister von Albbruck, zur Zukunft des Ortes nach dem Abriss der Papierfabrik.

ALBBRUCK. Großes steht dem Kernort Albbruck mit der Überplanung des ehemaligen Papierfabrik-Areals (PFA) bevor. Rafael Herrmann fragte Bürgermeister Stefan Kaiser, wie die Zukunft des Areals aussehen könnte. Bürgermeister Kaiser kündigt Visionäres und Spektakuläres an, wie etwa die geplante Albsteig-Route auf der Trasse des einstigen PFA-Werkskanals in der Albschlucht.

BZ: Herr Kaiser, 142 Jahre lang hat die Papierfabrik dem Ort Albbruck den Stempel aufgedrückt. Jetzt ist das Werk Geschichte, und die Abriss-Bagger machen tabula rasa. Was ist heute das identitätstiftende Merkmal für Albbruck?
Kaiser: Das ist eine gute Frage, nachdem die Albtalstraße wegen der Sperrung derzeit ja auch entfällt. Das Aus für die Papierfabrik war natürlich ein schwerer Schlag. Aber ich denke, es ist auch eine Riesenchance, die wir ergriffen haben. Wir befinden uns in einem Strukturwandel weg von eine Industrie-Gemeinde hin zu einer Wohngemeinde mit starkem Gewerbe. Und wer weiß: Vielleicht sind wir ja in ein paar Jahren auch das Gesundheitszentrum des Landkreises, vorausgesetzt, wir werden Standort für das geplante Zentralklinikum.
BZ: Wie muss man sich nach der Überplanung des einstigen Papierfabrik-Areals die neue Ortsmitte von Albbruck vorstellen?
Kaiser: Es soll dort neben Gewerbeflächen auch attraktiver Wohnraum entlang der Alb für rund 1000 Menschen entstehen. Außerdem möchten wir dort auch ein touristisch interessantes Angebot machen. In der Nähe der alten Alb-Brücke ist ein Albufer-Platz mit Wasserzugang und einem Hotel geplant. Außerdem wollen wir den denkmalgeschützten Pferdestall der Papierfabrik zu einem Info-Zentrum für den Albsteig und einer Erinnerungsstätte an die PFA ausbauen. Der Einstieg in diese neue Wanderroute wird spektakulär: Es gibt dort einen Stolleneingang, der etwa 100 Meter unterirdisch verläuft und hinter der alten Eisenbahnbrücke ans Tageslicht kommt.
BZ: Bis dort die ersten Wanderer marschieren, muss aber noch ziemlich viel bewegt werden ...
Kaiser: Das ist richtig. Der Albsteig soll im Endausbau auf der Trasse des einstigen hölzernen Werkskanals der Papierfabrik bis kurz vor Tiefenstein verlaufen. Auch die Wanderer müssen auf diesem Abschnitt durch mehrere kleine Fels-Tunnel. Auf Höhe des alten Stauwehrs ist der Bau einer Hängebrücke über die Alb zur Schachener Seite angedacht.
BZ: Und wann glauben Sie, das Band zur Eröffnung dieser romantischen Wanderstrecke durchschneiden zu können?
Kaiser: Wenn es optimal läuft, vielleicht in drei bis fünf Jahren. Wir müssen für das Gelände der Karl-Gruppe ja auch noch eine Eigentums-, oder andere vertragliche Regelung treffen und brauchen starke Tourismus-Partner, insbesondere den Landkreis als Unterstützer.
BZ: Man darf sich also auf positive Schlagzeilen aus Albbruck freuen. Zuletzt sah es damit ja eher schlecht aus, denken wir nur an den drohenden Abriss der Eisenbahnbrücke, gegen den sich jetzt auch der Petitionsausschuss des Bundestages ausgesprochen hat. Dies ist das Verdienst einer Bürgerinitiative. Hätten Sie und der Gemeinderat nicht massiver gegen die Bahnpläne vorgehen müssen?
Kaiser: Nein, wir haben schon das richtige Rad gedreht, denn wir waren im förmlichen Verfahren die Einzigen, die Einspruch gegen den Abriss eingelegt und damit die rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Was jetzt zur Sanierung der Brücke im Raum steht, entspricht ja genau dem, was wir vorgeschlagen haben und die Bahn ursprünglich geplant hatte. Aber das war vom Denkmalamt abgelehnt und in der Folge die Brücke zum Abriss freigegeben worden. Im Übrigen gibt es viele positive Nachrichten aus Albbruck, etwa neue Baugebiete und Millioneninvestitionen in die Infrastruktur.
BZ: Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten der Petition, nachdem die Bahn ja baurechtlich grünes Licht für einen Brückenneubau hat?
Kaiser: Aus meiner Sicht sind die Mehrkosten, die durch ein neues Planfeststellungsverfahren und Schadenersatz-Forderungen der jetzt engagierten Baufirmen entstehen, der springende Punkt. Es hängt davon ab, inwieweit hier die Bahn die Kosten trägt oder der Bund und das Land finanziell in die Bresche springen werden.

Stefan Kaiser ist seit 2007 Bürgermeister der 7250-Seelen-Gemeinde Albbruck. Der 50-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von sieben, 13 und 16 Jahren.