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26. Mai 2012 03:00 Uhr

Frühwerk in Nürnberg

Albrecht Dürer: Genialer Start-up-Unternehmer

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt in einer ebenso großen wie großartigen Schau die Werke des frühen Albrecht Dürer.

Kurios, dass es ausgerechnet ein amerikanischer Dürer-Experte war, der den verschollenen Marmorjungen entdeckte: Vermoost und vergessen hockte er im Park einer Villa am Wannsee. Jetzt begrüßt er die Besucher zur größten deutschen Dürer-Schau seit vier Jahrzehnten – Inbegriff eines romantisch-verklärten Künstlerbildes, das diese Nürnberger Großausstellung gerade ad acta legen will. Ein Raum weiter: das Vorbild der 1882 von einem gewissen Salomon Beer geschaffenen Skulptur, das gezeichnete "Selbstbildnis als Knabe" von 1484, das erste Dürerbild und zugleich das älteste erhaltene Künstler-Selbstporträt nördlich der Alpen. Aber wohl kaum das erste.

Dass es der Maler bewahrte, entsprach einer neuen bürgerlichen Memorialkultur, die bei der Elite Nürnbergs hoch im Kurs stand. Auch Albrecht Dürer (1471–1528) tat eine Menge für sein Image – als "deutscher Apelles", wie ihn sein Freund Conrad Celtis schwärmerisch betitelte. Es ist das Verdienst dieser herausragenden Ausstellung, erstmals das sozio-kulturelle Umfeld dieser Künstlerpersönlichkeit ausführlich zu betrachten, die Umstände und Bedingungen von Dürers Erfolg in einer Stadt, die zu den Fortschrittlichsten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zählte. "Um die Kultur der Renaissance kennen zu lernen, brauchte Dürer gar nicht über die Alpen zu reisen", sagt Kurator Daniel Hess: "Sie war längst vor Ort."

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Aus den Altarbildern seines Lehrers Michael Wolgemut und des damals berühmten Hans Pleydenwurff schöpfte der gelernte Goldschmied ebenso viel wie aus den Gemälden der Bellini oder Mantegna. Die Meister der Spätgotik, wie Martin Schongauer aus Colmar, den er gern zum Meister gehabt hätte, verehrte Dürer mindestens genauso wie die "welschen" Neuerer. Sein in den Humanistenkreisen geprägtes Ideal bestand wohl in einer theoretisch gefestigten, grunderneuerten "deutschen Kunst".

Mit Fässern voller Drucke auf den Messen

Sein Selbstentwurf vom umfassend gebildeten Unternehmer gewann in einem Milieu gelehrter Zuwanderer Kontur, in dem der Sohn eines gefragten ungarischen Goldschmieds von frühester Jugend an verkehrte: Universalgelehrte wie Conrad Celtis, sein "Busenfreund" Willibald Pirkheimer, Fernkaufleute und Mäzene wie die Familien Tucher und Haller. Das Porträt der Elsbeth Tucher prangte dereinst auf den Zwanzigmarkscheinen, für die Haller malte Dürer seine berühmteste Renaissance-Madonna – das Signet der Ausstellung.

Nicht mehr bloß zünftisch organisierter Handwerker – Kunstmanager großen Stils wollte Albrecht Dürer sein. Bereits 1497 nahm er zwei Grafikhändler unter Vertrag und seine Ehefrau Agnes fuhr regelmäßig mit Fässern voller Drucke auf die Messen. Dürer, dies macht diese Ausstellung deutlich, war ein Genie – auch der Selbstvermarktung. Projektkoordinator Thomas Esser nennt ihn gar einen "Start-up-Unternehmer". Die vier gemalten Selbstporträts, von denen aus konservatorischen Gründen kein einziges nach Nürnberg reisen durfte, dienten ihm vermutlich als Werbemittel für lukrative Porträtaufträge.

Bei den herrlich naturnahen Aquarellen handelt es sich indes keinesfalls um Vorläufer einer gefühligen Pleinair-Malerei, vielmehr erprobte der Künstler an ihnen seine Fähigkeit zur präzisen Detaildarstellung, möglicherweise wollte er mehr: die Erkundung des Wesens der Dinge. Jedenfalls dürften diese erstaunlichen Bilder, laut neuester Forschung, wohl im Atelier entstanden sein. Auffällig auch, dass sich die gemalten Gebäude ("welsch Schloss" z.B.) allesamt an der deutsch-italienischen Sprachgrenze befanden, während aus Italien kein einziges Motiv überliefert ist. War der Deutsche auf kulturelle Abgrenzung aus?

Die prachtvolle "Anbetung der Könige" aus den Uffizien, gemalt für den Kurfürsten Friedrich den Weisen, erregte allerdings die Bewunderung auch der Italiener und straft die vom Humanisten Erasmus verbreitete Meinung Lügen, Dürer könne alles – jedenfalls in Schwarz-Weiß.

Erstaunliches kann das große deutsche kulturhistorische Museum am Ende seines internationalen Forschungsprojekts zum "frühen Dürer" verbuchen: 200 Originale, davon 120 Werke Dürers aus den großen Museen der Welt – und zahlreiche neue Befunde. Beispielsweise zu den nach 400 Jahren wieder vereinten Elternporträts: Eine Infrarot-Untersuchung hat gezeigt, dass sich anstelle des einfarbig grünen Hintergrunds ursprünglich ein Fenster mit Landschaft befand und das Bild des Vaters vor dem der Mutter entstanden sein muss.

Auch die faszinierenden Kopfstudien sind zu sehen, welche ein geplantes zehnbändiges Lehrwerk zur Malerei illustrieren sollten; Dürer wollte um 1504 die theoretische Summe seiner Erfahrung ziehen. Mit diesem Zeitpunkt und seiner zweiten Italienreise endet auch die Nürnberger Ausstellung, die Dürers Frühwerk in vier Themenfeldern beleuchtet.

Kein Maler bloß für Studienräte

Bleibt am Ende die Frage: Wie innovativ war er nun wirklich, dieser erste deutsche Renaissancemaler? Dazu Generaldirektor Ulrich Großmann: "Dürer erfand nichts neu, aber er fand zu jedem Kunstbereich neue Qualitäten." Alles andere jedenfalls als ein "Maler für Studienräte", wie sein heutiger Kollege Georg Baselitz spottet, sondern eine frische Faszination.
– Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Bis 2. September, Di bis So 10–18, Mi bis 21 Uhr.

Autor: Stefan Tolksdorf