Uniklinik Freiburg

Alles muss jetzt schnell gehen – ein Besuch im Notfallzentrum

Nina Witwicki

Von Nina Witwicki

Mi, 11. Januar 2017 um 15:01 Uhr

Freiburg

Im Notfallzentrum der Uniklinik jagt oftmals ein schwerer Fall den nächsten, aber nicht alle Patienten müssen sofort versorgt werden – die BZ hat das Notfallzentrum besucht.

Der ganze Körper des Mannes bebt, sein Brustkorb und Bauch bewegen sich auf und ab, seine nackten Füße wackeln. Der Anblick ist nur sehr schwer zu ertragen. Um ihn herum stehen mehrere Ärzte und Pflegekräfte in blauen OP-Kitteln mit Mundschutz, die den Mann wiederbeleben, sie kämpfen im Herzkatheterlabor der Uniklinik Freiburg um sein Leben. Ein eindrückliches Erlebnis, das die unbeteiligte Zuschauerin nicht so schnell vergisst.

Es ist sehr kalt an diesem Mittwochmorgen um kurz vor acht Uhr auf dem Friedrich-Ebert-Platz.

Frost liegt auf den Straßen. Im Wartebereich des Universitäts-Notfallzentrums, kurz UNZ, sitzen vier Menschen, alle warten sie auf ihre Angehörigen, die bereits ärztlich versorgt werden. Ein Mann fragt aufgeregt und mit beunruhigter Stimme an der Pforte nach seiner Frau, die Angestellte hinter dem Tresen versucht zu beruhigen: "Keine Sorge, es geht ihr gut. Gedulden sie sich noch etwas." Es werden immer mehr Patienten im UNZ behandelt, im vergangenen Jahr waren es knapp 50 000 .
Patienten im UNZ

Im Universitäts-Notfallzentrum (UNZ) werden immer mehr Patienten behandelt. Während es 2013 noch 37878 waren, sind 2014 schon 43554 und ein Jahr später 44 529 Menschen versorgt worden. Im vergangenen Jahr waren es rund 50 000 Patienten, genaue Zahlen liegen noch nicht vor. Nicht alle der Patienten sind schwer krank oder schwer verletzt. 2016 zählte die Notaufnahme laut Thorsten Hammer, der gemeinsam mit Hans-Jörg Busch Ärztlicher Leiter des UNZ ist, knapp 3000 Bagatellfälle.

Der erste Ansprechpartner bei Beschwerden ist in der Regel der Hausarzt. Ist die Praxis nicht geöffnet, stehen die Notfallpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bereit (allgemeine Telefonnummer des Kassenärztlichen Notdienst:Tel. 116 117, ohne Vorwahl). Die Notfallpraxis für Erwachsene ist im Uniklinikum der Hugstetter Straße 55, die für Kinder befindet sich im Josefskrankenhaus in der Sautierstraße 1.

Im Notfall sind Notarzt und Rettungsdienst unter Tel. 112 erreichbar. Zu Notfällen zählen KV und DRK zum Beispiel Ohnmacht, Lähmungen oder Sehverlust, Herzinfarkt oder Verdacht darauf, Atemnot, akute Blutungen und Vergiftung.

Hans-Jörg Busch zieht seinen weißen Kittel an, knöpft ihn zu, pinnt sein Namensschild an die Brusttasche und steckt das Telefon ein – los geht die Achtstundenschicht. Der Arbeitstag beginnt für den Ärztlichen Leiter des UNZ um viertel nach acht mit der allmorgendlichen Frühbesprechung.

In einem Besprechungsraum sitzen neun Ärzte an einem rechteckigen Tisch. Sie besprechen die Patientenversorgung der Nachtschicht und die Übergabe an die Frühschicht. Nicht alle Ärzte der Nachtschicht sind anwesend, einige sind noch immer dabei, Patienten zu versorgen. "Wir hatten nur fünf neue Patienten zusätzlich, nichts wahnsinnig Dramatisches dabei, außer ein Mann mit Aortenriss (Riss der Hauptschlagader, Anmerkung der Redaktion), was anfangs wie ein Herzinfarkt aussah", erklärt eine junge Ärztin.

Für einen morgendlichen Kaffee und Plausch unter Kollegen ist keine Zeit, Hans-Jörg Busch muss weiter zur Visite. Und die sieht so aus: Ein Arzt berichtet ihm über das Befinden der Patienten, die sich zurzeit stationär im Notfallzentrum befinden, und schildert, wie er plant, weiter vorzugehen. Danach besuchen Busch und der Kollege die Patienten und klären sie darüber auf, wie es weitergeht.

Eine Frau kommt, weil sich ihr Ohrring im Haar verfangen hatte

Da ist beispielsweise eine Frau in ihren 50ern, die über starke Übelkeit und Atemnot klagt und Angst hat, sich versehentlich selbst vergiftet zu haben, weil sie einen Topf mit Öl anbrennen ließ. Oder ein Mann Anfang 30 mit Verdacht auf eine Überdosis oder einen Herzinfarkt. Einige Gänge weiter, durch ein Labyrinth aus weißen Fluren, befindet sich die sogenannte Triage-Abteilung, das "Herz des Notfallzentrums", wie Busch sagt. Es ist die erste Station für Patienten, die ins UNZ kommen, Hunderte landen dort pro Tag. Die speziell ausgebildeten Pflegekräfte schätzen nicht nur ein, was den Patienten fehlt, sondern auch, welcher Arzt bei den Beschwerden helfen kann, wie gravierend Verletzungen sind und wie schnell die Behandlung erfolgen muss.



Der 29-jährige Krankenpfleger Maximilian Meisel koordiniert die Patienten, macht Ersteinschätzungen und behält gleichzeitig die Anmeldungen im Blick, also jene Patienten, die mit einem Rettungswagen eintreffen und schnell von einem Arzt versorgt werden müssen – bei denen es "um die Wurst geht", wie Meisel sagt. Mit unerschütterlicher Geduld kümmert sich der junge Krankenpfleger auch um die Patienten, die von sich aus in das UNZ kommen – nicht alle von ihnen sind dort auch richtig.

Vier Patienten werden zur gleichen Zeit vom Rettungsdienst gebracht

"Die meisten Meschen, die hier ankommen, haben Schmerzen, und viele sind echte Notfälle, aber manchmal sind eben auch solche dabei, die beispielsweise aufgrund einer Erkältung besser ins Bett gehören oder zu einem Hausarzt gehen sollten", erklärt Meisel und berichtet auch von einem kuriosen Fall: Eine Frau sei einmal in die Notaufnahme gekommen, weil sich ihr Ohrring in den Haaren verfangen hatte.

An diesem frostigen Tag sind vor allem Menschen mit Sturzverletzungen im UNZ. Ein Mann ist mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit auf einer Eisschicht ausgerutscht. Er hat tiefe Schnittverletzungen im Gesicht und an den Händen. Eine Frau ist vom Roller gefallen, eine andere rutschte auf dem Bürgersteig aus. Im Laufe des Nachmittags wird es immer hektischer. Vier Patienten werden zur gleichen Zeit vom Rettungsdienst gebracht und auf dem Gang kurz "zwischengeparkt". Eine ältere Frau stöhnt, sie hat starke Schmerzen, verursacht durch einen Oberschenkelhalsbruch.

Auch an diesem Tag jagt ein Fall den nächsten

Als sie von der Trage auf ein Bett gehoben wird, schreit sie laut durch die Gänge, trotz Morphium. Das "Fachchinesisch" von Ärzten und Krankenpflegern ist zwischenzeitlich gar nicht oder nur als exzessiver Arztserienzuschauer zu verstehen. Ein Junge kommt mit einer klaffenden Wunde über dem rechten Auge durch die Tür. Er und seine Familie wurden aus einer brennenden Wohnung gerettet, die Ärzte vermuten eine Kohlenmonoxidvergiftung.

Als es kurzzeitig etwas ruhiger wird, ist auch Zeit für eine Pause, wenn auch nur für eine halbe Stunde.

Im Pausenraum mit kleiner Kochnische, Kühlschrank und Kaffeeautomat ist es still, die Mitarbeiter unterhalten sich kaum. Nur ab und zu wird über die Einteilung der nächsten Schicht gesprochen. "Bei all dem Gewusel, den Überblick zu behalten, ist wirklich am wichtigsten", sagt Funktionsoberärztin Karin Fink, die noch schnell ein Brötchen im Gehen isst. Zwar sei viel los, am vorherigen Tag sei es aber schlimmer gewesen, erzählt sie. "Es gab noch mehr Patienten, bei denen es lebensbedrohlich war." Fink berichtet von einer Frau, die bei der Ankunft einen Kreislaufstillstand gehabt habe.

Doch auch an diesem Tag jagt ein Fall den nächsten. Zum Ende der Schicht wird ein älterer Mann mit Herzinfarkt eingeliefert, er ist auf der Straße zusammengebrochen und muss ins Herzkatheterlabor. Alles muss jetzt schnell gehen.



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