Als wäre es weiter nichts

Claudia Müller

Von Claudia Müller

Mi, 06. Dezember 2017

Vogtsburg

Das Ensemble Kaiserstuhl Percussion führt die Gäste beim Benefizkonzert der Stiftung "Taube Kinder lernen hören" in neue Klangwelten.

VOGTSBURG-OBERBERGEN. Unter dem Titel "Minimal Experience" hat das Ensemble Kaiserstuhl Percussion im Weingut Schwarzer Adler in Oberbergen ein Benefizkonzert für die Stiftung "Taube Kinder lernen hören" gegeben. Minimal Music also war das Motto und so zeigten die insgesamt acht Musiker unter Leitung von Friedemann Stert Beispiele von irritierender Klarheit.

Die Bühne in Kellers Traubenannahme ist ordentlich vollgestellt, im Halbkreis sitzen die Zuhörer um eine Mitte, in der auf einer Art Anhöhe Becken, Marimbaphone, verschiedene Trommeln und allerlei anderes Schlagwerk stehen. Meist paarweise und in wechselnden Kombinationen werden Tabea Ratzel, Elisabeth Schätzle, Martin Buchmüller, Jonas Butz, Dorian Kaiser, Jonathan Mürb, Werner Meier und Stert selbst im Lauf des Konzerts nach vorn treten, um dieses Bühnenbild zu bespielen.

Und nach einem kurzen Moment der Fokussierung legen die jungen Percussionisten los, mal verhalten und wie aus weiter Ferne näher kommend, mal urplötzlich mit einem fulminanten Überhang an Klängen. Hochkonzentriert sind sie über die diversen Schlägel in ihren Händen und über die Vielzahl an Schlagstäben aus Holz oder Metall gebeugt, versunken in rhythmische Muster. Ständig scheinen Schwerpunkte verschoben, unablässig versteigen sich die Musiker an ihren Instrumenten in immer neue Variationen.

Und indem jeder für sich und mit sich beschäftigt seinen Patterns folgt, verschränken sich die Muster mit einem Mal. Ganz plötzlich schieben sich die Schwerpunkte übereinander, ergänzen sich, bis sie sich zu überholen scheinen. Und schon entziehen sie sich wieder, um dann, über ganz verschiedene metrische Abwege, wieder zueinander zu finden und erneut zu verschmelzen.

Dieser Tanz, der einer vielleicht geheimen, doch zwingenden Logik folgt, ist nicht nur Bewegung, sondern funktioniert ebenso über die Tonstärke. Umsichtig und entschieden handhaben die Musiker die dynamischen Veränderungen, sodass die Klangspuren, gemeinsam angestaut zu enormer Lautstärke, gleich darauf wieder zusammenfallen und auseinanderlaufen.

Die Frage, ob hier gemeinsam musiziert wird oder ob nicht vielmehr, indem jeder seinen eigenen Patterns folgt, gemeinsam Musik entsteht, lässt sich zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon nicht mehr beantworten. Sofort ist da ein Dialog, sofort ein Zusammenklang. Wie zufällig überschneiden sich die Linien und erzeugen dabei ständig neue Formen, die, kaum dass sie hervorgetreten sind, augenblicklich wieder in einer Vielzahl neuer Impulse verlaufen, um irgendwo in dieser Verschiebung eine ganz andere Form anzunehmen.

Das klingt häufig fremd und mag verunsichern, denn es bricht mit unseren musikalischen Gewohnheiten. Man sucht die gewohnte Referenz und das zugrundeliegende Maß hinter den sich ständig verschiebenden minimalistischen Mustern. Auch viele Titel der Stücke im rund einstündigen Konzert bringen diese Unsicherheit zum Ausdruck. So verweisen sie etwa auf den Horizont ("Blue Horizons" von Matthias Schmidt), auf den Versuch, Schatten zu fangen ("Catching Shadows" von Ivan Trevino), oder direkt auf das sich Verheddern und Verstricken ("Entanglement" von Cody Criswell).

Insofern ist es am Ende auch die entspannte Nonchalance der jungen Leute, kombiniert mit einer schier unendlichen musikalischen Präzision, die bemerkenswert bleibt. In konzertantem Schwarz, mit hübschem Spitzentop und adretter Fliege am Hemdkragen, zerlegen die acht Schlagwerker das gewohnte Hören in seine Einzelteile und lassen aus diesen Rudimenten und Versatzstücken flink etwas ganz Anderes werden. Als wäre es weiter nichts.