OB-Wahl in Freiburg

Am Wahlabend lagen Sieg und Schock für Martin Horn nah beieinander

Simone Lutz, Fabian Vögtle, Frank Zimmermann und Thomas Goebel

Von Simone Lutz, Fabian Vögtle, Frank Zimmermann & Thomas Goebel

So, 06. Mai 2018 um 22:51 Uhr

Freiburg

Martin Horn hat das scheinbar Unmögliche wahr gemacht: Der 33-Jährige hat den amtierenden Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon gestürzt. Auf seiner Wahlparty wurde der künftige OB dann von einem verwirrten Mann angegriffen. Der Wahlabend im Rückblick.

Ich bin unglaublich dankbar und ich bin hochmotiviert" – das sagt Freiburgs neuer Oberbürgermeister Martin Horn, als er am Sonntag nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse auf der Bühne am Rathausplatz umjubelt wird.



Der Herausforderer hat das fast Unmögliche wahr gemacht, 44,2 Prozent geholt und Amtsinhaber Dieter Salomon, der 30,7 Prozent bekommt, klar geschlagen. Monika Stein erzielt auch im zweiten Wahlgang mit 24,1 Prozent ein ausgezeichnetes Ergebnis.

Unterschiedlicher könnten die Stimmungen kaum sein

Als Martin Horn an diesem Sonntagabend auf den Rathausplatz kommt, schiebt er wie eine Bugwelle eine Schar von Gratulanten vor sich her. Hunderte von Wartenden klatschen und jubeln, Freiburgs designierter Oberbürgermeister, strahlend vor Glück, hat Mühe, hoch auf die Bühne zu BZ-Chefredakteur Thomas Fricker und Online-Redakteur Florian Kech zu kommen. Dort sitzt auch Andreas Kern vom Wahlamt der Stadt, der seit 18 Uhr die Ergebnisse der Wahlbezirke liefert und die Daten interpretiert.



Das amtliche Endergebnis hatte noch nicht festgestanden – zwei Bezirke von 198 fehlten noch –, da war gegen 19 Uhr als erster der Kandidaten der noch amtierende Oberbürgermeister Dieter Salomon auf dem Rathausplatz erschienen. Freundlicher Beifall. Der OB hat deutlich verloren, auch in CDU-Hochburgen am Tuniberg, in denen er bei der letzten Wahl noch abgeräumt hatte.

"So isch’s Leben." Dieter Salomon
Salomon wirkt gefasst, nur seine Stimme zittert leicht. Er gratuliert dem Gewinner und sagt, er habe das Ergebnis schon befürchtet: Wenn ein Außenseiter vorne liege, wollten viele Menschen zum Siegerteam gehören. Es zeigt wohl die Entfremdung zwischen OB und Publikum, dass er für diese Aussage Buh-Rufe kassiert. Sein Erklärungsversuch, es sei doch legitim, zum Sieger gehören zu wollen, erzeugt noch mehr Buhs. Erst als er sich bedankt, "dass ich 16 Jahre lang der Stadt dienen durfte", gibt es langen Applaus für den scheidenden OB. Jetzt, sagt er noch, beginne für ihn ein neuer Lebensabschnitt: "So isch’s Leben."



Nach Salomon kommt auch Monika Stein – großer Jubel, rhythmisches Klatschen, als die Drittplatzierte die Bühne betritt. Auch als sie sich "für die viele Unterstützung" bedankt, die sie nach dem Tod ihrer Mutter erfahren habe, gibt es warmen Applaus. Sie, die ein linkes Bündnis vertritt, hat in beiden Wahlgängen mit einem sachlichen und programmatischen Wahlkampf ein sehr gutes Ergebnis eingefahren – und kündigt an, dass ihr Team bei der Kommunalwahl im nächsten Jahr einen "vehementen Wahlkampf" machen werde.

Zu dieser Zeit ist Martin Horn noch im Friedrichsbau, wo seine Wahlparty stattfindet. Hier ist er frenetisch empfangen worden. Die Menge, rund 200 Leute, hat schwitzend in dem überhitzten Raum gewartet und skandiert "Martin, Martin". Horn fasst sich mit der Hand mehrfach an die Brust, eine Geste des Dankes. "Was für ein Ergebnis." Horn kann es selbst kaum fassen. Und sofort erzeugt er ein Wir-Gefühl, vermutlich hat ihm genau das im Wahlkampf so viel Auftrieb gegeben: "Wahnsinn, was wir gemeinsam geleistet haben." Horn denkt in diesem triumphalen Moment erstmal an sein Helfer-Team und dankt jedem einzeln – "in erster Linie Irina, meiner Frau". Das Paar küsst sich. "Wir erwarten in neun Tagen unser Baby." Dann macht er sich auf den Weg zum Rathausplatz, um sich dort bei seinen Wählern zu bedanken.

"Was für ein Ergebnis."Martin Horn
Ein scharfer Kontrast zur überbordenden Stimmung im Friedrichsbau ist die Wahlparty von Dieter Salomon in der Harmonie. Kaum ist seinen Anhängern klar, dass die Wahl nicht mehr zu gewinnen ist, verlassen sie den Saal und warten draußen auf den Verlierer, der mit seiner Frau Helga Mayer auf dem Weg ist. Als Salomon erscheint, gibt es kurz Applaus, doch die Stimmung ist gedrückt. Bei einigen Gästen fließen Tränen. Kabarettist Matthias Deutschmann macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: "Die Wahlbeteiligung von 51,7 Prozent ist eine große Enttäuschung. Das schädigt Freiburgs Ruf als besondere Stadt – das war ein total unpolitischer Wahlkampf, schlecht geführt von Salomon, professionell geführt von Horn."



Erstmal kommt jetzt das Baby

Sehr entspannt geht es dagegen im Café Hermann zu, wo sich die Unterstützerinnen und Unterstützer von Monika Stein zuprosten. Man habe Zu- und Abgänge an Stimmen zu verzeichnen, analysiert Wahlkampfmanager Gregor Mohlberg. Monika Stein findet ihre 24,1 Prozent "genial" – es sei richtig gewesen, auch zum zweiten Wahlgang anzutreten.

Auf dem Rathausplatz ist derweil Martin Horn eingetroffen, beklatscht und bejubelt. Er habe sich, sagt er ins Mikrofon, vor dem 9. Januar noch nie als Politiker bezeichnet, das werde sich nun ändern: "Ich habe sogar schon einen Wikipedia-Eintrag." Die jungen Leute in seinem Team klatschen sich lachend ab. Dieses Team habe unglaublich engagiert ehrenamtlich gearbeitet, sagt Horn.

Er führt seinen Erfolg darauf zurück, dass er den Dialog gesucht habe: "Bürgernähe ist eine Grundeinstellung." Am 1. Juli beginnt er im Rathaus, seine erste Bürgersprechstunde als OB werde am Tuniberg stattfinden, kündigt Horn an. Und: Er wolle Brücken schlagen zum Gemeinderat und auch mit Dieter Salomon sprechen. Für das unglaubliche Wahlergebnis sage er: "Danke, Freiburg!" Nun nimmt er eine sechswöchige Auszeit, denn am 15. Mai ist der errechnete Geburtstermin für das zweite Kind der Familie.

Am Abend noch eine bestürzende Nachricht: Ein 54-Jähriger aus dem Markgräfler Land attackiert Martin Horn bei dessen Wahlparty und schlägt ihm die Faust ins Gesicht. Er verliert einen Zahn und trägt eine Wunde unter dem Auge davon. Der Täter wird vor Ort gefasst, er soll psychische Probleme haben. Dieter Salomon ist geschockt und verurteilt den Angriff: "Ich wünsche Martin Horn gute Besserung."



Mehr dazu: