Vom Weindorf in die Weltmetropole

Jutta Geiger

Von Jutta Geiger

Mi, 15. August 2018

Auggen

Ende August startet die fünfzehnjährige Laura Hanselmann aus Auggen-Hach zu einem Auslandsjahr nach Japan.

AUGGEN-HACH. Es sind nur noch wenige Tage, bis Laura Hanselmann ihr beschauliches Heimatdorf im Markgräflerland gegen eine japanische Großstadt tauschen wird. Oder wird es im fernen Osten eher doch aufs Land gehen? Die Fünfzehnjährige startet zu einem Schuljahr im Ausland, doch zunächst weiß sie nicht, wer ihre Gastfamilie sein wird, wo sie zur Schule gehen wird und auf welcher Insel sie die kommenden Monate verbringen wird.

Das ist etwas ungeschickt, denn je nach Insel muss Laura Hanselmann mit kalt-gemäßigten Temperaturen im Norden und reichlich Schnee im Winter, bis hin zu subtropischem Klima im Süden rechnen. Vorsichtshalber hat sie sich beim Einkaufen mit einer dicken Winterjacke ausgestattet und auch schon Schuhe besorgt, denn mit Schuhgröße 39 kann man zwar in Deutschland auf reichlich Auswahl zurückgreifen, bei den doch um einiges kleineren Japanern dürfte das aber eher schwierig werden. Bisher weiß sie auch noch nicht, ob sie eine Schuluniform benötigen, geschweige denn, wie lange der Schulweg sein wird. Gerade auf dem Land kann es sein, dass sie bis zu zwei Stunden unterwegs ist.

Wo es tatsächlich hingehen wird, hofft sie täglich zu erfahren: "Ich checke ständig meine E-Mails, in der Hoffnung, endlich Genaues zu erfahren", erzählt die Schülerin des Kreisgymnasiums Neuenburg. Bis spätestens zwei Wochen vor Abflug sollten die Informationen endlich da sein.

Und wie kam die Hacherin ausgerechnet auf so ein exotisches Reiseziel? "Schon als Kind habe ich gerne Animes, also japanische Zeichentrickfilme, gesehen und Mangas, japanische Comics, gelesen", erzählt Laura. Im Gespräch mit einer Klassenkameradin, die sich für ein Auslandsjahr in Australien interessierte, kam bei ihr der Gedanke auf, ein Schuljahr in Japan zu verbringen. Erst das Abitur abzuwarten, kam für sie nicht in Frage, denn zeitgleich fürs Abi und Japanisch zu lernen, wäre doch eine extreme Herausforderung. Das Geld für ihr Auslandsjahr bekam sie zur Konfirmation geschenkt. Gut eineinhalb Jahre lernte sie Japanisch in zweiwöchigem Rhythmus, zuerst bei einer Lehrerin in Freiburg, als diese wegzog, ging es mit Unterricht in Frankreich weiter. Bei einem Vorbereitungstreffen in Stuttgart lernte sie andere Schüler kennen, die mit ihr nach Japan reisen werden, 18 sind es insgesamt, wobei Laura eine der Jüngsten ist.

Was die junge Frau bisher weiß, ist, dass sie am 29. August von Stuttgart über München nach Tokyo fliegt, wo sie mit der Gruppe zwei bis drei Tage verbringen wird, bevor sie zu ihren Gasteltern weiterreist. Auch die Gastfamilie wird alle drei Monate getauscht, das ist in Japan so üblich. Zum einen hängt dies damit zusammen, dass man in Japan auf sehr wenig Raum zusammenlebt und die Gastgeber oft ein Zimmer räumen, um es dem Gastschüler zur Verfügung zu stellen. Zum anderen ist es – kulturell bedingt – einem Ausländer nicht so einfach möglich, Teil einer Familie oder Teil der japanischen Gesellschaft zu werden, so dass die Agentur, mit der die Fünfzehnjährige reist, ihre Schützlinge nach drei Monaten wechseln lässt, während die Schule hingegen die gleiche bleibt.

Drei Monate dauert es auch, bis man sich in Japan einigermaßen ins Schulgefüge eingelebt hat. Gleich mit dreierlei Schriftsystemen wird der Japaner, also auch Laura, in der Schule konfrontiert – und "irgendwie hapert es da noch bei mir", gibt Laura zu. Unterricht findet bis 15 Uhr statt, danach besucht man eine AG, was verpflichtend ist. "Vereine, so wie bei uns, gibt es in Japan nicht", weiß die bisherige Neuntklässlerin. "Wer eine Sport-AG besucht, muss auch am Wochenende in die Schule, von daher ist bei der AG-Wahl Vorsicht geboten", hat Laura beim Vorbereitungstreffen gelernt. Da sie gerne liest und zeichnet, hofft sie auf eine Manga-AG.

Auch während der Ferien bleibt in ihrem Reiseland die Schule geöffnet – für diejenigen, die eigenständig weiterlernen wollen. In Japan ist es auch üblich, dass die Schüler ihre Schule selbst putzen, außerdem ist es Sitte, dass die Schüler unterschiedliche Schuhfarben tragen. Dahinter steckt ein ausgeklügeltes System, wie Laura weiß: "An der Schuhfarbe erkennt man, ob das Gegenüber älter oder jünger ist, was entscheidend dafür ist, wie tief man sich verbeugen muss." Sie hat sich vorgenommen, regelmäßig Tagebuch zu schreiben und wird gegen Ende des nächsten Schuljahres wieder zurück auf deutschem Boden sein. Was sie dann tut, steht auch schon fest: "Ich werde während der Projektwoche am Kreisgymnasium eine Japan-AG leiten. Das ist schon abgesprochen."

Nachtrag: Als die Gespräche für diesen Artikel geführt wurden, war – wie aus dem Text ersichtlich – das endgültige Ziel für Laura Hanselmann noch unklar. Inzwischen weiß sie, dass sie zu einer Gastfamilie in Tokyo kommt.