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27. Juli 2015

Namibia

400 afrikanische Jugendliche in der DDR aufgewachsen

In der DDR aufgewachsen wurden nach der Wiedervereinigung 400 Jugendliche wieder in ihre Heimat nach Afrika geschickt / Ein Besuch 25 Jahre später.

  1. Paulus Ndahange träumt noch immer von seiner Rückkehr nach Deutschland. Er sitzt auf einem Felsen vor seiner Wellblechhütte in Namibias Hauptstadt Windhuk und spielt traurige Melodien. Foto: johannes dieterich

  2. Sandmännchen und Apfelkuchen, das prägte den Alltag. Foto: Jan Woitas

Paulus Ndahange sitzt auf einem Felsbrocken vor seiner Wellblechhütte und schlägt die Nylonsaiten einer scheppernden Gitarre an. "If you don’t know, where you come from, you don’t know where you go", singt der großgewachsene Mann mit den melancholischen Augen und wiederholt die Strophe in akzentfreiem Deutsch: "Wenn du nicht weißt, woher du kommst, wie weißt du dann, wohin du gehst?"

Es ist Freitagabend, sechs Uhr – im Township Katutura der namibischen Hauptstadt Windhuk bereitet sich die Bevölkerung auf eine der regen Wochenendnächte vor, die das armselige Leben im Slum etwas erträglicher machen sollen. Paulus Ndahange Augen sind schon jetzt gelb unterlaufen und feucht. Das kann sowohl am billigen Rotwein liegen, den er den ganzen Tag über getrunken hat, wie an den traurigen Melodien, die er seinem lausigen Instrument abtrotzt. "Ich habe schon genug geweint", fährt er mit heiserer Stimme fort: "Ich habe zahllose Niederlagen erlebt." Plötzlich verstummt Seppy Slam, wie sich der Musiker mit Künstlernamen nennt: als ob er sich gerade daran erinnert hätte, dass er auf keinen Fall einen erbärmlichen Eindruck machen will. "Mir geht es eigentlich gut", sagt Ndahange und erhebt sich mit einem Ruck von seinem Felsensitz. "Ich habe ein Haus. Und die Leute lieben meine Musik."

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Als wir uns tags zuvor in Windhuks Zoopark zufällig über den Weg liefen, erzählte der Sänger, dass er im Goethe-Institut Musik unterrichte. Ein kurzer Anruf bringt zum Vorschein, dass in der deutschen Kulturschmiede gar keine Musik unterrichtet wird. Er sei weithin bekannt und könne auch im Internet gefunden werden, fuhr Seppy fort. Doch ein schneller Onlinecheck fördert außer einer kleinen Gig-Besprechung aus dem Jahr 2003 nur einen Veranstaltungshinweis aus dem Folgejahr zu Tage. Sein Studio sei in einem Haus gleich um die Ecke untergebracht, versichert Ndahange vor seiner Wellblechhütte. Doch einen Ortstermin zu fordern, verbietet die Fairness. Dem Sänger kann man den künstlerischen Umgang mit der Wahrheit nicht übel nehmen: Offensichtlich muss sich Ndahange selber beschützen.

Hals über Kopf musste

er die DDR verlassen

Er sei kein Wrack, versichert Seppy Slam, höchstens etwas "low" zurzeit. Die seelische Ebbe hält jedoch schon 25 Jahre lang an: Seit er im August 1990 Hals über Kopf die DDR verlassen musste – und seine namibische Heimat zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Dem damals Zwölfjährigen hätte nichts Schlimmeres passieren können: "Warum hat man uns damals nicht einfach in Deutschland gelassen?" fragt Ndahange und vergräbt sein Gesicht in den Händen. Doch keiner der mehr als 400 namibischen Jugendlichen wurde damals nach seiner Meinung gefragt. Sie waren als Waisen, Halbwaisen oder Kinder noch aktiver Kämpfer der "Südwestafrikanischen Volksbefreiungsorganisation" (Swapo) im Verlauf der 80er Jahre aus Flüchtlingslagern in Sambia und Angola in die DDR ausgeflogen worden – dort sollten sie zur Elite ihrer hoffentlich bald befreiten Heimat ausgebildet werden. Doch dann kam erst der Fall der Mauer und im März 1990 die Unabhängigkeit Namibias dazwischen.

Im Trubel der deutschen Wiedervereinigung wollte man sich nicht auch noch um afrikanische Kinder kümmern müssen: Auf Geheiß der neuen Swapo-Regierung hin wurden sie kurzerhand in ihre unbekannte Heimat zurücktransportiert. Für die "Ossi-Kids" der Schock ihres Lebens. Zunächst lagerte man die Heimkehrer in einer Schule in Windhuks Township Katutura zwischen. Dort erzählten sie Journalisten, zu denen auch ich damals gehörte, wie fehl am Platz sie sich zuhause fühlten: "Nicht einmal unsere Verwandten verstehen wir richtig", sagte ein 15-jähriges Mädchen. Statt in Oschivambo, der Sprache des namibischen Mehrheitsvolks, parlierten die DDR-Kids fließend deutsch mit sächsischem Akzent. "Die Einjeborenen essen ja Frösche", empörte sich ein 12-jähriger Knirps.

Während ein Jugendlicher nach dem anderen von seinen Eltern oder zumindest nahen Verwandten in der Schule abgeholt wurde, blieb Paulus Ndahange bis zuletzt im Zwischenlager hängen – und das, obwohl beide seiner Eltern noch lebten. Der Vater, ein prominenter Swapo-Kämpfer, war als Oberst in der neuen namibischen Armee offenbar mit Wichtigerem beschäftigt, die Mutter lebte als Krankenschwester weit weg im Norden des Landes.

Paulus kam 1978 in einem Flüchtlingslager in der angolanischen Provinz Kwanza Sul zur Welt. Das Lager wurde immer wieder von der südafrikanischen Luftwaffe angegriffen: Bei einem sechs Stunden langen Bombardement im Mai 1978 starben mehr als eintausend Menschen. Auf Empfehlung ostdeutscher Ärzte wurde der sechsjährige Paulus in die DDR ausgeflogen – angesichts des chronischen Hungers und der ständigen Bombenangriffe eine womöglich lebensrettende Entscheidung. "Ich bin meinem Gott noch heute dankbar, dass er mir diese Chance gegeben hat", sagt Paul.

Tatsächlich schien ihr Leben in der DDR einem Märchenbuch entnommen. Die Flüchtlingskinder kamen zunächst in ein von einem Waldstück umgebenes altes Schloss nahe des mecklenburgischen Dorfs Bellin, das nach der Wende zu einem Luxushotel umgebaut wurde. Obwohl sie von namibischen Lehrern in ihrer Sprache Oschivambo unterrichtet wurden, sprachen sie bald nur noch Deutsch miteinander: Sie sangen FDJ-Lieder, aßen Apfelkuchen mit Schlagsahne und sahen Sandmännchen im DDR-Fernsehen. Lucia Engombe, Tochter einer Geliebten des namibischen Befreiungsführers Sam Nujoma, beschreibt in ihrem Buch "Kind Nr. 95", wie die afrikanischen Rebellenkinder zunehmend zu dunkelhäutigen Deutschen heranwuchsen: Sie schlichen abends in die nächste Disko und verliebten sich in blauäugige Jungs aus der Nachbarschaft. Obwohl zunehmend auch mit dem wachsenden Rassismus in der DDR konfrontiert, sehnten sich die schwarzen Mecklenburger nicht in die afrikanische Savanne zurück.

Als im August 1990 überraschend der Befehl zur Rückkehr erging, wäre die damals 18-jährige Lucia Engombe am Liebsten abgehauen. "Es war, als hätte jemand den Zaun fortgerissen, der uns so lange beschützte", meint die heute im deutschsprachigen Programm des namibischen Hörfunks arbeitende Journalistin. "Katutura war dreckig, ungepflegt und verwahrlost", erinnert sich Engombe: "Menschen mit leeren Gesichtern starrten zu unserem Bus empor oder lungerten in zerrissenen Klamotten in den Eingängen von Hütten herum."

Nach drei langen Monaten Wartezeit im Zwischenlager wurde Paulus schließlich von einem Onkel abgeholt: Er lebte einen Steinwurf weit von der Schule in Katutura entfernt. Bei ihm verbrachte er die nächsten Wochen – bis er vom Onkel vor die Tür gesetzt wurde. Der Grund: Paulus hatte mehr als 600 Euro mit einem Freund in der DDR vertelefoniert. Viele Heimkehrer warf es noch ärger aus der Bahn. Monica Nambelelas Bruder nahm sich das Leben: Er habe es "nie verstanden, warum wir damals aus der DDR weggehen mussten", sagt seine im Windhuker Informationsministerium tätige Schwester. Elias wurde rauschgiftsüchtig, Cliffy in eine Psychiatrie eingeliefert und Mecki schlägt sich als Prostituierte durch. Einige der Ossi-Kids lungern täglich im Zoopark herum und warten auf deutsche Touristen, denen sie mit ihren ausgeschmückten Geschichten etwas Geld entlocken.

"Mir tut das heute noch weh", sagt Peter Schlenther, ehemaliger Chef der Deutschen Schule in Windhuk, "dass das bei vielen so tragisch endete." Dabei konnte von Glück reden, wer damals einen Platz in der Deutschen Schule bekam. In anderen Bildungseinrichtungen des Landes wird auf Englisch oder Oschivambo unterrichtet: beides Sprachen, die die Ossi-Kids nur rudimentär beherrschten. Dafür sei ihr Deutsch wesentlich besser als das mit Afrikaans versetzte Buren-Deutsch der Farmerskinder gewesen, sagt Ex-Rektor Schlenther: Ein Umstand, der die ohnehin bestehenden Spannungen in der bis dato rein weißen Schule allerdings eher noch verschärfte. "Wir wurden wie Menschen zweiter Klasse behandelt", erinnert sich Monica Nambelela. Habe eines der Ossi-Kids geduscht, hätten die weißen Kinder anschließend nicht in die Dusche gehen wollen. Und von den ausschließlich weißen Lehrern seien sie ebenfalls schlechter behandelt worden. Zuhause konnten sie sich auch hier nicht fühlen.

Immerhin richtete die Bundesregierung eine Stelle für eine Sozialpädagogin in Windhuk ein, die sich um die verlorenen Seelen kümmern sollte. Sieben Jahre lang ging Hannelore Hopf ihrer Sisyphos-Arbeit nach, beschaffte Notunterkünfte für Ossi-Mädchen, die zu Hause rausgeworfen worden waren, oder zahlte Kaution für Ossi-Jungs, die mal wieder etwas ausgefressen hatten. Einigen Glücklichen organisierte sie sogar ein Stipendium in Deutschland. Eine einzige Person für mehr als 400 komplizierte Fälle sei allerdings nicht genug gewesen, weiß Ex-Rektor Schlenther: "Da hätte mehr geschehen sollen." Den Kindern habe "der Halt gefehlt, um den Bruch zu verkraften", sagte die längst wieder nach Deutschland zurückgekehrte Sozialarbeiterin Hopf im Gespräch mit der Zeit: "Vor allem die Jüngeren, die in der Pubertät waren, als sie nach Namibia zurück mussten, wollten einfach nicht erwachsen werden.

Simeon Shivute trifft auf die Minute pünktlich in Windhuks "Kaffee Schneider" ein. Es gibt Apfelstrudel und Schwarzwälder Kirschtorte, die Kaffeebohnen wurden in Hamburg geröstet. Shivute gehört zu den Vorzeigeexemplaren unter den Ossi-Kids: Er absolvierte anstandslos sein Abitur im privaten deutschen Gymnasium, machte eine Kaufmannslehre und studiert jetzt neben seiner Arbeit in einer großen Bank noch Informatik. Der gutgekleidete Jungbanker lebt in einer geräumigen Wohnung und hat eine Freundin, die er bald heiraten will.

Sein geregeltes Leben führt Shivute auf einen einzigen Umstand zurück: dass er von den Herrigels wie ein Sohn aufgenommen wurde. Als Karin Herrigel, Frau des inzwischen verstorbenen ersten namibischen Finanzministers, einst vom Dilemma der Ossi-Kids erfuhr, rief sie ihre rund 20 000 deutschstämmigen Landsleute zur Soforthilfe auf: Sie sollten ihre Türen für die verlorenen schwarzen Deutschen öffnen.

Die Reaktion sei überwältigend gewesen, erinnert sich die Minister-Witwe: Mehr als 50 Familien nahmen eines oder gleich mehrere der Ossi-Kids zumindest für die Ferien auf. Doch nicht immer ging die Liaison zwischen den Swapo-Waisen und den für ihren knochenharten Konservativismus berüchtigten "Südwestern" gut. Die Kluft, die über die gemeinsame Sprache hinaus zu überwinden war, sorgte für Missverständnisse und Vorwürfe der "Undankbarkeit".

Für Simeon Shivute, dessen aufgeschlossene weiße Adoptiveltern schon seit langem der Swapo angehörten, hätte es nicht besser kommen können: "Es war super, super, super", schwärmt er mit leichtem sächsischen Akzent. Noch heute hat der schwarze Banker engen Kontakt zu Mama Karin: "Mit ihr verbindet mich mehr als mit meinen Oschivambo-Eltern". Auch wenn seine künftige Frau nicht zu den Ossi-Kids gehört, will Shivute mit den Kindern, die sie hoffentlich bald haben würden, Deutsch reden: "Und an Weihnachten kaufen wir einen Tannenbaum."

An Heiligabend gibt’s

einen Weihnachtsbaum

Ob er in seinem Glück zur Mehrheit oder Minderheit der schwarzen deutschen Namibiern gehört, weiß Shivute nicht: Der einst enge Kontakt unter den Ossi-Kids sei inzwischen eingeschlafen. Fest steht, dass ein beachtlicher Anteil der Swapo-Waisen nach Deutschland zurückgekehrt ist, andere leben über das Land verstreut. Höchstens ein gutes Dutzend hat es wie Simeon Shivute in Windhuk zu etwas gebracht: darunter ein Anwalt, eine Mitarbeiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung oder die Leiterin des "Instituts für Demokratie".

Auffallenderweise fühlt sich keiner der ehemaligen Elitezöglinge besonders mit der Swapo verbunden: In dieser Hinsicht ist die ehemalige Befreiungsbewegung genauso gescheitert wie in ihrer einstigen Absicht, aus Namibia ein sozialistisches Staatswesen zu machen. Ab und zu geht Simeon Shivute in seiner Mittagspause im Zoopark spazieren und begegnet dort Paulus Ndahange. Dann tauschen die beiden deutsche Erinnerungen aus, und der glückliche Simeon gibt dem traurigen Paulus etwas Geld. Noch immer träumt Ndahange davon, nach Deutschland zurückzukehren, um dort als Musiker zu reüssieren. Doch einem Ovambo-Sprichwort zufolge könne man "in einem fremden Land nicht glücklich werden", sinniert der Sänger. Wenn einem das eigene Land fremd wird, hilft nicht mal ein Sprichwort.

Autor: Johannes Dieterich