Amerikanische Waffenlobby schießt zurück

Frank Herrmann

Von Frank Herrmann

Di, 27. Februar 2018

Ausland

Nach dem Schulmassaker von Parkland schwieg die NRA / Mit der Zurückhaltung ist es nun vorbei – mit Gerüchten und Halbwahrheiten mobilisiert sie ihre Anhänger.

Kurt Schlichter muss gleich in eine Fernseh-Talkshow. Egal, sagt er, Zeit für ein paar Fragen habe er immer. Während ein Regisseur langsam hektisch wird und augenrollend auf eine blinkende Digitaluhr zeigt, erzählt Schlichter gut gelaunt von seinen Vorfahren. Irgendwann, "vielleicht vor 250 Jahren, so genau weiß ich das nicht", seien sie aus irgendeinem deutschen Fürstentum in die Neue Welt ausgewandert. In die Freiheit. Damit kommt Schlichter auf die Ausgangsfrage zurück, auf die Frage, wozu Amerika so viele Waffen brauche. "Das einzige Problem, das Amerika hat, sind zu wenige Leute mit Waffen", sagt er und lächelt. "Wie sonst, wenn nicht mit Waffen, sollen wir die Rechte verteidigen, die uns von jedem anderen verdammten Land dieser Erde unterscheiden?"

Der Anwalt aus Los Angeles sitzt an einem ovalen Tisch auf dem Flur einer riesigen Kongresshalle. Über ihm schwebt ein Weißkopfseeadler, das Wappentier der Vereinigten Staaten, nur dass der Adler auf dieser Abbildung zwei gekreuzte Flinten in den Klauen hält. Es ist das Emblem der NRA, der National Rifle Association. Die Sendung, in der Schlichter mit den Argumenten eines Juristen begründet, warum schärfere Schusswaffengesetze ein eklatanter Verfassungsverstoß wären, wird von der NRA-eigenen Fernsehstation ausgestrahlt. Sie heißt Cam & Co, der Moderator trägt Vollbart und Baseballkappe und gibt sich genauso jovial, genauso lässig wie Schlichter.

Oxon Hill, eine Satellitenstadt südlich von Washington. In einem Konferenzzentrum, in dessen größtem Saal locker zwei Fußballfelder Platz hätten, tagt die Conservative Political Action Conference, von den Veranstaltern als Ideenschmiede konservativer Graswurzelaktivisten vermarktet. Die NRA, einer der mächtigsten Interessenverbände des Landes, nutzt die Bühne, um in die Offensive zu gehen. Nach dem Blutbad an einer Highschool in Parkland hatte sie sich für kurze Zeit weggeduckt, wie fast immer nach dem Schock eines Amoklaufs.

Während die Schüler am Montag erstmals nach dem Massaker wieder in ihre Schule zurückkehrten, versuchen rechte Talkradio-Moderatoren weiter die Wortführer der anschwellenden Schülerproteste madigzumachen. In Wahrheit, fabulierten sie, handle es sich bei Teenagern wie Emma Gonzalez um Schauspieler, die von Krisenschauplatz zu Krisenschauplatz tingelten, um sich zu inszenieren und auf die Tränendrüse zu drücken.

Die NRA schwieg, abgesehen von dürren Statements. Damit ist es nun vorbei. Es beginnt mit einem Gerücht, das Dana Loesch streut. Mit ihren langen schwarzen Haaren ist die 39-Jährige aus St. Louis das neue Aushängeschild der NRA. Früher war sie Redakteurin bei Breitbart News, der rechtspopulistischen Online-Plattform, heute vertritt sie die Waffenlobby, wenn die ein telegenes Gesicht braucht. Am Mittwoch flog Loesch nach Miami, um bei einem Bürgerforum von CNN aufzutreten, vor rund 7000 Zuschauern in einer Sportarena, unter ihnen Eltern, Geschwister und Freunde der getöteten Schüler. Beim Verlassen der Arena, erzählt sie später im Radio in ihrer Dana Show, sei sie aufs Übelste beschimpft worden. Genau habe sie es im Lärm nicht verstanden, doch es habe sich angehört, als habe jemand "Burn her!" gerufen – "Verbrennt sie". In Oxon Hill macht die Story im Nu die Runde, in den Augen ihrer Fans ist sie bald kein Gerücht mehr, sondern ein erwiesener Fakt. Und die Sprecherin der NRA stellt sich hinter ein Rednerpult, um die Medien zu attackieren. "Ihr liebt doch diese Schießereien. Ich will nicht behaupten, dass ihr die Tragödie liebt. Aber ich behaupte, ihr liebt die Einschaltquoten. Weinende weiße Mütter sind für euch Quotengold."

Als Loesch die Bühne verlässt, tritt Wayne La Pierre ins Scheinwerferlicht, der Chef der NRA. Auch bei ihm ist die Zurückhaltung der letzten Tage selbstsicherer Angriffslust gewichen. Den Eliten, wettert La Pierre, gehe es doch gar nicht um Schulkinder. Worum es ihnen gehe, sei die Kontrolle freier Bürger. Um die zu erlangen, wollten sie den zweiten Verfassungszusatz ausradieren und somit das Recht auf privaten Waffenbesitz. "Und wenn sie uns diese Freiheit genommen haben, nehmen sie uns auch alle anderen persönlichen Freiheiten." La Pierre spricht von Sozialisten europäischen Stils in den Reihen der amerikanischen Demokraten, er spricht vom Kommunistischen Manifest und von Karl Marx. Marx, sagt er, sei mittlerweile der meistgelehrte Ökonom an den Universitäten des Landes.