Aus dem Teufelskreis der Armut

Frauke Wolter

Von Frauke Wolter

Sa, 29. Mai 2010

Ausland

Mit einer guten Ausbildung haben auch Mädchen aus leprakranken Familien in Indien eine Zukunftschance / Neue Projekte.

Großzügig, weiß gestrichen und mit vielen Fenstern – Shanti Sadan heißt das neue Haus, das Anfang 2010 in dem indischen Kinderdorf Naya Jeevan eröffnet worden ist. Träge drehen sich die Ventilatoren in dem Aufenthaltsraum, dessen Wände halb gekachelt sind. Die offenen Wandschränke der Kinder sind bunt lackiert, in den neuen Toiletten rauscht das Wasser. 70 Mädchen aus armen, leprösen Familien haben hier einen Platz zum Leben und Lernen, betreut werden sie von der katholischen Hilfsorganisation Helpers of Mary. 120 000 Euro haben der Abriss des alten Hauses sowie der Neubau gekostet, gespendet wurde das Geld von den Lesern der Badischen Zeitung. Bei Bedarf kann das Gebäude später auch in ein Betreuungszentrum für an Aids erkrankte Kinder umfunktioniert werden.

Mit Shanti Sadan hat der Gundelfinger Verein "Wasser ist Leben" nun zumindest die Baumaßnahmen für das Hilfsprojekt Naya Jeevan abgeschlossen. Beendet ist das Engagement für das Kinderdorf bei Assangaon (80 Kilometer nördlich von Mumbai) aber mitnichten – regelmäßig werden weiterhin Überweisungen nach Indien gehen: für den Lebensunterhalt der insgesamt rund 350 Kinder, ihre Ausbildung, den Betrieb der Farm und die medizinische Versorgung der HIV-Infizierten. Auch hier helfen die BZ-Leser insbesondere mit ihren Patenschaften.

Dennoch ist es Zeit innezuhalten – und Bilanz zu ziehen. 15 Jahre hilft "Wasser ist Leben" schon in Naya Jeevan. Der Name verrät, wie die Geschichte anfing: In den 90er Jahren waren in dem Kinderdorf alle Brunnen versiegt. War bei der Grundsteinlegung 1967 noch genug Wasser vorhanden gewesen, hatten der Kahlschlag auf den umliegenden Hügeln und die daraus folgende Erosion den Grundwasserspiegel in mehr als 100 Meter Tiefe absinken lassen. Außerhalb der Monsunzeiten gab es für den Ackerbau nicht mehr genug Wasser. In den ersten Jahren kümmerte sich "Wasser ist Leben" daher um das "Watershed Management": mit dem Bau von Ministaudämmen, Erdtanks, Zisternen, Regenauffangbecken, Brunnen und Rohrleitungen.

Heute sind die Vorratstanks der Anlage meist voll. In guten Monsunjahren stehen den Kindern täglich bis zu 20 Liter Wasser für Nahrung und Hygiene zur Verfügung. Aber es gibt auch Dürrejahre, und 2009 war so eines: In den Monaten März bis Mai mussten die Helpers of Mary Trinkwasser dazukaufen, weil das gebunkerte Wasser für die Felder benötigt wurde. Das geht ins Geld. Für solche Notfälle hatte der Verein bereits 2003 einen Rücklagenfonds eingerichtet. Im Jahr 2000 schuf er außerdem einen Fonds für die Ausbildung der Mädchen, der jährlich von den Spendern bezuschusst wird.

Davon profitierten bis heute rund 550 Kinder aus mittlerweile zehn Stationen der Helpers of Mary. Ihnen werden eine Berufsausbildung (Krankenpflegerin, Sekretärin, Erzieherin) oder der Gang zum College finanziert. Noch dazu werden seitdem auch die Schulgebühren und die Schuluniformen von etwa 240 Mädchen aus Naya Jeevan und seit 2005 auch von weiteren 250 Kindern aus dem Slum von Malwani (Mumbai) bezahlt. Damit haben diese Mädchen eine reelle Chance, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen und später Geld in besser bezahlten Jobs zu verdienen.

Der nächste große Schritt für den Verein war eine bessere Selbstversorgung des Kinderheims. "Wasser ist Leben" investierte in die angeschlossene Farm von Naya Jeevan, installierte eine Tröpfchen-Bewässerung der Felder, baute einen Hühner- und einen Rinderstall, eine Bäckerei und eine Biogasanlage für die Teezubereitung. Mit 8000 Euro wird der Farmbetrieb inzwischen jährlich bezuschusst. Auf den Tellern der Mädchen liegen seither neben dem Reis frisches Gemüse und Obst, Milch und Eier.

2008 nahm der Verein wieder Geld in die Hand und sanierte Schritt für Schritt die Wohnanlage, die im Laufe der Jahre unter dem Einfluss extremer Wetterbedingungen gelitten hatte. Gebaut wurde eine Stützmauer gegen die Erosion; neue Toiletten entstanden, die Wege wurden gepflastert, die Häuser gestrichen. Ein Jahr später erfüllte sich dann ein weiterer großer Wunsch der katholischen Schwestern: Licht! 30 000 Euro investierte man in Solaranlagen. Installiert wurden 114 Leuchtkörper in den Innenräumen, zehn Haustür- sowie zehn Wegbeleuchtungen. Endlich war man in Naya Jeevan unabhängig vom maroden indischen Stromnetz. Hausaufgaben, Mahlzeiten, der Toilettengang – nichts musste mehr im Dunkeln erledigt werden.

Langfristig will "Wasser ist Leben" neben Naya Jeevan nun zwei weitere Kinderheime der Helpers of Mary unter seine Fittiche nehmen und dort einzelne Projekte fördern. Die Kinderhäuser befinden sich im Distrikt Ahmednagar, etwa 300 Kilometer östlich von Mumbai; das ist ein Trockengebiet mit unregelmäßigem Niederschlag. Geplant ist, Bohrbrunnen einzurichten sowie die Warmwasserversorgung und die Ausbildung von 60 beziehungsweise 70 Mädchen aus armen Familien zu unterstützen.