Brandkatastrophe in Kemerowo

Die Wut auf den russischen Staat ist groß

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Di, 27. März 2018 um 20:30 Uhr

Ausland

Nach der Brandkatastrophe im russischen Kemerowo gehen Tausende Einwohner auf die Straße.

Im vierten Stockwerk war der Rauch so dicht, dass Alexander nur noch kriechen konnte. "Ich hatte so viel Kohlenmonoxid eingeatmet, dass ich fast das Bewusstsein verlor. Meine Tochter rief immer wieder an. Ich schrie in den Hörer, sie solle versuchen, aus dem Saal zu kommen, aber ich konnte nichts tun, vor mir brannte schon alles." Es klingt, als erzähle Alexander Lillewjali einen Albtraum. Seine drei Töchter kamen im Kinosaal des Einkaufszentrums Winterkirsche um, während er vergeblich um ihr Leben kämpfte.

  Draußen auf der Straße standen Feuerwehrleute, Alexander sagte ihnen, im Kino seien Kinder eingeschlossen, sie lebten noch, man müsse sie retten. "Die Katastrophenschützer willigten ein, aber dann brauchten sie volle drei Minuten, um ihre Gasmasken anzuziehen. Ich zeigte ihnen die Treppe, auf der man am schnellsten zum Kino kam, aber dann sagte irgendjemand, die Zentraltreppe brenne, und, verflucht, sie sind hinter ihm hergelaufen. Ich bat sie, mir eine Gasmaske zu geben, um die Kinder selbst rauszuholen. Sie antworteten, das sei nicht erlaubt, sie hätten ihre Vorschriften. Meine Mädels blieben drinnen und verbrannten wegen der verteufelten Vorschriften."

Die Feuerkatastrophe im Einkaufs- und Vergnügungszentrum Winterkirsche beherrschte die ostsibirische Stadt Kemerowo auch am Dienstag. In dem brennenden Gebäude waren am Sonntag 64 Menschen ums Leben gekommen, davon mindestens 39 Kinder.

Vor der Regionalverwaltung versammelten sich mehrere Tausend Menschen. Sie forderten den Rücktritt des Gouverneurs Aman Tulejew und das Erscheinen von Wladimir Putin. Der russische Präsident war am Morgen nach Kemerowo geflogen, wo er die mit Blumen und Plüschtieren überhäufte Gedenkstätte vor dem ausgebrannten Einkaufszentrum besuchte, im Leichenschauhaus mit mehreren Bürgern zusammentraf und eine Sitzung zur Beseitigung der Brandfolgen leitete.

Putin spricht von korrupten Beamten

"Wir reden über Demografie und verlieren so viel Menschen, warum?", räsonierte der Staatschef. "Wegen verbrecherischer Fahrlässigkeit und Schlamperei." Putin ließ durchblicken, das Management des Einkaufszentrums hätte sich mit Hilfe korrupter Beamter vor Brandschutzkontrollen gedrückt: "Ohne Geld gibt es keine Bescheinigung, für Geld unterschreiben sie alles, was man will."

Putin flog wieder davon, ohne vor der Menge aufzutreten. Auch Gouverneur Tulejew, der sich bei Putin für das Geschehene entschuldigt hatte, ließ sich dort nicht blicken. Dafür ging Vizegouverneur Sergei Ziviljew vor den Demonstranten auf die Knie und bat um Verzeihung. Zuvor hatten immer neue Einzelheiten des Unglücks die Öffentlichkeit empört. So sagte Rinat Jenikejew, Brandschutzaufsichtschef des Ministeriums für Katastrophenschutz, der Agentur Tass, das Einkaufszentrum wäre 2013 im Gebäude einer ehemaligen Konditoreifabrik ohne die nötige Genehmigung eröffnet worden. Und 2016 sei die Winterkirsche einer Brandschutzprüfung entgangen, weil sie als "Kleinbetrieb" von solchen Inspektionen befreit war. Obwohl in dem Gebäude ein Kino mit über 540 Sitzplätzen, ein Spielzentrum, eine Tanzschule, eine Trampolinanlage und zahlreiche Geschäfte sowie Restaurants in Betrieb waren.

Eine Sprenkleranlage fehlte, das Alarmsystem funktionierte nicht. Erst hieß es, ein Wachmann habe sie ausgeschaltet, dann, sie sei seit dem 19. März defekt gewesen. Außerdem hatte man vor dem Unglück die Türen von zwei der drei Kinosäle verschlossen, offenbar, damit sich niemand ohne Eintrittskarte hineinschleichen konnte. Auch verschiedene Notausgänge waren nach Angaben des russischen Ermittlungskomitees abgesperrt, die Winterkirsche entpuppte sich als tödliche Falle. 

Die Kundgebung in Kemerewo dauerte am Dienstag neun Stunden. Die Demonstranten verdächtigten die Behörden vor allem, diese würden die wahren Opferzahlen unterdrücken, einige redeten von über 300 Toten. "Nach meiner Erfahrung ist das wohl nicht der Fall", sagt die Moskauer Politikwissenschaftlerin Jekaterina Schulmann der Badischen Zeitung. "Aber der Verdacht zeigt, wie niedrig das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Staatsmacht ist." Obwohl Gouverneur Tulejew bei den Wahlen 2015 über 78 Prozent der Stimmen in der Region gewonnen habe, glauben die Leute nicht, was er sagt. "Solche Katastrophen machen das Vertrauensvakuum in der russischen Politik sichtbar", erklärt Schulmann. "Staat und Gesellschaft leben gewöhnlich voneinander getrennt, jetzt prallen sie aufeinander." Vor der Regionalverwaltung kam es jetzt immer wieder zu erbitterten Wortwechseln: "Das Volk wird wie Vieh behandelt", schimpfte ein Mann, der seine Frau, seine Schwester und drei Kinder verloren hatte. "Was, junger Mann? Sie wollen sich hier mit Leid profilieren", konterte Vizegouverneur Ziviljew. 

Vielleicht wird nun das Ministerium für Katastrophenschutz reformiert, sehr wahrscheinlich muss der 73-jährige Tulejew bald als Gouverneur abdanken. Aber Schulmann oder andere Experten erwarten keine Revolution. Immerhin erklärte am Dienstag auch Präsident Putin für den heutigen Mittwoch Staatstrauer, nachdem mehrere russische Regionen und Städte aus Solidarität mit Kemerowo Trauertage ausgerufen hatten.