Umweltpolitik

Unterwegs mit Barbara Hendricks in Marokko

Bärbel Krauß

Von Bärbel Krauß

Sa, 19. November 2016

Ausland

Umweltministerin Barbara Hendricks besucht das größte Solarkraftwerk der Welt in Marokko / Beim Klimagipfel in Marrakesch bekommt sie viel Lob.

Eigentlich ist es in der Mittagszeit brütend heiß in Ouarzazate. Mit Helm und Schutzweste steht Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) trotzdem ganz entspannt im Schatten und weist auf die vielen Sonnenmodule. Die Klimakonferenz, die 200 Kilometer weiter nordwestlich in Marrakesch in die Zielgerade biegt, ist weit weg. Es gibt keine Verhandlungen über knifflige Fragen, und es gibt keine Gerüchte, die kollektive Anspannung erzeugen. Nachrichten über den künftigen Präsidenten der USA, Donald Trump, treffen keine ein. Die marokkanische Wüstenstadt Ouarzazate liegt im Funkloch. Das neutralisiert Trump – eine Zeitlang wenigstens.

Die Klimagipfelteilnehmer sind routiniert darin, sich mit dem Ungreifbaren zu beschäftigen. Viele Jahre schien der Klimawandel weit in der Zukunft zu liegen. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass mit Trump gerade in dem Moment ein Leugner der Erderwärmung zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigt, in dem neue globale Hitzerekorde aufgestellt werden, Dürren, Fluten, Hurrikane, Starkregen und sonstige Extremwetterlagen nicht mehr Jahrhundertereignisse, sondern Alltagserfahrungen sind. Mit Donald Trump verhält es sich beim Klimagipfel in der "roten Stadt" Marrakesch ein wenig wie mit dem bösen Lord Voldemort in den Harry-Potter-Romanen: Er ist nicht da, aber alle fürchten sich vor ihm. Trump ist der Dreh- und Angelpunkt des diesjährigen Klimagipfels. Tagelang wabern Gerüchte durch die Zeltstadt, Trump könnte "die Bombe" noch während des Gipfels platzen lassen und offiziell ankündigen, so schnell wie möglich aus den Klimaverträgen auszusteigen.

So schlimm kommt es aber dann doch nicht. Allein schon das dürfte ein Grund sein, warum Umweltministerin Hendricks so entspannt in der Wüste von Ouarzazate steht und über Afrikas Zukunft spricht. Vor ihrem Beobachtungsposten ragen die Betonstümpfe noch nackt in die Luft. Aber hinter Hendricks stehen die Heliostate, die an 320 Sonnentagen im Jahr Licht und Wärme einfangen, in Reih und Glied: Auf Betonstelen ruhen quadratische Sonnenspiegel und zeichnen endlose Reihen von Schattenquadraten in den Sand. Die Anlagen sehen aus wie überdimensionierte Pilze mit viereckigem Hut. Alles in Ouarzazate ist gigantisch: Auf der Fläche eines der quadratischen Sonnenkollektoren würde ein großzügiges Einfamilienhaus von fast 180 Quadratmetern Grundfläche Platz finden. 3000 Hektar ist die Fläche groß, auf der Parabolspiegel und Sonnenkollektoren aufgereiht sind. Allein das erste von vier Feldern des Kraftwerks, das seit Januar in Betrieb ist, ist so groß wie die marokkanische Hauptstadt Rabat.

Wenn das größte Solarkraftwerk der Welt in zwei Jahren fertig ist, wird es eine Kapazität von 600 Megawatt haben. "Damit kann man zwei Millionen Menschen mit Strom versorgen", sagt Hendricks mit stolzem Unterton. In der 2,2 Milliarden Euro teuren Anlage stecken auch fast 900 Millionen Euro aus Deutschland, das meiste davon stammt aus Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau. "Marokko und Deutschland sind beide in ihren jeweiligen Regionen führend bei erneuerbaren Energien", fügt Hendricks hinzu und klingt ein wenig triumphierend. "Das Kraftwerk ist ein Beispiel für ganz Afrika", sagt Hendricks. "Und es ist der Beweis, dass man große Städte mit Strom versorgen kann, ohne fossile Energien zu verbrennen."

Für Hendricks waren die Klimakonferenz und die Vorarbeiten dazu ein Wechselbad der Gefühle. Zu Hause wurde ihr Klimaplan von Umweltverbänden und der Opposition zerpflückt. Ausgerechnet ihr Parteichef, Vizekanzler Sigmar Gabriel, hatte das Papier mit unter Genossen ungewohnter Brutalität kritisiert und sich am Ende mit seinen Korrekturen durchgesetzt. In Marrakesch allerdings bekommt Hendricks viel Zuspruch: Deutschland zählte neben den USA, Mexiko und Kanada zu den wenigen Staaten, die solche Pläne vorgelegt haben. Von Öko- und Entwicklungsorganisationen gab es Anerkennung für die deutschen Initiativen, und der Direktor des UN-Umweltprogramms (Unep), Karl Solheim, sagte auf offener Bühne, dass jeder die Deutschen um ihre Energiewende beneide. "Jetzt erst recht" war das Motto, mit dem Barbara Hendricks nach Trumps Wahlsieg nach Marokko aufgebrochen war. Es gab Zeiten, in denen dieser Wahlspruch der letzte Strohhalm war, an den sich die vieltausendköpfige Gemeinde der globalen Klimapolitiker klammerte. 2009, nach der Konferenz von Kopenhagen, war das so. Damals ließ der jetzt aus dem Amt scheidende US-Präsident Barack Obama zusammen mit seinem chinesischen Amtskollegen die Hoffnung auf einen Weltklimavertrag platzen. Aber die Zeiten ändern sich, die USA unter Obama und China mauserten sich in den vergangenen Jahren zu konsequenten Verfechtern des Klimaschutzes. Eine der Schlüsselfragen in Marrakesch war, wie es weitergehen wird unter Donald Trump.

US-Außenminister John Kerry fiel die Rolle zu, die Frage fürs Erste zu beantworten. "Lasst uns über den Elefanten im Raum reden", sagte er bei einem wichtigen Wirtschaftsforum. Kerry gab sich überzeugt, dass der Klimaschutz in den USA weiterhin ein vorrangiges Thema bleiben wird – "unabhängig davon, welche Politik gewählt wird". Auch ein amerikanischer Präsident kann nicht machen, was er will, war seine Hauptbotschaft. "Amerikas Windenergie hat sich seit 2008 verdreifacht, Solarenergie ist um das Dreißigfache gewachsen." Kerry berief sich auf amerikanische Investoren, Unternehmer, Bürgermeister und Gouverneure. Er verwies auf die chinesischen Milliardeninvestitionen in diesem Sektor und auf den Emissionshandel, den beide Staaten eingeführt haben. "Diese Entwicklungen werden weitergehen, weil die Marktplätze das diktieren und nicht die Regierung."
Kerry glaubt, dass das
Klimaabkommen Bestand hat

Wahrscheinlich hat Kerry in seinem ganzen politischen Leben das Amt des US-Präsidenten, um das er sich einst selbst beworben hat, nie kleiner geredet als jetzt. Amerika sei dabei, seine internationalen Verpflichtungen einzuhalten. "Ich glaube nicht, dass das zurückgenommen werden kann", sagte Kerry und nannte auch gleich den Grund dafür: "Man kann das Richtige tun und zugleich damit Geld verdienen."

Natürlich wissen alle in Marrakesch, dass Sand ins Klimagetriebe geraten wird, wenn Trump im Amt angekommen ist. Aber mit Rückschlägen, Schwierigkeiten und Krisen haben die Klimadiplomaten Erfahrung. Hatten nicht auch die Kanadier und Australien sich zeitweise aus den Klimagesprächen so gut wie verabschiedet?, fragen altgediente Diplomaten mit Blick auf die Geschichte und auf die Zukunft. Und saßen diese Länder nicht irgendwann wieder mit am Tisch, um bei jeder Gelegenheit zu versichern: "Freunde, wir sind wieder da!" In Marrakesch richtet sich die Klimakonferenz darauf ein, dass die nächste Etappe eine Zeit mit einem schwierigen Partner sein wird. Man sieht sich im nächsten Jahr in Bonn. Und dann sieht man weiter.