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09. Februar 2012

Syrien

Ein Land voller Angst

Der Aufstand in Syrien wird vom Regime brutal bekämpft. Dennoch hat Assad auch Anhänger.

  1. Bewaffnete Aufständische in Syrien Foto: AFP

  2. Syrien Foto: Daniel Etter

Dieses Dorf soll ohne Namen bleiben. Zu groß ist die Angst der Bewohner, dass die Sicherheitskräfte des Regimes wieder kommen, dass die Männer festgenommen und gefoltert werden, dass sie für immer verschwinden. "Sie können nicht unterscheiden zwischen den Unschuldigen und den Schuldigen", sagt Abu Hamad. Er meint: zwischen den Menschen, die bewaffnet Widerstand leisten, und denen, die sich plötzlich inmitten eines Aufstandes wieder finden, den sie so nicht wollten. Abu Hamad, Englischlehrer in Rente, graues Haar und grauer Schnauzer, braune Lederjacke, zählt sich selber zu den Unschuldigen.

Das Dorf liegt in der syrischen Unruheprovinz Idlib. Hier sei jeder auf der Seite der Opposition, sagen die Aktivisten, die jede Nacht in einem kleinen, überhitzten Raum Videos ihrer Demonstrationen auf Youtube hochladen. Das sagen auch die Soldaten der aufständischen Freien Syrischen Armee, die um die Stadt Position bezogen haben und den Bewohnern ein vages Gefühl von Sicherheit geben. Das sagt ebenfalls der stets schwarz gekleidete Dorfvorsteher, zu dem die Männer kommen, wenn sie Streitigkeiten beilegen wollen. Nur Abu Hamad zweifelt: Er weiß nicht, ob er dem Staatsfernsehen glauben soll oder den Nachbarn. Seine Zweifel zeigen, wie weit die Propaganda des syrischen Regimes reicht und wie gespalten und komplex die Lage in Syrien ist. Kaum ein westlicher Journalist gelangt in die Krisenzonen. Also fehlen weitgehend unabhängige Berichte über das Geschehen und über die Haltung der Syrer.

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Die UN schätzen, dass mindestens 5000 Menschen in den elf Monaten des Aufstandes in Syrien umgekommen sind. Diese Schätzung ist mehr als fünf Wochen alt, inzwischen dürften es Hunderte mehr sein. Trotzdem hat der syrische Präsident Baschar al-Assad Rückhalt in großen Teilen der Bevölkerung. Anfang Januar ergab eine Umfrage in Syrien, dass 55 Prozent der Befragten gegen Assads Rücktritt sind. Die Umfrage wurde von Katar finanziert – einem Staat, der zu den offensivsten Kritikern Assads gehört.

Neben Abu Hamad liegt ein junger Aktivist auf dem Bett. Die Geister hätten versucht, ihn umzubringen, sagt er. Shabiha – Arabisch für Geister –, so nennen sie hier die Schlägertruppen des Regimes. Auf der Landstraße haben sie sein Auto beschossen, sechs Kugeln in seinen Körper gejagt. Irgendwie hat er überlebt. Ein Nachbar war unter den Shabiha. "Das ist das Resultat des Aufstandes", sagt Abu Hamad. Die Stadtbewohner sollen gegeneinander aufgebracht werden, das Land in Anarchie gestürzt werden. "Das schwächt uns vor dem wirklichen Feind. Wir müssen zusammenstehen", sagt er. Wer ist das, dieser wirkliche Feind? Abu Hamads Antwort bleibt vage.

Noch immer haben viele Syrer weniger Angst vor Assad als vor dem, was nach ihm kommt. Noch immer glauben viele Syrer den Aussagen Assads, in denen er die Opposition als Verschwörung fremder Mächte abtut, die das Land destabilisieren wollen. Assad schürt damit Angst vor Israel und den USA. Am größten jedoch ist unter den schiitischen, christlichen und alawitischen Minderheiten die Angst vor der Zeit nach der Revolution – wenn womöglich die sunnitische Mehrheit die Macht übernimmt.

Revolution oder nicht: Das ist eine Entscheidung, die nicht der Einzelne trifft, sondern die Dorfgemeinschaft. Im Nachbardorf kann man leicht erkennen, wo es politisch steht: An jeder Straßenecke hängen Bilder von Assad. Die Bewohner sind Schiiten, sie stehen der vornehmlich alawitischen Führungsriege nahe. Zwischen den beiden Dörfern gab es gute Beziehungen – bis die Revolution kam.

Fast jede Nacht tanzt der harte Kern der Demonstranten auf dem Dorfplatz und fordert singend den Sturz des Regimes. Mal sind es 20, 30 Männer, mal 100 oder 200. Freitags kommt das ganze Dorf zusammen, rund 2000 Männer, am Rande kleine Gruppen von Frauen. Osama, 26 Jahre alt, Arabischstudent, war einer der Ersten, der demonstriert hat. An dem Tag, als in Pakistan sein Namensvetter Osama bin Laden getötet wurde, holten ihn Sicherheitskräfte ab. Sie verbanden ihm die Augen, hängten ihn an den Armen auf, schlugen ihn, quälten ihn mit Stromschlägen. "Warum brauchst du Freiheit?", hatten sie gesagt, berichtet Osama.

Es gibt viele junge Männer hier, aber wenig Arbeit. Wer es irgendwie schafft, geht ins Ausland, um Geld zu verdienen. Wer ein Gewerbe aufmachen will, muss korrupte Beamte bestechen. Die Frustration ist groß und sicherlich einer der Gründe, warum sie hier auf die Straße gegangen sind.

Abu Hamad hat eine andere Erklärung: "Die jungen Leute haben kein Geld bekommen, jetzt stehen sie auf der Seite derer, die sie bezahlen." Nur gegen Geld gingen sie jeden Abend zu den Demonstrationen. Nur gegen Geld desertierten sie und schlössen sich der Freien Syrischen Armee an. Ob er Aktivisten oder Deserteure schon gefragt hat, ob sie bezahlt werden und von wem? Nein, sagt Abu Hamad. Sie sitzen nebenan in einem kleinen, stickigen Raum, wo sie sich zu Zigaretten und Tee getroffen haben und diskutieren. Zum ersten Mal fragt er sie direkt: "Bekommt ihr Geld?" Alle dementieren aufgeregt, keiner würde irgendwas bekommen. Abu Hamad winkt ab. "Sie können einem nicht die Wahrheit sagen." Schon jetzt sei es hier unsicherer geworden, findet er. Nicht wegen der Kämpfe zwischen Armee und Aufständischen – die gab es hier schon seit drei Monaten nicht mehr –, sondern allgemein. Es gebe keine staatliche Autorität mehr, die für Ordnung sorge, die die jungen Männer vom Stehlen abhalte. Ist es so, dass sich die Dorfbewohner gegenseitig bestehlen? Abu Hamad verneint. Trotzdem – es sei unsicherer geworden im Dorf. Für die Oppositionellen hat die fehlende staatliche Autorität mehr Sicherheit gebracht, zumindest gefühlt. Sie haben keine Angst mehr, auf die Straße zu gehen, ihre Meinung zu äußern. Armee und Shabiha waren das letzte Mal im Oktober hier.

Keine Waffen

gegen Panzer

Die Aktivisten sagen, dass sie nicht kommen können, weil die Freie Syrische Armee sie beschütze und die reguläre Armee im Zweifel zurückdrängen würde. Aber vermutlich haben die staatlichen Kräfte gerade mit größeren Problemen zu kämpfen. In Hama, Homs oder Daraa etwa, den Hochburgen des Widerstandes. Die Freie Armee hat gerade mal 50 Mann hier stationiert. Sie haben Kalaschnikows und Maschinengewehre, keine Waffen, um Panzer aufzuhalten.

"Wir müssen friedlich leben", sagt Abu Hamad. Er wünscht sich die Zeit vor dem Aufstand zurück. Die Sicherheit, die Stabilität. Osama, der junge Arabischstudent, wünscht, es gebe diese ausländische Verschwörung gegen Syrien, von der Abu Hamad redet, die Assad für die Unruhen verantwortlich macht: "Wir brauchen Hilfe vom Teufel. Wir brauchen Hilfe von Israel, den USA, Großbritannien. Nur nicht Baschar."

Autor: Daniel Etter