Eine gewaltige Bombe mit fragwürdiger Botschaft

Willi Germund

Von Willi Germund

Sa, 15. April 2017

Ausland

Der Einsatz des gewaltigen Sprengkörpers könnte ein Indiz für die verzweifelte Lage der ausländischen Truppen in Afghanistan sein.

Der Gouverneur des Achin-Distrikts in der afghanischen Nangahar-Provinz nahe der Grenze zu Pakistan klang fast schon ehrfürchtig. "So was habe ich noch nicht erlebt", berichtete er örtlichen Medien, nachdem die USA erstmals ihre gewaltigste konventionelle Bombe eingesetzt und auf ein Höhlennetzwerk in den Bergen abgeworfen hatten. "Wir konnten Flammen so groß wie Türme sehen." Die Bombe mit einer Sprengkraft von 11 000 Tonnen TNT ist so schwer, dass die US-Luftwaffe sie beim Abwurf aus dem Laderaum eines Transportflugzeugs vom Typ C-130 sozusagen hinausschieben musste.

Während der frühere US-Präsident Barack Obama dem Luftkrieg mit unbemannten Drohnen den Vorrang gab, scheint sein Nachfolger Donald Trump nun auf den Donnerhall gewaltiger Waffen zu setzen. Aber so spektakulär die technischen Daten der "Mother of all Bombs" (Mutter aller Bomben) auch klingen, so fragwürdig ist ihre Botschaft. "Der Einsatz kann ein Indiz der Verzweiflung sein", hieß es im Long War Journal, einer dem US-Militär wohl gesonnenen Online-Publikation, die seit Jahren US-Militäraktionen auf den Schlachtfeldern der Welt aufschreibt.

Durch den Abwurf der Bombe, die laut Medienberichten 16 Millionen Dollar gekostet hat, sollen laut dem afghanischen Verteidigungsministerium in Kabul 36 Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat Khorasan" (IS-K) getötet worden sein. Khorasan ist der traditionelle Namen für Afghanistan und Teile Südasien. Glaubt man der Behörde, müssten der Gruppe freilich längst die Kämpfer ausgegangen sein, weil angeblich während der der vergangenen drei Jahre bereits 2000 bis 3000 Kämpfer der Gruppe umgekommen sein sollen.

Die Bombe mit einer Sprengwirkung von 3,2 Kilometer Durchmesser erschütterte ein Gebirgssystem, das wie die nahegelegenen Tora Tora Berge von zahllosen natürlichen Höhlen durchzogen ist. Sie widerstanden während der vergangenen Jahrzehnte vielen Erdbeben – und Hunderten von Bomben, die von Ende des Jahres 2001 bis Mitte 2002 von B-52 Langstreckenbomber der US-Luftwaffe bei der Jagd nach der Terrororganisation al-Qaida und den islamistischen Talibanmilizen abgeworfen wurden. Schon damals waren die US-Streitkräfte nur mäßig erfolgreich: Die Region ist unwirtlich und schwer zugänglich, was die Untergrundkämpfer für sich zu nutzen wissen. Die Bevölkerung ist zudem misstrauisch.

General John Nicholson, der die verbliebenen 10 000 ausländischen Soldaten am Hindukusch befehligt, rechtfertigte die Bombe mit einem indirekten Eingeständnis von Hilflosigkeit: "Der IS-K benutzt Sprengfallen, Bunker und Tunnel, um seine Verteidigung zu stärken." In dem Gebiet war in der vergangenen Woche ein Soldat einer Spezialeinheit Washingtons in einem Hinterhalt getötet worden. Afghanistans Streitkräften im Verbund mit den USA gelang es bislang nicht, die Hauptstadt Kabul vor dem IS zu schützen. Erst in der vorigen Woche verübte ein Selbstmordattentäter einen Anschlag auf den hermetisch abgeschirmten Amtssitz von Präsident Ashraf Ghani. Die Terrorgruppe beanspruchte zudem ein Massaker in Kabuls wichtigster Klinik vor einigen Wochen für sich, dem über 100 Menschen zum Opfer fielen.

Der IS tauchte erstmals am Hindukusch auf, nachdem das benachbarte Pakistan Tausende von Untergrundkämpfern aus der Waziristan-Region über die Grenze nach Afghanistan gedrängt hatte. Insbesondere Angehörige der "Islamischen Bewegung Usbekistan" (IMU), die vorher zu den Taliban gehörten, wechselten die Fahnen. "Sie hatten viel Geld, um Leute anzuwerben", beschrieb ein asiatischer Geheimdienstler damals das Vorgehen der Terrorgruppe. "Sie befahlen den Leuten, erst aktiv zu werben, wenn sie vom IS dazu aufgefordert wurden." Selbst die Talibanmilizen, die während der vergangenen Monate Afghanistans Streitkräfte in die Defensive drängten, sahen sich genötigt, die IS-Konkurrenz anzugreifen.