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16. März 2017

Lettland

Gedenkmarsch der Veteranen lettischer SS-Zwangsrekruten ist umstritten

Lettische SS-Veteranen ziehen heute durch Riga / Streit um Marsch zeigt, wie zerrissen das Land ist.

  1. Latvian Legionnaires Remembrance day in Riga Foto: Valda Kalnina

RIGA. Eine kleine Zahl von Veteranen der Waffen-SS zieht am heutigen Donnerstag durch Riga, begleitet von einigen hundert Angehörigen, um der gefallenen lettischen Kameraden zu gedenken. Rund 115 000 Letten kämpften, meist zwangsverpflichtet, im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Deutschen. In den Nürnberger Prozessen wurden die lettischen Zwangsrekruten vom Schuldspruch für die Waffen-SS ausgenommen. Besonders die Legionäre werden von vielen Landsleuten bis heute als Freiheitskämpfer gegen die sowjetische Besatzung angesehen.

Am Donnerstag wird der Legionäre erst in der lutherischen Johanniskirche gedacht, danach mit einem Ehrenmarsch zum Freiheitsdenkmal. Anlass ist eine Schlacht am 16. März 1944 gegen die Rote Armee im russischen Grenzgebiet. Alleine dabei starben 2000 der insgesamt etwa 30 000 im Kampf gefallenen Legionäre. Organisiert wird das Gedenken von der Legionärsvereinigung Daugavas Vanagi. Weil es sich dabei nicht um einen offiziellen Gedenktag handelt, nimmt kein Regierungsvertreter daran teil.

Dennoch hat der Tag für viele Letten eine private Bedeutung: Die meisten Familien mussten Soldaten stellen. Weil diese gegen die Rote Armee kämpften, trennt das Gedenken die Bevölkerung entlang ethnischer Grenzen: Rund 27 Prozent der Letten sind russischstämmig. Für diese Gruppe wiederum war die Rote Armee die Befreierin vom Faschismus.

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Laut einer Umfrage der Lettischen Universität würde jeder zweite ethnische Lette den 16. März wieder zum Gedenktag machen, die Zustimmung sinkt jedoch jährlich. Die größte Bedeutung messen dem Tag die 18- bis 24-Jährigen bei – nicht zuletzt als trotzige Reaktion auf den wieder als Gefahr empfundenen Nachbarn Russland und den zur Schau gestellten russischen Nationalismus gleichaltriger Russischstämmiger.

Es gibt Gegendemonstranten. Neben jüdischen Verbänden handelt es sich dabei überwiegend um Organisationen mit guten Kontakten zu Moskau. Auch die deutsche Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes nimmt teil.

Lettland war den Großteil seiner Geschichte von Deutschen oder Russen fremdbeherrscht. Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 beendete die erste Unabhängigkeit wieder, die Rote Armee besetzte das Land. Schnell wurden 35 000 Letten Opfer von Deportationen oder Erschießungen. Daraufhin wurden die deutschen Besatzer 1941 als das kleinere Übel begrüßt. Die meisten Legionäre verstanden sich nicht als Nazi-Kollaborateure, sondern kämpften gegen eine erneute sowjetische Besatzung. 1945 eroberte die Rote Armee Lettland zurück. Fast ein Drittel der Letten verlor in Folge der Kriegswirren das Leben.

Immer mehr Letten sind der Auseinandersetzungen um das Gedenken am 16. März allerdings müde. "Toten Waffenbrüdern gedenkt man auf dem Friedhof", sagt etwa der führende Historiker Valters Nollendorfs, Vorstand des Okkupationsmuseums in Riga. Er würden das Gedenken lieber auf die ruhige Abschlussveranstaltung auf einem Soldatenfriedhof in Lestene, 80 Kilometer westlich von Riga, reduziert sehen. "Der eigene Schmerz ist immer noch wichtiger als derjenige der anderen", sagt Nollendorfs. Die lettische Gesellschaft habe gerade erst begonnen, die Geschichte aller Opfer aufzuarbeiten.

Autor: Florian Maaß (n-ost)