Liberia

George Weah: Erst Fußballstar, jetzt Staatspräsident

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Fr, 29. Dezember 2017 um 00:30 Uhr

Ausland

George Weah hat es nach einer glänzenden Karriere als Profifußballer nun in das höchste Amt des afrikanischen Kleinstaates Liberia geschafft.

Einst dribbelte er dermaßen geschickt durch die gegnerischen Abwehrreihen, dass er als erster und bislang einziger afrikanischer Fußballspieler mit dem Ballon d’Or, dem goldenen Ball, als "Europas Fußballer des Jahres" ausgezeichnet wurde.

Denn zu dem Zeitpunkt spielte er bereits bei einem europäischen Klub (Paris St. Germain). Im selben Jahr, also 1995, kürte ihn der Fußball-Weltverband (Fifa) auch zum besten Kicker der Welt. Nun kann sich George Weah (51) einer weiteren einzigartigen Errungenschaft rühmen: Er wurde von seinen liberianischen Landsleute ins Präsidentenamt gewählt. Nach der Auszählung in 11 von 15 Wahlbezirken liegt er mit 61,5 Prozent uneinholbar vorn. Weah ist damit der erste Fußballprofi, der es auch in das höchste Amt eines Staates schaffte.

"Wer auf dem Spielfeld eine derartige Laufbahn hingelegt hat, der wird auch unser Land retten können", sagt ein junger Anhänger von "Mister George". Eine Auffassung, die allerdings nicht alle Liberianer teilen. Vielen ist schon schleierhaft, warum in dem westafrikanischen Kleinstaat überhaupt jemand Präsident werden will: Schließlich wurden in den vergangenen fünf Jahrzehnten zwei liberianische Staatschefs im Amt ermordet und zwei außer Landes gejagt. Man muss schon eine Frau sein, um die Herausforderungen des von Militärputschs, Bürgerkriegen und einer Ebola-Seuche geplagten Landes einigermaßen meistern zu können: Wie Weahs Vorgängerin Ellen Johnson Sirleaf, Afrikas erster Präsidentin. Sie steuerte das bettelarme Land immerhin zwölf Jahre lang an allen Abgründen vorbei: In blühende Landschaften vermochte sie Liberia allerdings auch nicht zu verwandeln.

George Weahs politische Ambitionen sind keine Eintagsmarotten. Der Ex-Fußballer trat schon vor zwölf Jahren gegen Sirleaf Johnson an und verlor lediglich in der Stichwahl gegen die ehemalige Harvard-Studentin. Bereits damals warf man dem Dribbelkünstler vor, gewiss auf dem Rasen, nicht aber auf dem Regierungsparkett die nötige Erfahrung zu haben: Zu dieser Zeit konnte Weah nicht einmal auf einen Schulabschluss verweisen.

George Weah kam am 1. Oktober 1966 in Clara Town, einem der ärmlichsten Slums der liberianischen Hauptstadt Monrovia, auf die Welt – und wurde von seiner Großmutter groß gezogen. Noch vor dem Abitur verließ er die Schule, um Schaltanlagen für die liberianische Telekom zu installieren. Als 21-Jähriger gelang ihm der Sprung nach Europa: In Monaco nahm ihn der elsässische Trainer Arsène Wenger unter seine Fittiche. Ihm verdanke er seine Karriere, sagt Weah heute. "Wenger war für mich wie ein Vater. Als der Rassismus im europäischen Fußball die schlimmsten Blüten trieb, begegnete er mir mit Liebe und Respekt."

Schon 1989 wurde Weah zu "Afrikas Spieler des Jahres" gekürt – und er brachte Monaco schließlich 1992 ins Finale des Europacups der Pokalsieger. Später wechselte er von einem europäischen Top-Klub zum nächsten: Paris St. Germain, AC Mailand, Chelsea FC und Manchester United. 1996 wurde er zu "Afrikas Fußballer des Jahrhunderts" gewählt.

Die zwölf Jahre seit seinem Eintritt in die Politik ließ Weah nicht nutzlos verstreichen: Er machte als 40-Jähriger das Abitur, setzte noch ein BWL-Studium drauf und ließ sich dann zum Abgeordneten im Senat, eine Art Bundesrat, wählen. Dass es größere Künste als die eines Fußballstars bedarf, um Liberia auf Erfolgskurs zu bringen, ist George Weah klar. Die Hälfte der Liberianer lebt nach Angaben des Weltwährungsfonds unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosenquote liegt bei rund 50 Prozent, das Bildungswesen ist katastrophal. Selbst der resoluten Weltbankfrau Johnson Sirleaf gelang es nicht, der Korruption und dem Schlendrian in dem knapp fünf Millionen Einwohner zählenden Staat wirksam zu begegnen. Wie soll es da der Fußballer schaffen?

In einer Hinsicht hat sich der neue Präsident – zumindest in den Augen ausländischer Beobachter – schon verdribbelt: Als er ausgerechnet die ehemalige Ehefrau des Ex-Diktators Charles Taylor zu seiner Co-Kandidatin machte. Jewel Taylor, die mit ihrem Ex-Mann noch immer in engem Kontakt stehen soll, hat Weah mit den Stimmen des bevölkerungsreichen Bong County versorgt: Auf diese Weise hat Weah zumindest sein politisches Gespür bewiesen. Auf Belege seiner Führungskraft müssen die Liberianer allerdings noch warten.