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17. Dezember 2010

"Ich will tote Terroristen"

Eine Organisation kritischer israelischer Soldaten gibt einen Bericht mit Zeugenaussagen heraus.

JERUSALEM. Stundenlang an Militär-Checkpoints Wache zu schieben und Palästinenser zu inspizieren, das war ihm zu langweilig. Der Patrouillendienst versprach mehr "Action", Festnahmen von Militanten zum Beispiel. So schildert es ein anonymer israelischer Soldat, der im Jahr 2007 im nördlichen Westjordanland im Raum Nablus eingesetzt war. Sein Divisionskommandant hatte andere Vorstellungen vom Erfolg einer Aktion. "Ihr werdet nicht benotet nach Festnahmen, sondern nach der Zahl derer, die ihr tötet", habe der ihnen beschieden. "Ich will, dass ihr mir tote Terroristen bringt."

Der Infanterie-Einheit des besagten Soldaten fiel dabei die Aufgabe zu, in der Nacht auf leerstehende Gebäude in der Kasbah, der Altstadt von Nablus, zu schießen. "Hauptsache war, Gegenfeuer zu provozieren" – damit die Scharfschützen der Armee die Militanten ins Visiernehmen konnten. Für diesen Zweck habe man auch öfter Wohnhäuser von Unbeteiligten eingenommen.

Bisweilen reichten banalere Gründe, um in palästinensische Wohnungen einzudringen. Einmal, berichtet ein anderer Soldat, habe man eine Familie aus ihrem Wohnzimmer vertrieben, um dort im Fernsehen ein Fußballspiel zu verfolgen. "Manchmal sind wir in ein Haus rein, nur um unsere Präsenz zu demonstrieren." Während seiner Armeezeit erkannte er darin noch eine gewisse Logik. In der Rückschau besehen, "haben wir tatsächlich nur die Bevölkerung missbraucht".

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Viele Israelis interessieren sich herzlich wenig dafür, was in den besetzten Gebieten passiert – auch nicht, was ihre eigene Armee dort treibt. "Breaking the Silence", ein Zusammenschluss kritischer israelischer Soldaten und Reservisten, hat schon mehrfach versucht, das allgemeine Stillschweigen zu brechen. Etwa mit dem Report zum Gazakrieg, der schockierende Details über das militärische Vorgehen während der Offensive "Vergossenes Blei" enthüllte. Jetzt tritt "Breaking the Silence" mit einem Sammelwerk an die Öffentlichkeit, das anhand von 186 Zeugenaussagen ungekannte Einblicke in den Besatzungsalltag der vergangenen zehn Jahre publik macht.

Gezieltes Angstmachen

"Unser Ziel ist es", sagt Yehuda Shaul, "wieder eine Debatte anzukurbeln, um was es real bei der Okkupation geht." Die Illusion, dass die Armeepräsenz im Westjordanland nur der Sicherheit diene, hat der 27-Jährige bereits in seiner Dienstzeit in Hebron verloren. "Wir hatten schon damals eine Menge Diskussionen über Sinn und Moral untereinander, aber das hat uns nicht vom Schießen abgehalten." Als Jehuda Shaul 2004 die Uniform ablegte, gründete er mit anderen Kameraden "Breaking the Silence", auf hebräisch Schovrim Schtika genannt, eine Organisation, die weltweit ihresgleichen sucht.

Die neue Dokumentation liefert den Nachweis, wie allgemein akzeptierte Begriffe wie Sicherheit und Prävention als Codewörter für nahezu jede militärische Maßnahme im Westjordanland und Gaza, ob offensiv oder defensiv, herhalten. Die Besatzungspolitik, sagt Shaul, verursache gezielt Angst unter der palästinensischen Bevölkerung, "um sie in Angst und Abhängigkeit zu halten. Keiner weiß sicher, wie lange er an einem Checkpoint warten muss, ob er seinen Olivenhain bestellen kann oder ob sein Haus von einer Militärrazzia heimgesucht wird." Eine Willkürpolitik, die System habe,weil sie die palästinensischen Gebiete einenge und die Privilegien israelischer Siedler festschreibe.

Autor: Inge Günther