Ihre Warnungen stießen auf taube Ohren

Peter Nonnenmacher

Von Peter Nonnenmacher

Fr, 16. Juni 2017

Ausland

Bereits vor dem Unglück bemängelte eine Selbsthilfegruppe der Mieter den laxen Brandschutz im Grenfell-Tower.

36 Stunden nach dem Ausbruch des verheerenden Feuers im Grenfell-Tower-Block in West-London züngelten in mehreren Wohnungen des Blocks noch am Donnerstagnachmittag einige Flammen. Aus Angst, dass Teile des Gebäudes einstürzen könnten, hielten sich nur kleine Gruppen der Londoner Feuerwehr in der ausgebrannten Ruine auf.

Zwischen 400 und 600 Menschen sollen sich bei Beginn des Feuers in dem Hochhaus im Londoner Stadtteil Nord-Kensington befunden haben. Viele von ihnen galten am Donnerstag als vermisst. Es werde wohl Wochen dauern, bis man über die wahre Zahl der Opfer Klarheit habe, erklärte der Londoner Polizeikommandant Stuart Cundy. Der Brand, fügte er hinzu, sei "von einer beispiellosen Dimension" gewesen.

Das Feuer, das in der Nacht auf Mittwoch gegen ein Uhr ausgebrochen war, hatte auf einer der unteren Etagen begonnen. Es ergriff binnen einer halben Stunde vom gesamten Gebäude Besitz. Vor allem auf den oberen Stockwerken waren die Bewohner bereits nach kurzer Zeit in ihren Wohnungen eingeschlossen, weil das Treppenhaus sich schnell mit schwarzem Qualm gefüllt hatte. Wer dort zu lang zögerte, war abgeschnitten vom Fluchtweg hinunter ins Erdgeschoss.

Viele der Eingeschlossenen wurden zuletzt in brennenden Fensterrahmen gesichtet, in denen sie verzweifelt nach Hilfe riefen. Einige sprangen aus den Fenstern oder warfen ihre Kinder in die Tiefe. Auch am Donnerstag suchten Angehörige und Freunde noch fieberhaft nach vermisst gemeldeten Personen in der Umgebung des Wohnblocks oder in den sechs Kliniken, in die nach dem Brand mehr als 70 Patienten eingeliefert worden waren.

Unzählige Freiwillige stellten Hilfsaktionen für die Familien auf die Beine, die durch das Unglück praktisch alles verloren haben – und viele von ihnen klagten darüber, dass auf Seiten des Gemeinderats oder der Regierung "kein Mensch" die Verantwortung übernommen habe. Der Zorn richtet sich zugleich gegen den für die Häuser zuständigen Verwaltungskonzern "Kensington and Chelsea Tenant Management Organisation" (KCTMO), der angeblich über Jahre hinweg Warnungen vor einem akuten Brandrisiko ignoriert habe. Seit langem nämlich, klagen Mitglieder der Mieter-Selbsthilfe-Gruppe "Grenfell Action Group", habe die KCTMO wiederholte Klagen über Feuerrisiken "schlicht abgetan" und "nichts hören wollen von all dem". Dabei sei die Hausverwaltung, eine der größten im Lande, auf alle möglichen Gefahren hingewiesen worden – wie auf riskant platzierte Boiler, bedenkliche Gasleitungen im Hausgang, herumliegenden Müll, fehlende Sprinkler-Anlagen und auf den Mangel an Notausgängen. Noch im November vergangenen Jahres hatte die Gruppe erklärt: "Es ist ein wahrhaft schauerlicher Gedanke, aber die Grenfell-Action-Group ist fest davon überzeugt, dass nur eine Katastrophe die Unfähigkeit und Inkompetenz unserer Vermieterin KCTMO ans Tageslicht bringen wird."

Ein ehemaliger Vorsitzender des Mieterbundes des Grenfell-Tower, David Collins, wunderte sich denn auch kein bisschen über das Flammeninferno. Collins, der bis Herbst letzten Jahres selbst dort gewohnt hatte, war erschüttert, als er von der Katastrophe hörte. "Ich war empört, ich war wütend, ich war entsetzt – aber überrascht war ich nicht. Wir alle wussten, dass es erst so eine Tragödie brauchen würde, bevor irgendjemand endlich irgendetwas hier tun würde."