Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Juni 2013

Investitionen im Sand

Israel will Negev-Wüste aufblühen lassen

Beduinenfamilien könnten die Leidtragenden sein. Denn 40 Prozent der fast 200 000 Beduinen im Negev ziehen das Leben nach eigener Fasson in den verstreuten Dörfern vor und wollen nicht in Städten leben. Doch der Staat möchte das nicht tolerieren.

  1. Ein typisches Beduinendorf in der Negev-Wüste, die 60 Prozent des Staates Israel einnimmt Foto: Inge günther

  2. „Wir sind es gewöhnt, dass sie unser Zuhause zerstören“: Beduinenfrau Thauder (51) steht vor ihrer demolierten Habe. Foto: Günther Inge

Von Weitem sind die Beduinendörfer ein malerischer Anblick. Schwarze Zelte schmiegen sich ins sandige Geröll des Negev. Schafherden knabbern an spärlichem Gewächs. Erhaben stehen meist auch ein paar Kamele in der kargen Wüstenlandschaft umher. Erst beim Näherkommen wird die Entbehrung unübersehbar. Schniefende Kinder ohne Schuhe. Zusammengeschusterte Hütten, wie man sie aus Slums kennt. Trinkwasserbehälter, die über holprige Fahrspuren kilometerweit herbeigekarrt werden müssen. Strom, der nicht aus der Steckdose kommt, sondern von knatternden Dieselmotoren erzeugt wird oder – eine echte Errungenschaft – von Solarpanelen, die vor Wellblechbaracken glänzen.

Die Zeit macht auch vor Beduinen nicht halt. Labad Abu Afasch hat sich schon per Handy erkundigt, wo denn die Gäste bleiben. Den süßen Tee, den der Scheich auf der offenen Kochstelle bereitet, ist längst fertig. Abu Afasch ist Dorfvorsteher von Wadi Al-Naam, der mit 10 000 Einwohnern größten Ansiedlung unter den 35 Beduinendörfern, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Wenn es nach den israelischen Behörden geht, sollen sie in spätestens fünf Jahren auch vom Erdboden verschwunden sein. "Uns in Wadi Al-Naam", erzählt der im Schneidersitz auf dem Zeltboden hockende Dorfvorsteher, "wollen sie nach Segev Schalom umsiedeln." Das ist eines der sieben urbanen Zentren, die Israel seit den 60er-Jahren in den Wüstensand gesetzt hat, um die Beduinen der Zivilisation näher zu bringen. Abu Afasch nennt sie verächtlich "Townships". Dort gibt es Strom und fließendes Wasser, aber auch hohe Kriminalität, weil die Männer nichts zu tun haben. 40 Prozent der fast 200 000 Beduinen im Negev ziehen das Leben nach eigener Fasson in den verstreuten Dörfern vor. "Unser Dasein ist hart", sagt Abu Afasch, "aber wir passen nicht in eine Stadt, wo man neben Leuten aus fremden Stämmen wohnt. Hier sitzen wir noch gemeinsam ums Feuer."

Werbung


Eine Hochspannungsleitung läuft direkt über Wadi Al-Naam hinweg, teils so dicht, dass man das Sirren der Elektrizität hört. Aber weil Dörfer wie Wadi Al-Naam keine Genehmigung der Regierung besitzen, sind sie von der öffentlichen Versorgung abgeschnitten. Juristisch gelten sie als illegal. Abrissbefehle beschäftigen seit Jahrzehnten Polizei und Gerichte. Doch in letzter Zeit wächst unter den Beduinen die Angst.

Israel hat Großes vor im Negev, der zum Teil noch immer einsame Wüste ist. 60 Prozent nimmt das Gebiet von der Staatsfläche ein, aber höchstens zehn Prozent der Gesamtbevölkerung leben im Negev. Die Regierungsplaner sehen ein gewaltiges Potenzial für Tourismus, Biofarmen und Technologiezentren. Mit der neuen Bahn ist man heute in einer Stunde von Beer Scheva in Tel Aviv. Für junge kreative Israelis sind die Möglichkeiten verlockend. Der alte Traum von Staatsgründer David Ben-Gurion, den Negev zu entwickeln, soll wahr werden. Nur scheinen bei der zionistisch inspirierten Idee, die Wüste in blühende Landschaft zu verwandeln, die Beduinen zu stören. Der Prawer-Plan, benannt nach dem früheren Vizechef des Nationalen Sicherheitsrates Ehud Prawer, zielt darauf ab, ihre Existenz strikt zu regulieren.

Der Kabinettsausschuss hat den Gesetzentwurf im Mai verabschiedet, die Knesset muss noch zustimmen. Die meisten der nicht anerkannten Dörfer sollen demnach demoliert werden. In der Konsequenz heißt das für bis zu 70 000 Beduinen, entweder in die verhassten Townships oder in eine der zehn Ansiedlungen zu ziehen, die bleiben dürfen. Wer Besitzdokumente vorweisen kann, darf zwar auf finanzielle Entschädigung hoffen – allerdings maximal 50 Prozent des Werts und auch nur, sofern rechtliche Ansprüche bereits in den 70er-Jahren angemeldet wurden. Bürgerrechtsorganisationen wie Adalah, Bimkom und ACRI rechnen vor, dass den Beduinen höchstens fünf Prozent ihres angestammten Areals bleiben.

Ihrer Zukunft sind enge Grenzen gesetzt. Zum Beispiel in Hura, eine der besseren Reißbrettstädte. In Hura gibt es asphaltierte Straßen, eine stattliche Moschee mit leuchtend grünem Minarett und imposante Eigenheime. Nur mangelt es an Weite, etwas, was für die naturverbundenen Beduinen unverzichtbar ist. Die Hauptstraße säumen Ziegenställe und Viehgatter. Es riecht nach Mist und Jauche. Das erzwungene Stadtleben verträgt sich schlecht mit ihrer Tradition, Tierherden zu halten.

Sie werden Eindringlinge

genannt – ganz offiziell

Es ist nicht der einzige Grund, warum die beiden Beduinenclans, die wenige Kilometer weiter in Um al-Hieran siedeln, nicht herziehen wollen. 1956 hat die Regierung ihnen diese Gegend im Nordosten des Negev zugewiesen, weil das israelische Militär ihr ursprüngliches Gebiet als Übungsgelände beanspruchte. Noch einmal wollen die 500 Beduinen aus Um al-Hieran nicht weichen. Es ist auch eine schöne Landschaft, wo die Hügel sich wellen und sogar Bäume wachsen. Früher, erzählt Khader Abu al-Qian stolz, habe er für den Jewish National Funds in der Aufforstung gearbeitet. "Ich weiß aus Erfahrung, was hier gedeiht."

Doch der mit seiner Hilfe gepflanzte Yatir Forest hat sich für die Beduinen als Verhängnis erwiesen. Erst durften sie den Pinienwald nicht mehr betreten. Später sollten sie mitsamt ihrem Dorf verschwinden. Die Regierung Netanjahu hat 2009 beschlossen, dass an seiner Stelle eine jüdische Ansiedlung entstehen soll. Seitdem wächst der Druck auf die ansässigen Beduinen, die ganz offiziell Eindringlinge genannt werden. Der Preis für den Kubikmeter Wasser, das sie aus Containern beziehen, wurde auf zwölf Euro erhöht – fast achtmal so viel, wie reguläre Privathaushalte in Israel zahlen. Und auch die Abrisskommandos kommen immer öfter. Am 15. Mai rückte gleich ein polizeiliches Großaufgebot an, um 18 Unterkünfte und Schuppen zu demolieren. Wortlos weist Thauder Abu al-Qian auf die aufgetürmten Halden aus Schutt und Gestänge, zwischen denen sie sich mit elf Kindern in einem Notzelt eingerichtet hat. Die Beduinenfrau ist hart im Nehmen. "Wir sind es gewöhnt, dass sie unser Zuhause zerstören", seufzt sie, "aber wir bauen es wieder auf."

Derweil wartet eine Gruppe nationalreligiöser Israelis nur darauf, dass die Beduinen von Um al-Hieran aufgeben, um ihr eigenes Hieran mit schmucken roten Ziegeldächern hochzuziehen. Einstweilen haben sie sich nach dem Vorbild jüdischer Westbank-Siedler in einem versteckt liegenden Vorposten im Yatir-Forest eingerichtet. Dort stellt sich Joel vor, der unverblümt von dem Umzugsvorhaben berichtet. Damit sich "die schlechte Demografie im Negev" verbessere. Er meint, zu viele Beduinen. Nur vergisst er dabei, dass sie israelische Staatsbürger sind wie er selbst.





Autor: Inge Günther