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13. März 2015 00:00 Uhr

Russland / Ukraine

Leben auf der Krim, ein Jahr nach der Annexion

Halb fertige Halbinsel: Ein Jahr nach der Annexion durch Russland ist die Krim immer noch ein Provisorium – Sanktionen erschweren den Alltag, doch viele Bürger hoffen auf Besserung.

  1. Lenin schaut zu: Vor einem Jahr wurde das Denkmal in Simferopol mit einer großen russischen Fahne geschmückt. Foto: dpü

Die beiden Arbeiter haben mit seiner linken Wade begonnen und sich bis zum Oberschenkel hochgearbeitet. Dann haben sie an der rechten Schulter weitergemacht. Sie traktieren Wladimir Iljitschs Körperteile mit Hämmern und Schleifmaschinen, das Klopfen und Sirren ist weit über den betonierten Platz zu hören. Abwechselnd stehen und knien sie auf dem Gerüst, das seinen gedrungenen Körper umgibt, und allmählich wird das Ergebnis ihrer Bemühungen sichtbar.

Der Dreck der Jahre, der sich wie eine zweite Haut auf die Gliedmaßen des Sowjetführers gelegt hat, diese schwarzbraune Mischung aus Erde und Abgasen, bröckelt ihm vom Leib, und darunter erscheint ein Lenin, wie man ihn schon lange nicht mehr gesehen hat: Einer, der strahlt und blendet, ein bronzener Lenin, zumindest am linken Bein und auf der rechten Schulter und bald auch bis zum Kopf. Dann ist er wieder so, wie er war, als man ihm hier 1967 ein Denkmal gesetzt hat. Während in der Ukraine unter der Devise des "Leninopads" die Denkmäler des Sowjetführers reihenweise vom Sockel fallen, wird in Simferopol, der Hauptstadt der Krim, das Lenindenkmal am Leninplatz generalsaniert. Bis zum 16. März soll, nein, muss alles fertig werden: die Bronzestatue, die frisch bepflanzten Blumenbeete und die begradigten Sockel drum herum.

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Am 16. März ist es ein Jahr her, dass die Krim-Bewohner in einem international nicht anerkannten Referendum für den Anschluss an Russland stimmten – eine so eindeutige wie umstrittene Wahl des Volkes. Es segnete eine Machtübernahme ab, die zuvor mithilfe einer Truppe namens "Selbstverteidigung der Krim", russischen Soldaten und prorussischen Kräften im Regionalparlament vorbereitet worden war. In jenen Tagen hatten die Männer der Selbstverteidigung mit Schildern Lenin geschützt. In Simferopol lag Angst in der Luft, man sprach von faschistischen Schlägertrupps aus Kiew, die freilich nie gesichtet wurden, und bald schon löste sich die vermeintliche Bedrohung in prorussischen Jubel auf. Heute benötigt Lenin keine Bewacher mehr, ihm droht keine Demontage, er ist wie die Krim zu Mutter Russland heimgeholt worden. 

Russischer Frühling, zweite Saison, die Krim ein Jahr nach der Annexion: Für Russland ist die Halbinsel eine Teilrepublik der Föderation geworden, eine von 22. Statt Annexion spricht man von Wiedervereinigung und der Herstellung historischer Gerechtigkeit. Die Ukraine nennt es Besatzung und will die Halbinsel zurück; unklar ist, wie. Für die internationale Gemeinschaft ist die Krim zum Niemandsland geworden, das unter Sanktionen steht, für das Reisewarnungen gelten. Sie ist ein "Territorium ohne Zukunft", sagt ein Universitätsabsolvent in Simferopol desillusioniert, abgeschnitten vom internationalen Mobilfunknetz, von Zahlungsverkehr und Verkehrswegen.

Die meisten der auf der Krim verbliebenen Bürger stehen hinter ihrem Votum. An der Tatsache, dass auch ein legitimes, international überwachtes Referendum ein "Ja" zu Russland gebracht hätte, zweifeln nicht einmal die Kritiker. Verstörend bleibt der Gestus, mit dem die Wahl des Volkes vorgetragen wird. Gegenüber Unbekannten erlaubt man sich keine Zwischentöne. "Wir sind ja so zufrieden", erklärt eine 70-Jährige mit zerfurchtem Gesicht, die zur Aufbesserung ihrer Pension Taschen in einer Unterführung verkauft, die nach Leder aussehen und aus Plastik sind.

Aber hatten die Bewohner denn tatsächlich eine Wahl? Der Kreml hat den 2,3 Millionen Bürgern ein Geschenk beschert, und als Beschenkter kann man sich schlecht beschweren. Dieses erste russische Jahr werden die Krim-Bürger als das Jahr der langen Schlangen in Erinnerung behalten. Sie standen in der Schlange für neue Pässe, neue Autonummern, für die Sozialversicherung, den Gesundheitsausweis und die Neuregistrierung ihrer Firmen. Sie mussten sich in Geduld üben. Es gab Monate der Euphorie, als die Pensionen erhöht wurden. Und Monate der Ernüchterung, als die Preise stiegen. Löhne wie in Moskau wurden ihnen versprochen, Preise wie in Moskau haben sie bekommen. Heute bleibt einem Arbeitnehmer etwa gleich viel übrig wie früher. Es war ein Jahr im Provisorium, im permanenten Übergang. Auf den Straßen der Krim fahren noch immer geschätzte vier von zehn Autos mit ukrainischen Kennzeichen, die Mehrheit der Straßenschilder sind ukrainisch geblieben, dafür haben sich viele hier russische Zweitpässe zugelegt, sonst wird das Leben hier zur Qual.

Der große Umbau hat nicht stattgefunden, die Perestroika ist ins Stocken geraten. Denn Russland ist in die Krise gerutscht und muss haushalten, wie viele Rubel es für den neuen Budgetposten ausgibt. Es ist unklar, ob die angekündigten Großprojekte – wie etwa eine Brücke von Kertsch im Osten der Krim auf das russische Festland – jemals realisiert werden können. Wenn es einen Sturm in der Meerenge gibt und wieder einmal die Fähren ausfallen, erscheint die Geografie der Krim wie ein böser Fluch.

"Die Euphorie über den russischen Frühling war kurz, der Aufbau eines neuen Staates dauert länger", sagt eine Frau, die an der Universität Simferopol im Bereich Humanwissenschaften lehrt. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, sie fürchtet ihre Entlassung. Das, was sie über ihren Arbeitsplatz erzählt, hinterlässt nicht den Eindruck eines tiefgreifenden Wandels. "Alles und nichts" habe sich verändert. Ja, die Einrichtung wurde umbenannt, aus der Nationalen Universität wurde eine föderale unter russischer Flagge, ein neuer Rektor ist im Amt, die Abschlüsse der Studenten sind seit dem 1. Januar russisch, Moskau schickt neue Dokumente, stapelweise. Der Lehrplan aber habe sich kaum verändert. Die Unterrichtssprache, Russisch, ist dieselbe geblieben. Wieder werde das Kollegium von der Leitung ermahnt, in den sozialen Medien nur ja keine politischen Kommentare abzugeben. Meinungsfreiheit habe man hier nie sehr hoch gehalten, sagt die Frau trocken. "Meine Kollegen hatten in der Sowjetunion Angst, sie hatten in der Ukraine Angst und sie haben sie jetzt noch immer."

Auch eine Buchhändlerin in Simferopol, die über die Veränderungen in ihrer Branche erzählt, will lieber anonym bleiben. Dabei läuft das Geschäft gut. Die Buchhandlung, die Literatur-Klassiker und auch die Bücher kritischer russischer Intellektueller führt, hat in den vergangenen zwölf Monaten einen "sehr guten" Umsatz gemacht, sagt sie, alle Mitarbeiter wurden gehalten. Nur die Ladenhüter sind noch in ukrainischen Hrywnja ausgepreist, die Neuzugänge in Rubel. Das einst vielfältige Sortiment an ukrainischer Literatur ist drastisch geschrumpft. Betrug der Anteil ukrainischsprachiger Bücher früher 15 Prozent, muss man diese nun in den Regalen suchen. Die Nachfrage ist gesunken, Nachbestellungen wird es keine geben. Dazu müsste die Buchhandlung "Außenhandelstätigkeit" anmelden, und das bedeutet noch mehr Papierkram und Ausgaben. Natürlich sei das alles schade, sagt die Unternehmerin. Die Wahl der Krim verteidigt sie. Sie bestellt nun bei russischen Vertrieben.

"Krim nasch", "Die Krim gehört uns", triumphierte Russland vor einem Jahr. "Wir bauen die russische Krim auf" steht nun in großen Lettern auf einer Häuserwand in Simferopol. Präsident Wladimir Putins Führung – sie signalisiert hier Ordnung statt Chaos, Kontrolle statt Korruption, Strafen statt Schleifenlassen. "Wer die neue Krim sehen will, muss nach Sewastopol", das sagt der Taxifahrer Jura, 38 Jahre alt. Also auf in die Heldenstadt! Tatsächlich: Hier kann die Krim endlich so russisch sein, wie sie es schon immer sein wollte. Am Hafenbecken rockt eine Band zu Ehren der Vaterlandsverteidiger. Die "Herren Offiziere", rühmt der langhaarige Sänger unter E-Gitarrensound, kämpften "bis zum Ende für Russland, für die Freiheit". Mitglieder von Spezialeinheiten, Matrosen und Neurussland-Kämpfer flanieren über die Uferpromenade.

"Nichts verkauft sich so gut wie sie", sagt die Verkäuferin und deutet auf die Putin-T-Shirts, die ihn als Militär und "höflichsten der höflichen Menschen" zeigen, eine Chiffre für die Soldaten ohne Abzeichen aus dem Vorjahr. 350 Rubel, umgerechnet fünf Euro, kostet das Stück Stoff. Mit dem "russkij mir", der Ideologie von der Schutzpflicht der Russen und Russischsprachigen, haben sich die Verteidiger der Vergangenheit eine Zukunftsutopie geschaffen. 

Mittendrin zwischen den Flaneuren und Militärs also Jura, ein Taxifahrer mit zwei Universitätsabschlüssen. Auf der russischen Krim hofft er, dass ihm endlich das gelingt, was in der Ukraine nie geklappt hat: eine richtige Arbeit zu finden. Jura, dieser gedrungene Mann mit Lederjacke und Igelfrisur, hat in seinem Leben schon alles Mögliche gemacht, nur in seinen Fachgebieten Elektrotechnik und Ökonomie hat er nie gearbeitet. Er hat mit seinen 38 Jahren länger in der Ukraine gelebt als in der Sowjetunion, und dennoch brennt in ihm diese Sehnsucht nach dem Einst. Das Gedenken an die Großväter, wie es in Sewastopol zelebriert wird, die Ehrung Lenins, wie sie in Simferopol bald ansteht, das alles gefällt ihm. Jura hofft nun, dass aus der Krim bald ein russisches Land wird. Einen anderen Job als das Taxifahren hat er auch in diesem Jahr nicht gefunden, aber, so sagt er, er habe wieder Hoffnung. Die Perestrojka der Krim ist noch lange nicht vorüber.

Autor: Jutta Sommerbauer