Leben bis zum nächsten Abbruch

Frauke Wolter

Von Frauke Wolter

Mi, 30. Januar 2008

Ausland

Wie Indiens Millionenstadt Bombay ihre Slums loswerden will.

Sie kamen am frühen Morgen. Die Bulldozer schoben einfach alles zusammen: die Wellblechwände, die Plastikplanen, die Herdstellen, die Kanister mit Wasser. Es ging ganz schnell, und obgleich Kashe wusste, dass ihre Hütte an der Bahnlinie nicht mehr sicher ist, hatte sie gehofft, bleiben zu dürfen. Doch die Stadtverwaltung von Bombay hatte immer wieder verkündet, dass sie die Slums der 18-Millionen-Stadt abbrechen will. Nun setzte sie ihre Pläne um – und ließ an diesem Morgen Hunderte hilflose Menschen zurück, die entsetzt auf die Trümmer starrten.

Bombay boomt, wie Indien selbst. Neun Prozent Wachstum erwartet die Regierung für dieses Jahr. Informationstechnologie, Pharmazie, Biotechnologie, Dienstleistung – alle Sektoren sind längst konkurrenzfähig. Bombay ist Sitz der Bolly wood-Filmindustrie und Wirtschaftszentrum zugleich. Seit Jahren schießen hier Wohnhäuser in die Höhe, werden Straßen verbreitert, riesige Plakate werben für die tägliche indische Soap oder das Handy für eine Rupie pro Einheit. Immer mehr glitzernde Shopping Malls öffnen ihre Tore. Dort warten dann Filialen von Body Shop, Lee oder Benetton auf betuchte Kunden. Die Wohnungsmieten, sagen viele, haben schon lange das Niveau von Tokio erreicht.

Für dieses Riesengeschäft müssen die Armen weichen. Wenn, dann werden sie weitab vom Zentrum angesiedelt – aber nur, falls sie länger als 20 Jahre in ihrem Slum gelebt haben. Dokumente besitzt hier allerdings keiner, Rechtssicherheit oder gar Entschädigung gibt es nicht. Dabei werden erst die Menschen weggeschafft, die nur mit einer Decke auf dem Gehsteig nächtigen, dann die Wellblechhütten, später die festen Häuser. Slum ist nicht gleich Slum in Bombay, aber für die meisten gilt: Die oft illegalen Behausungen müssen langfristig weg. Die diesjährige Räumungsaktion dauert bis zum Monsun im Sommer.

Bombay will sauber werden, will das Slum-Image loswerden, koste es, was es wolle: "Die Stadt lässt die Leute das Land besiedeln, Wasser und Strom organisieren. Wenn dann alles läuft, nehmen sie ihnen das erschlossene Gebiet wieder weg und lassen es erstmal brachliegen", sagt Pater Manuel bitter, der im Stadtteil Andheri bei der christlichen Hilfsorganisation der "Helpers of Mary" Dienst tut. "Hauptsache das Bauland steht zur Verfügung. Um die Menschen kümmert man sich nicht." Vor einiger Zeit meldete The Hindustan Times, dass von vier Millionen zugesagten Sozialwohnungen, die zwischen 1995 bis 2005 auch für ehemalige Slumbewohner entstehen sollten, gerade mal 65 000 gebaut wurden.

Kashe zählt zu den wenigen, denen tatsächlich eine der versprochenen Wohnungen zugewiesen wurde. Die 55-Jährige ist dennoch unglücklich: "Zum Betteln muss ich zehn Kilometer ins Zentrum fahren", klagt sie. "Das kostet allein schon zehn Rupien." Für jemand, der weniger als 60 Rupien (etwa ein Euro) am Tag "verdient" ist das eine Menge Geld. Immerhin hat ihr Mann einen Job als Wächter in ihrem Wohnblock bekommen, sie selbst hatte noch etwas gespart, andernfalls wären sie die ersten Monate nicht über die Runden gekommen. 250 Rupien kostet das Zimmer für die fünfköpfige Familie im Monat, hinzu kommen 200 Rupien für Wasser und Strom.

Und doch ist das wenig, verglichen mit den Mieten in den Slums. Dort kassiert die Mafia inzwischen 2000 Rupien für einen kleinen Wohnraum. Ohne Klo versteht sich. Allein für das Recht, eine Hütte aufzustellen und Strom illegal abzuzapfen, sind schon mal 700 Rupien fällig.

Ein Bett, ein Fernseher, ein paar Kleider und etwas Küchengeschirr, mehr besitzt Kashes Familie nicht. Träge dreht sich der Ventilator an der Decke. Der knapp 20 Quadratmeter große Raum ist schon abgewohnt, nach gerade mal einem Jahr. Aber auch die Wohnblocks sehen trostlos aus: Schnell hochgezogen halten sie dem extremen Wetter kaum stand: Der Beton bröckelt, die Farbe blättert, in den Treppenhäusern liegt außerdem der Müll. Und zwischen den Wohnhäusern haben sich längst weitere Familien angesiedelt; neben ihren Hütten türmen sich Plastikabfall und Dreck.

In den Slums macht
jeder irgendein Geschäft

Denn so sehr sich die Stadt Bombay bemüht, die Slums wachsen täglich weiter. Kein Wunder: An dem Wirtschaftsaufschwung nehmen nur 200, vielleicht 250 Millionen Menschen teil; die anderen 750 Millionen Inder partizipieren dagegen nur wenig oder gar nicht. Weil die Situation auf dem Land besonders schlecht ist, zieht es viele Bauern und auch Wanderarbeiter in die Städte. Manche verkaufen ihr Feld und kommen nicht ganz ohne Geld nach Bombay; die Mehrheit aber fängt bei null an. Doch irgendein Geschäft macht hier beinahe jeder.

Amba zum Beispiel verkauft Knoblauch im Slum von Malwani. 15 Frauen gehören zu ihrer Gruppe, die von den "Helpers of Mary" betreut wird und vom Staat einen Kleinkredit für den Kleinhandel erhalten hat. "Die hier", sagt sie und hebt die schwere Waage, "nehmen wir von Haus zu Haus mit." Für 250 Gramm Knoblauch erhält sie 20 Rupien, gekauft hat sie sie für zehn auf dem Großmarkt. Das Geschäft ist mühsam: Mehr als 60 bis 70 Rupien am Tag bekommt Amba nicht zusammen. 100 Rupien müssen die 15 Frauen außerdem pro Monat für den gemeinsamen Kredit von 50 000 Rupien (900 Euro) zurückzahlen.

Amba scheint dennoch zufrieden zu sein: Sie hat ein festes Dach über dem Kopf, wenn auch die stinkende, schwarze Abwasserbrühe vor ihrer Eingangstür vorbeifließt. Doch das ist bei fast allen ein- bis zweistöckigen Häuschen in Malwani so, es gibt viel zu wenige Gemeinschaftstoiletten hier. Besonders die Kinder leiden unter den unhygienischen Verhältnissen, viele bekommen Durchfall, Tuberkulose und Fieber. Dabei bemühen sich besonders die Frauen um Sauberkeit: Permanent werden die Kleider der Familie gewaschen, die kleinen Zimmer sind meist blank gefegt und aufgeräumt.

Kumaris Arbeit ist besonders schmutzig. Sieben Tage die Woche wühlt die Mutter von vier Kindern von sechs Uhr morgens bis zum späten Nachmittag im Müll. "Plastik", sagt sie, "Plastik bringt am meisten." Den gesammelten Wertstoff schleppt sie ein paar Gassen weiter zu einem Recyclingunternehmer. Seine kleine Hütte steht voller Säcke, dazwischen krabbeln Kleinkinder. Kumari ist oft krank, weil sie sich an Glasscherben oder Metall im Müll verletzt, aber die Familie braucht das Geld. Auch sie verdient nicht mehr als 60, 70 Rupien am Tag. Doch in Indien sind die Preise für Brot, Gemüse und Fleisch in den vergangenen Monaten ebenfalls gestiegen.

Müll sammeln, Schneidern und Nähen, Lebensmittel produzieren, töpfern, Haare schneiden – in Malwani, wo mehrere Hunderttausend Menschen leben, wird an jeder Ecke gearbeitet. Der Verdienst ist niedrig, die Kunden manchmal aber sagenhaft reich: So lassen auch Unternehmen wie Gucci und andere internationale Bekleidungshersteller gerne in Slums nähen.

In Dharavi, mit mehr als einer Million Menschen der größte Slum Bombays und jahrzehntelang gewachsen, werden sogar geschätzt 18 Prozent des Bruttosozialprodukts von Bombay erwirtschaftet. Aber auch diesen Slum in der Mitte der Stadt soll es bald nicht mehr geben: Im vergangenen Sommer hat die Regierung ein Sieben-Jahres-Projekt ausgeschrieben; zwei Milliarden Euro Investitionen sind für das 144 Hektar große Gebiet anvisiert. Einem Teil der Bewohner werden wieder Sozialwohnungen versprochen – nur glauben wollen daran die wenigsten.

Und so warten die Menschen ab. Kaum sind die Bulldozer weg, räumen sie die Bleche, die Holzstücke und ihre paar Töpfe zusammen. Vier Tage später stehen die kleinen Hütten an den Straßen wieder, als sei nichts geschehen – bis zum nächsten Abbruch.