Gambia

Nach dem Regierungswechsel in Gambia paart sich nun Hoffnung mit Ungeduld

xrva

Von xrva

Sa, 15. Juli 2017

Ausland

BZ-GASTBEITRAG: Judith Altrogge hat sich in dem westafrikanischen Land Gambia nach dem Regierungswechsel umgesehen.

In den vergangen Jahren sind viele Gambier vor dem Diktator Yaya Jammeh geflüchtet. Auch in Deutschland, insbesondere in Baden-Württemberg, sind viele gambische Asylsuchende angekommen. Mit der Abwahl des Diktators Ende 2016 hat sich für das Land und auch für die im Ausland lebenden Gambier eine neue Situation ergeben. Ein halbes Jahr nach den politischen Umwälzungen wächst jedoch die Ungeduld im Land.

Neuer Präsident Gambias ist der politisch relativ unerfahrene Immobilienmanager Adama Barrow. Er wurde als gemeinsamer Kandidat eines Bündnisses aus sieben Oppositionsparteien aufgestellt. Sie wollen Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und gute Regierungsführung etablieren. Dass sich alle wichtigen, vormals teils zerstrittenen Parteien auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten, zeugt von der außergewöhnlichen Not, die viele vor der Wahl empfanden. So wurde es als überlebensnotwendig empfunden, den Diktator loszuwerden. Auch regional wurde der Wandel unterstützt: Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) sandte Friedenstruppen, als Jammeh sich nach seiner Niederlage zunächst weigerte, das Amt niederzulegen.

Noch ist die Stimmung der Mehrheit der Bevölkerung euphorisch. Viele schwärmen von den neuen Freiheiten: Man kann endlich wieder frei sprechen, geflüchtete Journalisten kehren zurück, neue Medienoutlets sprießen aus dem Boden. Mit der Reform von Jammehs repressiven Pressegesetzen setzt der neue Präsident eines seiner konkretesten Ziele um. Doch bei der demokratischen Neuausrichtung muss die gesamte Gesellschaft einbezogen werden, denn Jammehs despotischer Politikstil hat über seine 22-jährige Amtszeit alle sozialen und wirtschaftlichen Strukturen beeinflusst.

Die Themen Sicherheit und Versöhnungsarbeit stehen im Zentrum derzeitiger Regierungsaktivitäten. Die Strukturen des brutalen Geheimdiensts der Diktatur reichten, ähnlich wie die der Stasi, weit in die Privatsphäre der Menschen hinein. Die Sicherheitslage im Land ist derzeit zwar stabil, dies kann sich aber schnell ändern. So lässt sich schwer einschätzen, wie groß das Ausmaß an Empathie und Unterstützungsbereitschaft bei der Bevölkerung für das charismatische Ex-Staatsoberhaupt noch ist. Erst kürzlich gab es noch Demonstrationen gegen die Präsenz der Ecowas-Friedenstruppen nahe Jammehs Heimatort Kanilai.

Barrows Kabinett arbeitet derzeit unter Hochdruck das politische Programm für die kommenden fünf Jahre aus. Anders als unter Jammeh spüren die internationalen Akteure nun ein intensives Interesse der neuen Regierung, sie zu konsultieren und mit ihnen zu kooperieren. Europäische und arabische Delegationen werden empfangen, um gemeinsames Vorgehen zu besprechen. Doch vielen in der Bevölkerung geht der Wandel nicht schnell genug. Sie erwarten rasch richtungsweisende Entscheidungen, sichtbarere Erfolge und mehr Transparenz der neuen Regierung. Viele hoffen neben mehr Meinungsfreiheit insbesondere auf bessere Beschäftigungsmöglichkeiten.

So wächst der Unmut über die politische Realität. Aber gerade der Wiederaufbau des Ausbildungs- und Arbeitssektors erfordert erhebliche Planungskompetenz und Zeit. Der Verwaltungsapparat, der die Veränderungen einleiten muss, ist selbst ineffizient und leidet unter erheblichem Kapazitätsmangel. Regimekritische Beamte haben bereits vor Jahren den öffentlichen Dienst quittiert. Viele talentierte und ambitionierte Menschen haben das Land verlassen, um in den Vereinigten Staaten, in Europa oder anderen afrikanischen Ländern ihre Ausbildung zu verfolgen und Karriere zu machen. Um nun dieses Potential für das "neue Gambia" zu nutzen, baut die Regierung derzeit ein Beratungsnetzwerk in der Diaspora auf. Diese Zusammenarbeit mit den Auslandsgambiern ist auch mit Blick auf die Wirtschaft sinnvoll. Rücküberweisungen der im Ausland lebenden Bevölkerung machen 22 Prozent des Bruttosozialproduktes aus – das ist der zweithöchste Wert in Afrika.

Diese finanzielle Unterstützung sollte auf Dauer jedoch nicht nur für den täglichen Bedarf der zurückgelassenen Familie eingesetzt werden. Sie muss auch strukturbildend investiert werden können, um langfristig Veränderungen zu bewirken und so die Fluchtursachen an der Wurzel zu bekämpft. Dies anzuregen bedarf ebenfalls viel Wissen und Zeit. Deutschland ist hier gefordert, zusammen mit der gambischen Regierung und insbesondere mit den hier lebenden Gambiern ein sinnvolles, entwicklungsorientiertes Vorgehen zu erarbeiten.