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25. April 2015

Besuch bei Heimkehrern

Russische Soldaten in der Ukraine

Viele Russen sind freiwillig in den Krieg in der Ukraine gezogen, sie wollten dem Alltag entfliehen, Helden sein, Geld machen – und jetzt? Ein Besuch bei Heimkehrern.

  1. Geblieben ist ein Kreuz: Roman Selesjnow, gefallen in der Ukraine. Foto: Gathmann

  2. Alexej Witner mag Uniformen. Foto: Gathmann

Wie Maxim Korjagitschew in seiner braunen Stoffjacke und der Adidas-Mütze an diesem kalten, windigen Apriltag durch seine Stadt Wladimir spaziert, sieht er aus wie jeder andere hier. Vielleicht etwas schmal für einen 24-jährigen russischen Mann, vielleicht etwas zu lieb sein Gesicht. Niemand würde darauf kommen, dass Maxim im Krieg war. Er führt zum "Goldenen Tor", einem Trutzbau im Zentrum: Von hier sei schon 1169 die Landwehr unter dem Befehl von Fürst Bogoljubskij nach Kiew gezogen, erzählt der 24-Jährige begeistert. "Sie haben damals Kiew geplündert, und sind reich zurückgekehrt." Damit schlägt Maxim die Brücke zu den heutigen Kämpfern im Donbass. Auch seiner eigenen Geschichte gibt Bogoljubs Marsch auf Kiew etwas mehr Sinn.

Maxim gehört zu den tausenden Russen, die im Donbass gegen die ukrainische Armee kämpften. Für Geld, für Neurussland, gegen den öden Alltag. Mitgebracht hat Maxim zwei kleine Knubbel, die er sich in die Ohren stecken muss, um ordentlich zu hören. Glück gehabt. Andere haben Beine oder Arme verloren oder kamen in Zinksärgen aus diesem unerklärten Krieg zurück.

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Jetzt sitzt er mit einer Tasse Tee in seiner hübschen Wohnung im 12. Stock eines Neubaus am Ostrand der Stadt. "Wir sind alle in der Erwartung aufgewachsen, dass diese gemütliche Schäbigkeit des Mittelschicht-Daseins nur etwas Vorübergehendes ist, dass eines Tages das wahre Leben an die Tür klopft und diese ganze Wirklichkeit der Einkaufszentren und der Bürokomplexe wie eine billige Dekoration abfällt", sagt Maxim, während er sich am Laptop durch die jüngsten Kriegsmeldungen aus "Neurussland" klickt. Im Regal steht ein Bild aus jener Zeit: er mit zwei anderen Kämpfern in Camouflage, hinter seinem Rücken der Lauf einer Kalaschnikow. Aber selbst hier sieht Maxim eher lieb aus.

"Wollen die Russen Krieg?", heißt ein in Russland berühmtes Lied. Es ist natürlich eine rhetorische Frage, die jeder ordentliche Russe mit Nein beantworten wird. Das Lied aus den 60er Jahren besingt das friedfertige russische Volk, das immer nur zu den Waffen griff, wenn es attackiert wurde. In den Schaufenstern von Wladimir hängen schon seit Wochen Plakate mit einer weißen Taube: Sie ist das Symbol in diesem Jahr, in dem Russland mit großem Tamtam den "70. Jahrestag des Sieges" begehen wird. Keine Frage: Russland wurde von Napoleon bis Hitler immer wieder angegriffen. Aber auch Russland führte selbst immer wieder Kriege: in den 80er Jahren in Afghanistan, dann in Tschetschenien, 2008 der Krieg in Südossetien, in dem Georgien zurückgeschlagen wurde.

Seit jenem August 2008 wartete Maxim. Damals lag er am Schwarzmeerstrand bei Sotschi in der Sonne und sah die Panzer auf Transportzügen in Richtung Georgien rollen. 18 Jahre war er da und wollte sich sofort als Freiwilliger melden. Aber der Krieg dauerte nur acht Tage. Maxim studierte dann Geschichte und grub mit Begeisterung in der geschichtsträchtigen Erde seiner Stadt. Warum ist er nicht Touristenführer geworden? "Zu schüchtern", sagt er. Warum nicht Geschichtslehrer? "Zu wenig Geld." Stattdessen ging er ins TEZ, das riesige Heizkraftwerk, dessen Schlote am Rande der Stadt rauchen. Sein Vater verschaffte ihm einen Job im Einkauf, gut bezahlt, aber todlangweilig. So fern vom Inhalt jener Heldenbücher in seinem Schrank. Und meilenweit entfernt vom Heldentum des Vaters. Der hat einen hohen Posten in der TEZ, er hat ihm seine Wohnung geschenkt, aber das Wichtigste: Er hat Ende der 80er Jahre für die Sowjetunion in Afghanistan gegen die Mudschaheddin gekämpft – rückblickend ein sinnloser Krieg. Der Sargnagel des Imperiums. Aber geblieben sind die Orden in der Schublade. Maxim hat keine Orden. Sie haben ihn nicht in der russischen Armee akzeptiert – wegen seiner Spreizfüße.

Seit der Krim-Annexion weiß Maxim, dass er kämpfen will. Gebannt verfolgt er den eskalierenden Konflikt im Donbass, den Kampf des russischen Kommandeurs Igor Strelkow gegen die ukrainische Armee in Slawjansk. Im März 2014 wird zudem seine Stelle gekürzt, Maxim ist jetzt 23, jung und frei wie ein Vogel.

Anfang August fährt er mit dem Zug nach Rostow am Don und meldet sich bei einer Rettungsstation des russischen Katastrophenschutzministeriums, wo sich zu diesem Zeitpunkt schon hunderte Freiwillige tummeln. Von dort geht es per Bus nach Donezk. Eine russische Grenzerin sagt trocken: "Oh, neues Kanonenfutter." Da läuft es Maxim kalt den Rücken hinunter. In Donezk werden er und die anderen in einem Wohnheim untergebracht. Immer wieder kommen Kommandeure der Separatistenbataillone, um sich Kämpfer abzuholen. "Aber ich habe gemerkt: Die suchen nur neues Kanonenfutter, weil sie so hohe Verluste haben", erzählt er. Schließlich lernt Maxim den Kommandeur einer rein russischen Einheit kennen und lässt sich anwerben. Es geht in Richtung Osten. Mit einem Minenwerfer ausgestattet, werden sie nahe der Stadt Ambrosijewka ausgesetzt, wo die ukrainische Armee eingekesselt ist. Maxim steckt eine Mine nach der anderen ins Rohr, die pfeifend in Richtung Ukrainer abfliegen. Aber niemand hat ihm erklärt, dass man nach spätestens dreißig Schüssen die Position wechseln muss. Die Ukrainer schießen zurück, es rummst gewaltig, dann liegt sein Kommandeur tot hinter einem Busch und ihm selbst läuft das Blut aus den Ohren. Maxims Krieg ist vorbei.

Sein Vater hat von Maxims Abteilungsleiter erfahren, dass er im Donbass gekämpft hat. Er hat ihn dann beschimpft, weil er sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Nach Respekt klingt das nicht. Und Maxim hat auch keine Orden mitgebracht. Nur diese zwei kleinen Stöpsel, wegen des Gehörverlusts. 60 Prozent, beidseitig, irreversibel, sagen die Ärzte. Was hat dir der Krieg gegeben, Maxim? Er lacht unbeholfen. "Eine kaputte Gesundheit. Das Gefühl, dass ich dafür gekämpft habe, woran ich glaube." Woran? "An ein imperiales Russland. Daran, dass wir Gebiete zurückholen, die zu Russland gehören." Hat er gegen ukrainische Faschisten gekämpft? Er lächelt. Nein, das sei nur die offizielle Version.

Der Krieg im Donbass hat in Russland eine Art Burgfrieden bewirkt, ähnlich wie der Beginn des Ersten Weltkriegs in Deutschland. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche", hatte Kaiser Wilhelm II. damals gesagt. Ähnliches könnte auch Putin behaupten.

Vor drei Jahren ist Maxim noch nachts durch die Straßen von Wladimir gezogen und hat Aufkleber mit dem Slogan "Einiges Russland – Partei der Gauner und Diebe" an Wände geklebt. Aber nach Putins Wiederwahl im März 2012 war alles gelaufen. Jetzt sagt Maxim: "Damals schimpften wir: Putin ist schuld an der Korruption. Jetzt denke ich: Die Korruption gehört eben zu Russland. Sie ölt den Staatsapparat."

Auch Alexej Witner hatte vor zwei Jahren noch wenig übrig für Putin: Er schimpfte über schlechte Gesetze, die Zügellosigkeit der Polizisten und die Migranten aus dem Kaukasus und Zentralasien. Aber am 24. Juli letzten Jahres zog er für diesen Staat in den Krieg. "In Friedenszeiten verstehen die Russen einander nicht. Aber wenn es Krieg gibt, dann ziehen wir an einem Strang", sagt er in seinem hübschen Häuschen am Rande der Altstadt. Er trägt einen olivgrünen Armeepullover, an den Ärmeln das Abzeichen von "Neurussland".

Als der Krieg beginnt, leitet Witner den Sicherheitsdienst einer Firma, bekommt jeden Monat das stolze Gehalt von 70 000 Rubel (damals um die 1600 Euro) und doch ist er unzufrieden. "Der Krieg hier in der Heimat ist schmutzig, die Menschen betrügen einander", sagt er. Es klingt, als habe er lange darauf gewartet, bis alle Russen an einem Strang ziehen könnten – egal ob Monarchisten, Sowjetmenschen, Nationalisten oder Liberale.

Seit dem Beginn des Maidans zieht es ihn in den Strudel der Ereignisse: Alexej sieht die Ereignisse in Kiew, die das russische Fernsehen als Machtübernahme ukrainischer Faschisten zeigt. "Das gibt Krieg", ahnt er. Die Frau, mit der er wohnt, schimpft: Du denkst nur über globale Probleme nach, aber du denkst nicht an dein Zuhause. Er kontert: "Hätte 1941 jeder nur an sein Zuhause gedacht, hätte es keinen großen Sieg gegeben!" "Wir haben jetzt ein sehr schlechtes Verhältnis", sagt Alexej ein Jahr später, allein in seinem Haus mit den zwei Katzen, die ihm geblieben sind. Dabei zwinkert er nervös.

Als das russische Fernsehen zeigt, dass die ukrainische Armee über Donezk Phosphorbomben einsetzt, kann Alexej nicht mehr zuschauen. Er geht zu seinem Chef und kündigt. "Du bist ein Idiot. Die kommen schon alleine zurecht", antwortet der. "Gleichgültigkeit ist schlimmer als Faschismus", giftet Alexej zurück.

Witner sammelt Pistolenhalfter, er hat Uniformen der Nazis, der DDR und der Sowjetunion im Schrank. In ihnen nimmt er an sogenannten "historischen Rekonstruktionen" teil, bei denen Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg nachgestellt werden. Geschichtsverrückt, kriegsverrückt ist er und voller Paradoxe. Mit deutschen Wurzeln, aber ebenso stolz darauf, ein Russe zu sein. Er sagt Dinge wie: "Ich bin nicht nur in den Krieg gezogen, um zu töten, sondern um Leben zu retten." Tatsächlich: Er hat die Übergabe mehrerer gefangener ukrainischer Soldaten an ihre Mütter organisiert. Zum Beweis ruft er eine von ihnen an, er hat ihre Nummer in seinem Telefon gespeichert: "Tatjana Nikolajewna, was macht denn Kolja?" "Oh, hallo Alexej", antwortet eine Stimme mit ukrainischem Akzent. "Kolja, der ist zu Hause." "Alles Gute" wünschen sich die beiden. Keine Frage, das war echt. "Ich bin trotz der Schrecken im Krieg kein Monster geworden", sagt Witner. "Ich konnte Ehre und Anstand bewahren." Was genau er im Donbass getrieben hat, will er nicht erzählen. Einer Art Sondereinsatzgruppe will er angehört haben. Orden hat er keine, nur eine ukrainische Flagge von einem verlassenen feindlichen Checkpoint.

270 getötete Freiwillige aus Russland listet die Seite "Lostivan.com", auf der die Ukrainer Daten über russische Kämpfer im Donbass sammeln, aber die wahre Zahl dürfte weitaus höher liegen. Dabei haben Leute wie Alexej oder Maxim diesen Krieg nicht entschieden. Das waren Profis: Söldner, denen man laut Gerüchten mehreren tausend Dollar im Monat gezahlt hat. Reguläre russische Soldaten, die im Urlaub in den Donbass fuhren. Und auch reguläre russische Truppen, die in wichtigen Momenten mit Panzern über die Grenze kamen.

Während Alexej die Einmischung regulärer russischer Truppe abstreitet, hat Maxim alles mit eigenen Augen gesehen: Als er mit seinem Minenwerfer zwischen Ukrainern und russischer Grenze stand, flogen über seinem Kopf von russischer Seite die Raketen in Richtung der ukrainischen Einheiten. Und dann hat er noch dieses Video gemacht, als er nach seiner Verletzung gerade die russische Grenze überschritten hatte: Im gelblichen Schein der Straßenlaternen rauschen da russische Panzer mit übermalten Hoheitszeichen vorbei. Dann dreht Maxim die Kamera, man sieht sein freudig erregtes Gesicht, dann wieder die Panzer.

Wie viele Freiwillige aus Russland im Donbass gekämpft haben, weiß man nicht. Zwischen 3500 und 35 000 könnten es sein. Allein für Wladimir listet Lostivan acht tote Kämpfer, davon zwei getötete Mitglieder der russischen Armee.

Einer von ihnen liegt in knapp zwei Metern Tiefe auf dem Ulybischewo-Friedhof, einem Areal im Kiefernwald außerhalb der Stadt. "Ach, ihr sucht den, den sie aus der Ukraine gebracht haben?", sagen die Friedhofsarbeiter und führen zum Grab von Roman Selesjnow. Gefallen ist er am 25. August mit 22 Jahren. Wie er gestorben ist, das weiß sein bester Freund Alexander Kutjin erst seit dem Herbst aus sicherer Quelle.

Die offizielle Version des Verteidigungsministeriums lautete: gestorben beim Manöver im Gebiet Rostow. Aber das hat schon damals niemand geglaubt. Das Waisenkind Selesnjow, aufgewachsen in einem Heim bei einer Kaserne, träumte immer von einer Armeekarriere. Zum Zeitpunkt seines Todes diente er bei den Luftlandetruppen. Im Herbst kamen Romans Kameraden nach Wladimir, tranken am Grab ein paar Gläser, und erzählten Alexander, was wirklich passiert war. Kurz nach der ukrainischen Grenze empfing sie ukrainische Artillerie. Der Kommandeur brüllte: Alle bleiben im Fahrzeug. "Aber Roman ist rausgesprungen, um anderen zu helfen. Dann hat ihn ein Granatsplitter in den Kopf getroffen", so erzählt es Alexander Kutjin. Roman war auf der Stelle tot. Dabei hatte er große Pläne: Seine Freundin war schwanger. "Zwei, drei Wochen Übungen, dann feiern wir Hochzeit, hat er gesagt", erinnert sich Kutjin. Dann fiel er in einem nicht erklärten Krieg, seine Freundin hatte eine Fehlgeburt. Ein Kreuz und ein paar Kränze sind von ihm geblieben.

Für die anderen geht das Leben weiter. Maxim hat einen Kredit aufgenommen, 100 000 Rubel, mehr als drei Monatsgehälter, und Kalaschnikow-Magazine und Helme für die Kämpfer im Donbass gekauft. Im März hat er dann seinen Job bei der TEZ wieder verloren. Er will jetzt irgendetwas mit IT machen. Alexej Witner rechnet damit, dass der Krieg wieder losgeht, vermutlich Ende April, dann will er zurück. "Keine Friedensabkommen mehr. Dieser Krieg ist erst zu Ende", sagt er, "wenn das Poroschenko-Regime in Kiew gefallen ist."

Autor: Moritz Gathmann