Türkei wollte Gülen-Anhänger aus der Schweiz entführen

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Sa, 24. März 2018

Ausland

Botschaftsmitarbeiter versuchten offenbar, türkisch-schweizerischen Geschäftsmann in eine Falle zu locken / Die Regierung in Bern ist darüber empört.

FREIBURG/BERN. Was sich im August 2016 auf einem Friedhof in Zürich zutrug, ist filmreif. Drei Mitarbeiter der Botschaft der Türkei in Bern treffen sich in höchstem Maße konspirativ an diesem Ort mit einem Landsmann. Sie tragen ihm eine Bitte vor. Ob er nicht seinem Staat einen Dienst erweisen könne, es gehe um einen Bekannten des Mannes, einen früheren Geschäftspartner. Den, ebenfalls ein türkisch-schweizerischer Staatsbürger, sähe man lieber in Ankara als in Zürich. Denn er sei wohl ein Unterstützer des Predigers Fethullah Gülen, also des Mannes, den Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als Drahtzieher hinter dem Putschversuch vom 15. Juli sieht.

Bei zwei späteren Treffen erläutern die türkischen Geheimdienstagenten dem Mann, worin seine Aufgabe bestehe: Er solle den Bekannten aushorchen und ihm später K.-o.-Tropfen ins Essen geben und ihn so außer Gefecht setzen. Dann solle er sich melden, den Rest übernähmen die Männer. Sie würden den Geschäftsmann außer Landes bringen. Bei einem der Treffen soll im Kofferraum eines Autos eine Tasche mit viel Bargeld gelegen haben. Zwei weitere Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes decken das Treffen auf dem Friedhof ab. Was sie nicht wissen: Auch die Spionageabwehr der Schweiz beobachtet das Geschehen und die folgenden Treffen. Der Geheimdienst schaltet die Bundesanwaltschaft ein. Der Geschäftsmann wurde gewarnt, die Entführung musste also ausfallen.

So haben es zwei Autoren des Tagesanzeigers aus Zürich recherchiert und aufgeschrieben. Und auch, was folgte: Die Bundesanwaltschaft musste erst herausfinden, wer die Personen waren, was sie planten und wie deren Status ist. Dann wurden das Justiz- und das Außenministerium informiert. Immerhin könnte es ja sein, dass zwei der Personen, ranghohe Mitarbeiter der Vertretung der Türkei in Bern, diplomatische Immunität genießen. Noch bevor das Außenamt grünes Licht gab für weitere Ermittlungen, wurden die Botschaftsmitarbeiter abgezogen.

Das war vor einem Jahr und es blieb unter Verschluss. Bis jetzt. Dafür ist die Hektik seit Bekanntwerden des Falles besonders groß. Denn in der Schweizer Geschichte gab es einen vergleichbaren Fall erst einmal. 1935 entführte die Gestapo in Basel den deutsch-jüdischen Journalisten Berthold Jacob. Auch Jacob war mit K.-o.-Tropfen betäubt worden. Er wurde bei Weil am Rhein über die Grenze gebracht. Die Regierungen in Basel und Bern erzwangen seinerzeit aber die Freilassung Jacobs.

Außenminister Ignazio Cassis wirkt unsicher. Er wolle die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft abwarten, "damit wir wissen, was genau geschehen ist", erklärte er der Tagesschau des Schweizer Fernsehens. Zugleich kündigte er eine Reise nach Ankara an, erklärte aber, diese sei seit Langem geplant. Doch die Empörung in Bern ist groß, Cassis musste vor der auswärtigen Kommission, dem zuständigen Parlamentsausschuss, Auskunft geben.

"Ich bin empört, dass ein Staat die Souveränität der Schweiz derart verletzt", sagte der sozialdemokratische Nationalrat Carlo Sommaruga. "Das ist eine Riesenschweinerei", befand Roland Büchel von der Schweizerischen Volkspartei in seltener Einigkeit mit dem SP-Mann. Sommaruga fordert, dass der Schweizer Botschafter in Ankara zurückgerufen wird. Zudem müssten die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen ausgesetzt werden, Lockerungen bei der Visavergabe dürfe es nicht geben. "Das ist eine aggressive Operation gegen die Souveränität unseres Landes, durchgeführt durch einen totalitären Staat gegen einen Schweizer Bürger. Jetzt ist der Moment, zu reagieren", sagte Peter Regli, Ex-Chef des Geheimdienstes dem Westschweizer Radio. Elisabeth Schneider-Schneiter, Nationalrätin aus Baselland und Vorsitzende der außenpolitischen Kommission, forderte Cassis auf, in Ankara Klartext zu sprechen und dennoch die Tür offen zu halten. Man müsse im Dialog bleiben.