Naziregime

Verschickung jüdischer Kinder: Trennung aus Liebe

Inge Günther

Von Inge Günther

Mo, 28. April 2014 um 07:53 Uhr

Ausland

Henry Foner wurde wie viele andere jüdische Kinder vor 75 Jahren von den Eltern getrennt und nach England geschickt. Er überlebte den Holocaust, sein Vater nicht.

Es war ein Einschnitt in seinem Leben, der ihm furchtbar wehgetan haben muss. Damals, als er zum letzten Mal seinen Vater sah. Aber Henry Foner hat keine Erinnerung daran. Die anschließende ewig lange Zugfahrt mit den anderen Kindern von Berlin Richtung Westen ist ihm im Kopf geblieben. Auch der Moment, als sie die deutsch-holländische Grenze erreichten und schroffe, hart blickende Männer in Uniform ihre Papiere und ihr Gepäck kontrollierten. Nur an den Abschied vom Vater im Berliner Bahnhofssaal erinnert er sich nicht mehr.

Henry Foner hieß damals Heinz Lichtwitz und war sechs Jahre alt. Er war eines von 10 000 jüdischen Kindern, die gerade noch rechtzeitig, vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, raus aus Hitlers Machtbereich nach Großbritannien verschickt werden konnten. Furchtbar eingeschüchtert saßen sie im Abteil, er und die anderen jungen Passagiere, die meisten das erste Mal ohne Eltern unterwegs, bewacht von Bahnbegleitern mit Hakenkreuz-Abzeichen. Der heute 81-jährige Foner erinnert sich, weiß sogar noch Details – etwa, wie der Zug wieder anruckelte und ein paar hundert Meter nach der Grenze erneut hielt.

"Holländische Ladies", erzählt er in schönstem britischen Englisch, "verteilten an uns Brötchen mit Wurst. Wir mochten das. Urplötzlich herrschte eine völlig andere Atmosphäre." Von dort ging es zur Fähre in Hoek van Holland, um nach England überzusetzen. Beim Einlaufen im Hafen von Harwich wurde jedem Kind eine Kennkarte um den Hals gehängt. Foner hat seine bis heute aufbewahrt. Auf dem schmalen Stück brauner Pappe steht der Name Heinz Lichtwitz, daneben ein Stempel mit dem Einreisedatum 3. Februar 1939 und auf der Rückseite die Nummer 476.

Doch eines hat sein Gedächtnis unwiderrufbar gelöscht: die traumatische Trennung vom Vater, das Bild, wie der ihn noch einmal in die Arme nahm, wie sie beide vermutlich mit ihren Tränen kämpften. "Die älteren Kinder haben immer nur diese Trennung gemalt", sagt er, "ich kann mich daran überhaupt nicht erinnern." Henry Foner muss schlucken, auch heute noch, wenn er darauf zu sprechen kommt. Er kann auf ein erfülltes, erfolgreiches Leben zurückblicken. Seit über fünfzig Jahren ist er, ein schlaksiger, hochgewachsener Mann, dem trotz seines hohen Alters noch etwas Jungenhaftes anhängt, glücklich verheiratet mit Judy, einer Israelin, die er in England kennen gelernt hat. Sie haben drei Kinder großgezogen, besitzen ein Einfamilienhaus mit Blumengarten am westlichen Stadtrand von Jerusalem und genießen ihren eher umtriebigen Ruhestand. Aber irgendwo tief in ihm liegt ein unheilbarer Schmerz vergraben. Sein Unterbewusstsein hat ihn aus Selbstschutz weggesperrt.

Vielleicht kam deshalb für Foner nach dem Krieg eine Rückkehr nach Deutschland nie in Frage. Der Bruder seines Vaters, Onkel Ludwig, der die NS-Zeit in einem Versteck in Berlin mit Hilfe dessen nicht-jüdischer Ehefrau überlebte, hätte das zwar gerne gesehen. Er sehnte sich nach einem Erben, der die von ihm wieder aufgebaute Druckerei, das Traditionsgewerbe der Familie Lichtwitz, hätte übernehmen können. Aber schon der Besuch in Berlin Anfang der sechziger Jahre fiel Foner schwer. "Die meiste Zeit habe ich damals im Zoo verbracht, weil ich die älteren Leute auf der Straße nicht ertragen konnte", berichtet er. Ständig quälten ihn Fragen, wer wohl Mitläufer oder gar ein SS-Mann gewesen sein könnte.

Die wenigsten jener jüdischen Minderjährigen, die vom Dezember 1938 bis Ende August 1939 von Berlin, Frankfurt und Hamburg aus auf den Kindertransport nach Großbritannien geschickt worden waren, kehrten in ihr Geburtsland zurück. In den meisten Fällen gab es keine Eltern mehr, sie waren im Holocaust umgekommen, so auch Max Lichtwitz, der Vater des kleinen Heinz. Der gerettete Junge hieß in England Henry und nahm den Nachnamen seiner britischen Pflegeeltern an.

Die Foners waren ein kinderloses, jüdisches Ehepaar. Sie wohnten in Swansea, einer mittelgroßen Hafenstadt in Wales. Der kleine Henry nannte sie Tante Winnie und Onkel Morris. Am Anfang fiel die Verständigung schwer. Die Pflegeeltern sprachen kein Deutsch, und Henry konnte kein Englisch – was sich allerdings im Nu ändern sollte. Jedenfalls nahmen ihn die Foners warmherzig auf. Henry hatte es gut bei ihnen – weit besser als viele andere Flüchtlingskinder aus Deutschland, die teils in Pflegeheimen unterkamen oder auch bei Bauern, die sie zu harter Arbeit heranzogen. "Die Foners haben mein Leben gerettet", sagt Henry Foner. Auch heute noch fühlt er sich den Verwandten aus Großbritannien verbunden.

Von seinem Vater blieben ihm nur kitschige Postkarten

Sein Vater Max Lichtwitz, ein Berliner Anwalt, hatte den Sechsjährigen damals, so weit das überhaupt möglich war, auf den Neubeginn in einer fremden Familie vorbereitet. "Jeden Abend trug er mir vor dem Schlafengehen auf, für die Foners zu beten", erinnert sich Henry Foner. Sie lebten in Berlin-Charlottenburg im Mietshaus in der Kantstraße 30, das seiner Großmutter gehörte. Der kleine "Heini", wie sie ihn oft nannten, hatte allenfalls eine vage Ahnung, wer denn diese Foners sein könnten. Seine eigene Mutter war bereits 1937 gestorben. Der Vater wollte wenigstens das Kind in Sicherheit bringen. Nach England. Max Lichtwitz schaffte es selber nicht mehr. Von seinem Vater sind Henry Foner nur viele Postkarten geblieben, die dieser alle paar Tage seinem Sohn nach Swansea schickte – solange es noch ging.

Die meisten zeigen bunte Motive von musizierenden Fröschen und niedlichen Teddybären aus dem Märchenwald, wie sie bis in die fünfziger Jahre hinein beliebt waren. Auch Fotos von süßen Hunden und imposanten Schiffen sind darunter. Es waren Bilder einer heilen Welt, die im krassen Kontrast zur realen Welt stand, die immer mehr aus den Fugen geriet. Und doch dokumentieren diese kitschigen Postkarten, wie ein jüdischer Junge und sein Vater durch den nationalsozialistischen Wahn auseinandergerissen wurden.

Die Kartensammlung hat Foner unlängst dem Archiv von Yad Vashem überlassen. Israels nationale Holocaust-Gedenkstätte hat sie, versehen mit seiner Geschichte und einer historischen Einordnung, als Buch herausgegeben, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist: "Postkarten für einen kleinen Jungen. To Heini from Daddy".

In den ersten Monaten schreibt der Vater noch auf Deutsch, aber nach dem 12. Juni 1939 fast nur noch auf Englisch. Es ist Henrys siebter Geburtstag, und der Vater hat angekündigt, um sieben Uhr am Abend anzurufen. "Da stand ich, die Hörmuschel am Ohr und die Sprechmuschel am Mund und verstand kein Wort", berichtet Foner und gestikuliert in seinem Jerusalemer Wohnzimmer mit Armen und Händen, wie kompliziert das Telefonieren war. Doch die eigentlichen Verständigungsschwierigkeiten lagen daran, dass sein blitzschnell gelerntes Englisch seine Muttersprache überlagerte. "Mein Deutsch ist auch später nie zurückgekommen. Selbst als ich später für mein Chemiestudium ein wenig Deutsch lernen wollte, die Sprache der ersten Chemiker, bin ich durch den Test gefallen."

An jenem 12. Juni 1939 hört er das letzte Mal die Stimme seines Vaters. Die letzte Karte aus Berlin erreicht ihn drei Monate später. Sie zeigt einen Vogel vor idyllischer Wassermühle und ist datiert auf den 31. August 1939. "Ich hoffe, es kommt kein Krieg. Falls er doch kommt, möge Gott Dich sowie Onkel und Tante segnen", hat der Vater darauf notiert. Am nächsten Morgen marschieren deutsche Truppen in Polen ein. Henry Foner kann sich noch ziemlich genau an den Tag der Kriegserklärung erinnern, als alle das Radio umlagerten und Gasmasken verteilt wurden. Im Jahr darauf greift die deutsche Luftwaffe Südengland an. Auch Swansea wird heftig bombardiert. Viele von Henrys neuen Freunden werden evakuiert, die Foners bleiben in der Stadt. Der Tod wird Teil des Alltags. In Henrys Klasse muss der Lehrer den Unterricht mehr als einmal mit der Bekanntgabe beginnen, dass ein Mitschüler bei einem nächtlichen Angriff gestorben sei.

Im August 1942 erreichen ihn noch einmal über das Rote Kreuz wenige Zeilen vom Vater: "Unser Schicksal ist sehr ungewiss. Schreib öfter! Viel Küsse, Vati". Die Pflegeeltern sagen, grübeln nütze nichts, man müsse das Kriegsende abwarten. Bald nach dem Sieg der Alliierten meldet sich ein Onkel aus Paris. Auch die Großmutter, die in das KZ Theresienstadt deportiert worden war, hat überlebt. Nur vom Vater kommt keine Nachricht. "Ich begriff, er ist tot", sagt Henry Foner. Es klingt lakonisch. Sich beherrschen, das hat er schon früh als Kind gelernt. 1951, zu seinem 19. Geburtstag, hat er dann endlich die Gewissheit. Die Großmutter schildert ihm in einem Brief das Schicksal des Vaters. Die Gestapo hatte ihn mit zwanzig anderen Funktionären der jüdischen Gemeinde in Berlin am 9. November 1942 in Geiselhaft genommen und einen Monat später zusammen mit seiner zweiten Frau und deren Tochter nach Auschwitz geschickt. Dort ermordeten sie ihn am 16. Dezember 1942.

1961 erhält Henry Foner völlig überraschend noch eine Art Abschiedsbrief von seinem Vater. Max Lichtwitz hatte ihn im Winter 1941 verfasst und einem Cousin in Kalifornien, mit dem er eng befreundet war, über unergründliche Wege zukommen lassen. Er möge seinem Sohn später einmal sagen, schreibt der Vater darin, "dass ich ihn nur aus tiefer Liebe und Sorge um seine Zukunft fortgegeben habe, dass ich ihn aber auf der anderen Seite Tag für Tag auf das Schmerzlichste vermisst habe und dass mein Leben seinen Sinn verloren hat, wenn es nicht doch noch einmal eine Möglichkeit geben sollte, ihn wiederzusehen." Henry Foner ist da inzwischen 29 Jahre alt, frischverheiratet mit Judy, hat in der britischen Armee gedient und sein Chemiestudium abgeschlossen. Er hat sein Leben im Griff, aber dieser Brief geht ihm so nahe. Es wirft ihn um. "Ich konnte ihn zwanzig Jahre lang nicht anrühren", gesteht er.

Draußen knattert ein Rasenmäher. Henry Foner hält inne und blickt gedankenverloren hinaus in diesen warmen Jerusalemer Frühlingsmorgen. England war seine Rettung. Aber Israel ist seine Heimat geworden, hier hat er mehr als sein halbes Leben verbracht. "Ich habe immer geglaubt", sagt er, "dass es ein Land geben muss, wohin Juden gehen können, ohne dass das eine Vergünstigung ist."