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08. Januar 2015 00:00 Uhr

Europäischer Gerichtshof

Wachkoma: Patientenwille oder Lebensschutz?

Darf bei Wachkoma-Patienten die künstliche Ernährung eingestellt werden? Oder verletzt dies das Recht auf Leben? Das muss der Gerichtshof für Menschenrechte in einem Fall aus Frankreich entscheiden.

  1. Mutter Viviane Lambert Foto: AFP

Vincent Lambert liegt seit einem Motorradunfall im Jahr 2008 im Koma. Er erlitt schwere Hirnverletzungen, zudem ist er seither querschnittsgelähmt. Über eine Magensonde wird er künstlich ernährt. Die Ärzte haben inzwischen die Hoffnung auf eine substanzielle Besserung aufgegeben. Zwar reagiere Lambert auf Reize, das seien aber nur unbewusste Reflexe.

Der behandelnde Arzt am Universitätsklinikum Reims schlug deshalb vor, die künstliche Ernährung einzustellen. Lamberts Frau Rachel war einverstanden. Ihr Mann hatte zwar noch keine schriftliche Patientenverfügung vorbereitet, da er zum Zeitpunkt des Unfalls erst 32 Jahre alt war. In einem Zustand völliger Abhängigkeit hätte er aber nicht am Leben erhalten werden wollen, sagt sie. Da sie beide als Krankenpfleger arbeiteten, hätten sie oft über das Thema gesprochen.

Die Eltern haben allerdings noch Hoffnung auf eine teilweise Gesundung. Erst jüngst habe ihr Sohn erstmals Schluckreflexe gezeigt. Das Beenden der künstlichen Ernährung bezeichnen sie als "verkappte Euthanasie". Und weil die Eltern den erzkonservativen katholischen Piusbrüdern nahestehen, entwickelte sich in Frankreich um den Fall Lambert ein Kulturkampf. Die gleichen Kreise, die zuletzt gegen die Einführung der Homo-Ehe wetterten, kämpfen jetzt gegen das "Todesurteil" für Vincent Lambert.

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Im Juni entschied das oberste französische Verwaltungsgericht gegen die Eltern. Deren letzte Chance ist jetzt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Dort nimmt man das Verfahren ernst. Sofort ordneten die Richter eine Fortführung der Ernährung bis zum Urteil an. Wegen grundsätzlicher Bedeutung wurde das Verfahren an die Große Kammer mit 17 Richtern überwiesen.

In der mündlichen Verhandlung wehrte sich die französische Regierung jetzt gegen den Euthanasie-Vorwurf. "Das Ziel des Arztes ist es nicht zu töten, sondern den Willen des Patienten zu respektieren", sagte der Regierungsanwalt François Alabrune. Die Eltern lassen das aber nicht gelten. Sie glauben, dass sich Rachel Lambert die angeblichen Äußerungen ihres Mannes nur ausgedacht hat. Mehr Gewicht hat das zentrale juristische Argument der Eltern. Sie behaupten, der Zustand ihres Sohnes sei keine Krankheit, sondern eine Behinderung. Die künstliche Ernährung sei deshalb auch keine medizinische Behandlung, sondern ein bloßer Akt der Pflege. Daraus folgern sie, dass es auf Lamberts mutmaßliche Ablehnung einer medizinischen Lebensverlängerung gar nicht ankomme.

Falls der Gerichtshof dem folgt, hätte das Auswirkungen in ganz Europa. In Deutschland, aber auch in vielen anderen Staaten, gilt künstliche Ernährung bisher als medizinische Behandlung, die nur mit tatsächlicher oder mutmaßlicher Zustimmung des Patienten möglich ist.

Es wäre allerdings eine Überraschung, wenn die Straßburger Richter den Eltern Recht geben. Bisher hat der Gerichtshof den 47 Mitgliedsstaaten des Europarats in Fragen der Sterbehilfe einen weiten Spielraum gelassen. Rachel Lambert kritisierte, dass die Eltern im Namen Vincent Lamberts klagen konnten. Er hätte eine solche Klage nie unterstützt, ließ sie das Gericht wissen. Sie appellierte an die Richter: "Lassen Sie ihn gehen, in Würde, wie er es gewollt hätte." Dagegen baten die Eltern: "Retten Sie das Leben unseres Sohnes. Geben Sie ihn denen zurück, die ihn lieben und pflegen wollen."

Autor: Christian Rath