Wenn aus Fake News "alternative Fakten" werden

Dietmar Ostermann und Jens Schmitz

Von Dietmar Ostermann & Jens Schmitz

Mo, 23. Januar 2017

Ausland

Der Streit über die Zuschauerzahlen bei der Amtseinführung von Donald Trump führt zu einem Eklat zwischen Regierung und Medien.

Es ist ein Streit, der an sich schon absurd erscheint: Wer hatte mehr Zuschauer bei seiner Vereidigung zum US-Präsidenten, der Demokrat Barack Obama im Jahr 2009 oder der Republikaner Donald Trump am vergangenen Freitag? Überflüssig ist der Streit zum einen, weil Luftbilder kaum einen anderen Schluss zulassen als den, dass die Menge vor dem Kapitol bei Obamas Amtseinführung größer war. Zum anderen, weil, wie die Washington Post betont, in der Hauptstadt weit mehr Demokraten leben als Republikaner – Obama also hatte ein Heimspiel, Trump nicht. In Washington D.C. bekam Trump gerade mal vier Prozent der Stimmen. Es wäre also alles andere als überraschend, wenn weniger Menschen zu seiner Amtseinführung kommen – und politisch auch kein Problem.

Doch Trump, der über sich selbst stets in Superlativen spricht, beanspruchte eben die größere Menge für sich – und löste so einen heftigen Streit mit führenden Medien aus. Der National Park Service erhielt vorübergehend Twitter-Verbot, nachdem er vergleichende Bilder von 2009 und 2017 verbreitet hatte. Trumps Sprecher Sean Spicer berief am frühen Samstagabend extra die Presse zu einem zornigen Statement ein. "Wir wissen, dass 420 000 Menschen gestern das U-Bahn-System benutzt haben, während es bei Präsident Obamas letzter Amtseinführung 317 000 waren", sagte Spicer. Allerdings verglich er dabei verschiedene Tageszeiten. In Wirklichkeit lag der Metro-Zuspruch bei Obamas beiden Vereidigungen höher als derjenige bei Trump. Spicer geißelte trotzdem die "Unehrlichkeit der Medien" und sagte, Journalisten sollten lieber die schleppenden Kabinettsbestätigungen im Senat thematisieren, statt Zwietracht zu säen. "Dies war das größte Publikum, das je einer Amtseinführung beigewohnt hat, Punkt." Fragen wollte er nach seinem Statement nicht beantworten.

Auf die Frage, warum Spicer "widerlegbare falsche" Angaben zu den Zuschauerzahlen bei der Trump-Vereidigung gemacht habe, sagte die Trump-Beraterin Kellyanne Conway am Sonntag in einer NBC-News-Sendung: "Sie sagen, dass es eine falsche Behauptung ist, und Sean Spicer, unser Pressesprecher, hat alternative Fakten dazu vorgelegt."

Auch der Präsident selbst operiert mit "alternativen Fakten". Über den Zuschauerandrang bei seiner Amtseinführung sagte Trump am Samstag: "Ich sah auf das Feld herunter – es sah aus wie eine Million, eineinhalb Millionen von Leuten. Ehrlich, es sah aus wie eineinhalb Millionen." Zugleich behauptete er über die Berichterstattung der Medien: "Wir haben sie ertappt." Die kritisierten Medien sahen das freilich umgekehrt – die Washington Post gab Trump-Sprecher Spicer vier Pinocchios für falsche Behauptungen.

In einer Statistik immerhin lag Trump tatsächlich vorn – zumindest im Vergleich mit der zweiten Amtseinführung Obamas. Das Marketingunternehmen Nielsen berichtete, dass sich 30,6 Millionen Menschen Trumps Vereidigung angeschaut hätten. Bei Obama waren es 2009 zwar 37,8 Millionen, 2013 aber nur 20,6 Millionen gewesen. Trump twitterte am Sonntag dazu: "Wow. 31 Millionen haben sich die Amtseinführung angeschaut, 11 Millionen mehr als die sehr guten Einschaltquoten vor vier Jahren!"