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25. Juli 2011
"Wir werden auch das überwinden"
Norwegen ist durch die beiden politisch motivierten Anschläge schwer getroffen. Doch das Land will sich seine Offenheit nicht wegbomben lassen.
Eng umschlungen sitzen die beiden Freundinnen auf dem Pflaster vor Oslos Dom, hinter ihnen ein ständig wachsendes Meer aus Blumen und Kerzen. "Mich hätte es auch treffen können", sagt Siri mit leiser Stimme, während ihre Kameradin die Tränen laufen lässt und nur den Kopf schüttelt über die Frage nach ihren Gefühlen.
Vor einem Jahr besuchte auch Siri das Lager der sozialdemokratischen Jugendbewegung AUF in Utøya , wo junge Sozialdemokraten seit Jahrzehnten ihre Sommercamps abhielten. Eine tolle Woche sei es gewesen, in diesem Jahr ließ sich die Teilnahme nicht mit ihrem Ferienjob vereinbaren. So blieb sie in Oslo, während viele von denen, die sie vor einem Jahr traf, jetzt tot sind oder vermisst oder bestenfalls mit Bildern und Eindrücken überlebt haben, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.
Ständig kommen Menschen zum Domplatz, verharren in stiller Andacht, legen Blumen ab und entzünden Grablichter. Auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat einen Strauß mitgebracht, ehe er zur "Messe für Sorge und Hoffnung" geht, die an diesem Sonntag den normalen Gottesdienst ersetzt. Die Königsfamilie ist gekommen, die gesamte Regierung, das Kirchenschiff ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Ende müssen Hunderte draußen bleiben. "Der 22. Juli 2011 wird als unser Karfreitag in unsere Geschichte eingehen", sagt Bischof Ole Christian Kvarme, als er die Teilnehmer begrüßt.
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Demokratie, mehr Offenheit, mehr Humanität."
Ministerpräsident Jens Stoltenberg
Langsam erwacht Oslo aus der Schockstarre, die die Stadt geprägt hat, seit am Freitagnachmittag eine kräftige Bombe Teile des Regierungsviertels schwer zerstört hatte. Immer noch sind die ausgebrannten Gebäude, an deren Glasfassade keine Fensterscheibe intakt ist, weiträumig abgeriegelt. Immer noch sind nicht alle Splitterberge entfernt, nicht alle Spuren gesichert, immer noch steht schwer bewaffnetes Militär an den Absperrungen, an denen Neugierige versuchen, einen Blick auf die einst so stolzen Hochhäuser zu ergattern, von denen einige möglicherweise abgerissen werden müssen. Auch hier liegen überall Blumengrüße, aus Teelichtern hat jemand "We love Oslo" geformt, eine brennende Sympathieerklärung an die gebeutelte Stadt.
In dieser hat sich die Stimmung gewandelt, aus dem Entsetzen erwächst ein Gefühl der Gemeinsamkeit, wie es die 16-jährige Trine Lystad Olsen ausdrückt: "Ich hoffe, dass wir jetzt zusammenstehen und gestärkt aus dieser sinnlosen Tragödie hervorgehen werden." Waren die Menschen am Samstagvormittag noch mit versteinerten Mienen durch die sonst um diese Zeit von fröhlichem Einkaufstrubel geprägten Straßen gehetzt, so breitete sich am Abend so etwas wie eine Trotzstimmung aus: "Niemand soll uns unsere offene Gesellschaft wegnehmen." Ähnlich sagte es auch König Harald in seiner Rede an die Nation: "Ich bewahre den Glauben, dass Freiheit stärker ist als Furcht. Ich bewahre den Glauben an ein freies und sicheres Leben in unserem Land."
Auch in der Nacht zum Sonntag legt das Geschehen seinen Dämpfer auf die sonst hier herrschende Ausgelassenheit. Innenstadtkneipen, in denen normalerweise kein Tisch frei ist, sind nur zur Hälfte gefüllt, alle Sportveranstaltungen sind abgesagt. Doch aus anderen Lokalen dringt schon wieder Musik. Am Sonntag sind die Absperrungen vor dem Parlament und dem Schloss wieder aufgehoben, und Polizeichef Einar Aaas versichert, dass Oslo wieder eine sichere Stadt sei.
Normalität wird es für die, die 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt in Sundvollen versammelt sind, noch lange nicht geben. Im braunen Holzhotel haben sich die Angehörigen der Opfer versammelt, die auf der Insel Utøya ihr junges Leben verloren. Geblieben sind auch einige der Überlebenden, die noch die psychologische Betreuung ausnützen wollen, ehe sie heimkehren. Das Hotel ist für Außenstehende abgeriegelt, doch davor harren Horden von Reportern, bis jemand herauskommt und erzählen will. Viele verweigern jede Auskunft, andere haben geradezu ein Bedürfnis, ihre Erlebnisse zu teilen. Sie erzählen von der Panik, vom Entsetzen, wenn neben ihnen Kameraden getroffen zu Boden sanken, vom von den Leichen blutrot gefärbten Wasser.
"Er rief Jugendliche zu sich, und dann schoss er sie nieder, er verfolgte Fliehende in ihre Zelte und brachte sie um, wenn es keinen Fluchtweg mehr gab, er nahm sich Zeit, weil er wusste, dass er Weglaufende treffen würde." So schildert der 21-jährige Juso-Funktionär Adrian Pracon, von seinem Krankenbett aus, die Minuten, die sein Leben verändert haben. Er lag zwischen Leichen und stellte sich tot, er hörte den Atem des Mörders, er spürte einen Schlag, hörte den Schuss, der ihn betäubte, doch die Kugel durchschlug seine Schulter, nicht Kopf oder Lungen wie bei seinen Kameraden. Pracon überlebte. "Ich hatte einen Schutzengel, aber wie soll ich mich darüber freuen?"
zufolge deportiert oder
hingerichtet werden.
Zu den Campern gehört auch der 32-jährige Marcel Gleffe aus Teterow bei Rostock. Vom Ufer aus sah er,wie verzweifelte Menschen ins Wasser sprangen und um Hilfe riefen. "Da waren überall Köpfe ringsum zu sehen." Er rannte zu dem Bootsanleger, sprang in sein Boot und startete den Motor. "Den ersten Leuten habe ich die Schwimmwesten zugeworfen." Aber die Ertrinkenden trauten dem Retter zunächst nicht. "Die haben keinem Menschen getraut, nur dem Nachbarn, der im Wasser war." Auch er konnte immer nur wenige Flüchtige an Bord nehmen. Manche der Geretteten seien schon auf dem Boot zusammengebrochen. Vier bis fünf Mal sei er auf den See gefahren und habe etwa 20 bis 30 Menschen geborgen. "Solange bis die Polizei kam und gesagt hat: Jetzt nicht mehr." Erst am nächsten Morgen wurde das ganze Ausmaß dessen bekannt, das Anders Behring Breivik angerichtet hat.
Anders Behring Breivik, der Mann, der so viel Leid verursachte, ergab sich wenig später ganz ruhig, als die Polizei anderthalb Stunden nach Beginn des Massakers endlich auf die Insel vordrang. Warum er die eiserne Regel von Amokschützen verletzte, die letzte Kugel für sich selbst aufzuheben, wird inzwischen immer klarer. Im Internet ist sein Manifest aufgetaucht, das der 32-Jährige unmittelbar vor dem Anschlag verschickte. Es ist ein 1500 Seiten langes Pamphlet mit dem Titel "Eine Europäische Unabhängigkeitserklärung", in dem er unter dem Pseudonym Andrew Berwick eine Strategie für den Krieg gegen "Kulturmarxismus" und "Multikulturalismus" entwickelt, der seiner verschrobenen Ansicht nach 1999 begann, als der Westen Serbien gehindert habe, sich gegen die "muslimische Invasion" zu wehren, und der 2083 mit dem Endsieg enden werde. Schwer bewaffnet und in prunkvoller Uniform präsentiert sich Breivik in der Schrift. Der Selbsttod war für diesen Mann keine Alternative. Er sieht den kommenden Prozess als Propagandaforum für seine Mission.
Er habe die "faktischen Verhältnisse" gestanden, sowohl zum Anschlag in Oslo wie auf Utøya, Strafschuld aber nicht, sagt sein sichtlich geplagter Verteidiger Geir Lippstad. "Grausam, aber notwendig" seien seine Aktionen gewesen, um den Staat zu erschüttern, behauptet der Täter. Er habe keine Mithelfer gehabt. Seit mehr als neun Jahren habe er die Tat vorbereitet, behauptet Breivik in seinem Manifest, während er sich nach außen hin als freundlicher, hilfsbereiter Mitarbeiter auf Arbeitsplätzen in durchaus multikulturellem Umfeld gab. Er war früher Mitglied der rechten Fortschrittspartei und bei den Freimaurern, er war ein zeitweise aggressiver Blogger auf antimuslimischen Websites, aber nichts, was er dort schrieb, hätte je den Verdacht geweckt, dass in ihm ein Massenmörder schlummerte.
Minutiös beschreibt Breivik in seinem Tagebuch, wie er den Bau der Bomben vorbereitete und ausführte, immer wieder gestört durch neugierige Nachbarn in seinem neu erworbenen Hof nördlich von Oslo, in dem er eine Firma registrierte, um den Kauf großer Mengen Kunstdünger zu rechtfertigen. Den Nachbarn war aufgefallen, dass er zwar Dünger hortete, aber kein Gemüse anbaute, doch sie dachten nicht weiter über den "höflichen, vielleicht allzu höflichen" Mann nach.
Er träumt von "Gesellschaftsumsturz durch Revolution", bei dem Westeuropas "multikulturelle Regimes" vor dem Staatscoup einer "nationalen Widerstandsbewegung" kapitulieren müssen. Wenn die "patriotische Führung" einer kleinen nationalbewussten Elite etabliert sei, sollten alle Muslime deportiert oder, wenn sie sich weigerten, hingerichtet werden. Er verbrämt seine wirre Ideologie mit pseudowissenschaftlichen Theorien und entpuppt sich gleichzeitig als Kindskopf, der von den Orden phantasierte, die er als "wahrer europäischer Held", als "Kreuzfahrer" und "Retter des Christentums" erhalten werde. Je höherrangiger der getötete Feind, desto höher die Auszeichnung. Welchen Orden er für den Mord an wehrlosen Kindern und Jugendlichen für sich selbst vorgesehen hat, hat er bisher nicht gesagt.
Erklär's mir: Was ist ein Fanatiker?
In Norwegen hat ein Mann am Freitag zuerst eine Bombe gezündet und dann an einem anderen Ort mit einem Gewehr sehr viele Menschen getötet. Natürlich möchte man nun wissen, wie ein Mensch so etwas tun kann. Richtig verstehen kann das aber wohl niemand. Er hat es ja auch nicht in einem Moment getan, in dem er besonders wütend war und nicht wusste, was er tat. Er hat die Tat sehr sehr lange geplant und vorbereitet. Aber niemand hat es gemerkt. Er hat schlimme Vorstellungen gehabt von anderen Menschen und sie für so böse gehalten, dass er meinte, er dürfe sie töten. Solche Menschen hören dann gar nicht mehr zu, wenn man mit ihnen redet. Sie glauben nur noch das, was in ihre eigene Vorstellung passt. Sie sind überzeugt, anderen Menschen zu helfen, selbst wenn sie etwas Furchtbares tun.
Autor: fs
Autor: Hannes Gamillscheg


