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09. August 2016 08:46 Uhr

Extremsport

Zwillingsbrüder drehen furchtlose Actionsport-Videos

Sie sind Stars in der boomenden Branche der Actionsport-Videos: Die amerikanischen Zwillingsbrüder Caleb und Chris Farro gehen für spektakuläre Aufnahmen ans Limit.

  1. Selfie im freien Fall: die Farro-Brüder Foto: Caleb und Christopher Farro

  2. Auch vor Raubfischen haben die Brüder keine Angst: Selbstbildnis mit Haien. Foto: Caleb und Christopher Farro

Winter-X-Games in Aspen, Colorado. Sage Kotsenburg, Olympia-Sieger im Snowboarden, hebt zum letzten großen Sprung ab. Mit über 70 Stundenkilometern rast er über die Schanze. Acht Meter über dem Boden dreht er sich um sämtliche Achsen. Die Landung, der kritischste Moment, steht bevor. Als sein Snowboard den Schnee berührt, wird das TV-Bild plötzlich schwarz. Ist Kotsenburg gestürzt? Nein. Seine menschliche Drohne liegt am Boden, der Kameramann, der auf Skiern dem Athleten über alle Sprünge des Parcours folgt.

Das Wichtigste ist, die Kamera stillzuhalten

Noch heute muss sich Caleb Farro von seinem Zwillingsbruder Chris Neckereien darüber anhören. Der ist noch nie während einer Live-Sendung auf die Nase gefallen. 365 Millionen Haushalte weltweit schalten laut TV-Sender ESPN bei der Extremsportveranstaltung ein. Caleb grinst halb verlegen, halb stolz, fasst sich an den blonden Schopf und sagt: "Oh Mann, das war peinlich." Nicht gefährlich. Nicht schmerzhaft. Nicht furchterregend. Peinlich.

Im nächsten Winter werden die Brüder wieder wenige Zentimeter hinter den Besten der Welt über aberwitzig steile Schanzen fliegen. Sie werden gestürzten Sportlern in letzter Sekunde ausweichen. Sie werden sich vor durch die Luft schießenden Skiern und Stöcken ducken. Und bei all dem werden sie das Wichtigste nicht vergessen: die Kamera stillzuhalten. Der Parcours der X-Games wird jedes Jahr schwieriger, die Sprünge kritischer, ihre Arbeit gefährlicher. Aber der Gedanke daran entlockt Caleb und Chris nur zwei identische, spitzbübische Lächeln und lässt vier grüne Augen blitzen. Die eineiigen Zwillinge sind ein Glücksgriff für ihren Arbeitgeber, den Action-Kamera-Hersteller Go-Pro.

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Es gibt kaum eine Extremsportart, die die Farro-Brüder nicht betreiben. Sie surfen, kitesurfen, windsurfen, skydiven, fahren Motorrad, Mountainbike und natürlich Ski. Und wenn es sein muss, lassen sie sich Hunderte Meter eine glatte Felswand hinab. Wenn von Go-Pro gesponserte Athleten irgendwo auf der Welt an ihre Grenzen gehen, sind Caleb und Chris dabei – mit einer kleinen Kamera auf dem Kopf, um die Brust, am Handgelenk, im Mund.

Das lernt man auf keiner Filmhochschule

Mit der Regelmäßigkeit, mit der andere ihren Döner oder die volle U-Bahn fotografieren, schicken die Zwillinge ihren Freunden Bilder ihrer Geschäftsreisen. Chris mit Surf-Star und Bikini-Model Alana Blanchard auf Sumatra. Caleb vor einem atemberaubenden Steilhang in Alaska. "Wenn ich gewusst hätte, dass man mit Hobbys Geld verdienen kann, hätte ich mich während der Uni auch mehr darauf konzentriert", sagt Billy Luedtke. "Man muss die zwei einfach hassen", schlussfolgert der Freund, zwinkert und seufzt.



Was die Zwillinge machen, lernt man auf keiner Filmhochschule. Auf ihren Job hat sie nur eins vorbereitet: ihr hyperaktives Leben. Wo genau ihre Ausbildung begann, ist schwer zu sagen. Vielleicht in Mount Hood Meadows, Oregon, wo die Mutter die beiden schon mit zwei Jahren auf die Skier stellt. Vielleicht auf dem Columbia River, wo der Vater sie zum Windsurfen hinschleift. Vielleicht in Hood River, wo sie nach der Schule Tennis und Fußball spielen, dann ringen gehen und abends noch etwas sprinten. Vielleicht in Los Angeles, wo sie während der Studienzeit an der University of Southern California (USC) zu Wellenreitern werden. Spätestens aber auf den verschneiten Hängen von Mammoth, Kalifornien, wo sie mit dem Skiteam der USC trainieren.

Angefangen hat es mit Rückwärtssaltos

Dort bereiten sie sich nicht nur auf Wettkämpfe vor, die sie nicht selten gewinnen. Die Zwillinge und ihre Teamkollegen kaufen sich eine Go-Pro, filmen sich selbst und veröffentlichen die Videos auf Youtube. Mal sind es Anleitungen für einen Rückwärtssalto, mal Zusammenschnitte des Wochenendes im Schnee. Es ist das Jahr 2009, die Qualität des ersten digitalen Go-Pro-Modells ist beschränkt. Aber die Freunde erkennen das Potenzial der zigarettenschachtelgroßen Kamera. Und Go-Pro-Gründer Nick Woodman das Potenzial der Zwillinge. Nach der Uni stellt er sie ein.

Heute sind die Zwillinge mit ihren 27 Jahren Teil der Ego-Film-Kultur, in der ein Erlebnis nur dann Wert hat, wenn man es mit einer Aufnahme belegen kann. So nah dran wie die Go-Pro war vor ihr noch keine Kamera. Ihr Weitwinkel ist dafür konzipiert, die Perspektive des Nutzers aufzuzeichnen. Aus Go-Pro ist inzwischen eine börsennotierte Firma geworden, aus ihrem Gründer ein Milliardär. Auf Youtube finden sich rund 32 Millionen Treffer zum Stichwort Go-Pro. Alle paar Minuten kommt ein neuer Clip hinzu. In der Firma widmen sich ganze Abteilungen der Produktion eigener Videos und ihrer Verbreitung.

Die Branche boomt

Die Actionsport-Filmbranche boomt. Die technische und finanzielle Ausstattung von Produktionen wird immer größer. Mit jedem Projekt verschieben sich die Grenzen des Möglichen – sportlich wie filmerisch. Athleten und Kameramänner riskieren ihren Hals für atemberaubende Aufnahmen, die Normalverbraucher dann in der Sicherheit des eigenen Wohnzimmers aus allen erdenklichen Perspektiven goutieren können: in der 360-Grad-Umschau, aus der Sicht des Sportlers, der Drohne oder des Lawinenhundes.

Was die Kosten seiner Produktionen angeht, hält sich Go-Pro bedeckt. Auch der andere große Mitspieler, Red Bull, gibt keine Zahlen preis. Beide Videokanäle zählen zu den zehn erfolgreichsten auf Youtube. Die Farros haben es mit ihren Fotos und Videos auf rund 60 000 Follower auf Instagram gebracht. Go-Pro arbeitet an einer eigenen Drohne, um angesichts wachsender Konkurrenz und schlechter Verkaufszahlen des Mini-Modells "Session" vorne dabei zu bleiben. Die Aufnahmen für das Werbevideo liefern die Zwillinge. Das heißt nicht, dass sie mit einer Fernbedienung in der Hand irgendwo herumstehen. Mit Skiern an den Füßen, einem Fallschirm auf dem Rücken und einem Kiteboard unter dem Arm wollen Caleb und Chris Bilder machen, die die Welt noch nicht gesehen hat. Das ist ihr Job.

Die beiden leben in Campingbussen

Die Zwillinge sind lieber unterwegs als hinter einem Schreibtisch. Auch wenn das bedeutet, mal in einem Schneesturm in Kanada festzusitzen oder von einer Riesenwelle in Australien verschluckt zu werden. Wenn Chris und Caleb im Büro in San Mateo, Kalifornien, eine Produktion vor- oder nachbereiten, zappeln sie irgendwann unruhig mit den Beinen.

An solchen Tagen verbringen sie die Nacht dann gerne am Strand. Sie wollen vor der Arbeit noch surfen gehen. Weder Chris noch Caleb haben eine Wohnung. "Wozu?" Vier grüne Augen gucken verständnislos drein. "Eine Wohnung hat keine Räder und kann sich nicht dorthin bewegen, wo Wind und Wellen am besten sind." Die beiden Brüder leben in zwei Campingbussen. Am Flughafen in San Francisco begrüßt man die Zwillinge wie alte Freunde, wenn sie wieder mal ihre Wagen auf dem Langzeitparkplatz abstellen und in ein Flugzeug steigen.

Die Go-Pro hat die Möglichkeiten der Selbstdarstellung in der Fotografie revolutioniert. Die kleinen Kameras schlagen bei der Generation Selfie ein wie eine Bombe. "Go Professional", werde ein Profi, besagt der Name der Kamera. "Be a Hero", sei ein Held, rät der Slogan der Firma. Freizeitsportler inszenieren sich selbst mit den robusten, wasserfesten Kameras.

An die eigenen Grenzen – und darüber hinaus

Die Go-Pro gilt als unzerstörbar. Die Menschen, die sie nutzen, sind es aber nicht. Es gibt einige Videos, die tödliche Unfälle etwa von Basejumpern zeigen. Olivier Chambres, ein Chirurg aus dem französischen Biarritz und Mitglied der Organisation Surfing Medicine International, hat eine Zunahme an Surfunfällen bemerkt, seit die Action-Kamera bei Wellenreitern beliebt geworden ist. "Go-Pro-Phänomen" tauft er seine Beobachtung und meint damit, dass die Surfer sich gegenseitig über den Haufen fahren, weil sie zu sehr auf ihre Kamera und den richtigen Schuss fixiert sind.

Für das perfekte Bild gehen auch die Zwillinge an ihre Grenzen – und manchmal darüber hinaus. Caleb dreht in Chile mit Profi-Snowboarder Travis Rice. Ein Helikopter setzt sie auf einem Gipfel ab, der so schmal ist, dass er nur mit einer Kufe landen kann. Die andere hängt in der Luft. Rechts und links geht es Hunderte Meter in die Tiefe. Caleb und Travis müssen aufeinander kauern und sich in den Schnee krallen, bis der Hubschrauber abgehoben hat. Eine falsche Bewegung, und der Sturz in den Tod ist gewiss.

Schon oft verletzt

"Das ist zu viel für mich, habe ich gedacht", sagt Caleb. "Und das war, bevor ich Travis mit der Kamera vom Gipfel hinunter folgen musste." "Der Grat zwischen einem Leben am Limit und einem Leben aus den Fugen ist schmal", sagt Chris. Jeder Mensch müsse seine Risiken selbst abwägen und entsprechend handeln. Verletzt haben sich die Zwillinge in ihrem Leben schon oft – jedoch nie auf einem Dreh.

Ein guter Sommertag ist für Caleb und Chris, wenn sie morgens eine Runde kiten gehen, mittags drei-, viermal mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen und abends wieder kiten. "Das ist die perfekte Mischung: Endorphine, Adrenalin, Endorphine. Besser geht’s nicht." Und das machen die zwei mit Kamera oder ohne. Meistens haben sie aber eine dabei.

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Autor: Charlotte Janz