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21. Dezember 2009

Auf der Suche nach Vergangenem

Konzeptuelle Landschaftsserien: Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt Fotografien von Elger Esser.

Nun hat es auch der jüngste Becher-Schüler ins Museum geschafft: Das Kunstmuseum Stuttgart widmet dem Fotografen Elger Esser, der von 1991 bis 1997 bei Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Akademie studiert hat, seine erste große Museumsausstellung.

Die Bechers sind für ihre konzeptuelle Vorgehensweise bekannt: Schwarzweißfotografien von Industriebauten, die bei neutralem Licht frontal aufgenommen und nach Typen zu Serien geordnet wurden. Auch der 1967 in Stuttgart geborene Esser arbeitet in konzeptuellen Serien, hat jedoch Landschaft zu seinem Sujet erkoren. Seit vielen Jahren bereist er Orte in Frankreich, an denen sich einst berühmte Persönlichkeiten aufhielten, und fotografiert dort unberührte Natur, insbesondere westfranzösische Küstenlandschaften. In der Ausstellung sind drei Gruppen von Fotografien zu sehen. Die seit 1996 entstehenden großformatigen Landschaften mit weißem Rand sind am eindrücklichsten. Ihre ausgebleichte Farbigkeit entsteht durch den Einsatz eines Filters beim Entwickeln. Ansichten von Leuchttürmen, Sandstränden oder Brücken erhalten so eine Anmutung von gegenwärtiger Vergangenheit. Man erkennt die Fotografien als zeitgemäß und versteht durch Ausbleichung und Überhelle gleichzeitig, dass Fotografie im Moment ihres Vollzugs immer etwas bereits Vergangenes festhält. Motive und Unschärfe dieser Fotografien berühren eigene Sehnsüchte, Träume oder Erinnerungen an Weite, Licht, Raum, Reisen, Orte und Natur.

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Die zweite Gruppe sind um das 400-fache vergrößerte Fotokopien von idyllischen Landschaftspostkarten des 19. Jahrhunderts. Details mit tobenden Wogen, einsamen Gestalten oder Sonnenuntergängen sind zu schwarzkörnigen Abbildern mit glänzender Oberfläche geworden. Durch die Vergrößerung wird die Rasterung sichtbar, die wie Staub erscheint, der sich abgelagert hat. Es haftet ihnen etwas Bedrückendes an. Verstärkt wird dies durch die platte Überwältigungsstrategie des Künstlers, sie auf einer Wand alle übereinander zu hängen. Esser dreht das Prinzip von Vergrößerung und Kolorierung auch um, indem er Schwarzweißvorlagen vergrößert und diese teilweise oder ganz kolorieren lässt. Diese Werke glänzen nicht, sondern besitzen eine matte malerische Oberfläche.

Doch auch ihnen wohnt spürbar die beschriebene Ablagerung von Zeit inne. Auffällig ist der häufige Gebrauch früher Sensationsfotografien von gestrandeten Schiffen, Aufnahmen vergangenen Elends. Schwarze, verängstigte Gestalten laufen vom rostigbraun kolorierten Wrack eines Segelschiffs auf den Betrachter zu. Andernorts lässt ein im Bach stehender Bauernjunge an Narziss denken sowie an die Vergänglichkeit unbeschwerter Kindertage – und die Konstruktion von Idylle und Landschaft durch solche Darstellungen. Eine Fotografie hat den letzten Moment eines untergehenden Schiffs eingefangen und so wirken das aufpeitschende Wasser, die unscharfen Umrisse und das Ufer nahezu abstrakt. Dieses nur leicht kolorierte Werk scheint im Gegensatz zu den anderen zeitenthoben, es bietet Ansatzstellen für ein stärker zukünftig orientiertes Werk.

Esser setzt sich stark mit Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auseinander. Die dritte Gruppe sind daher Heliogravüren (eine Vorläufertechnik des modernen Tiefdrucks aus dem 19. Jahrhundert) von Orten, die Prousts fiktives Combray darstellen könnten. Esser greift auf das Medium der Postkartenherstellung zurück, auf dem seine Vorlagen beruhen. Die schwarzweißen Heliogravüren geben Orte, wie den Blick in einen Wald oder eine verlassene Waschstube, auf weiche Weise wieder. Weiß man um den Zeitpunkt der Aufnahme nicht, so ist nicht zu entscheiden, ob es sich um den Blick auf einen letzten noch existierenden magischen Ort oder lediglich um die Wiedergabe eines vergangenen Ortes handelt.

Der Ausstellung gelingt eine gute Einbettung des Werkansatzes in den Kontext, indem sie alte Fotografien aus der Sammlung Herzog, Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts, viele alte Postkarten des Künstlers sowie Bücher und Dokumente von Marcel Proust zeigt. Die nostalgische Orientierung am Vergangenen durchzieht dieses Werk sichtlich stärker als der sehnsüchtige Blick in die Zukunft.
– Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1. Bis 11. April, Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Mittwoch, Freitag 10–21 Uhr. http://www.kunstmuseum-stuttgart.de

Autor: Yvonne Ziegler