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30. Oktober 2009 09:34 Uhr

Karlsruhe

Die Vandalen: Hüter römischer Kultur

Das Landesmuseum in Karlsruhe versteht es, schwierige Stoffe populär zu vermitteln und so die Besucher behutsam aufzuklären. Das zeigt auch die aktuelle Ausstellung über die Vandalen.

Nein, die Vandalen haben sich nicht wie Vandalen aufgeführt. Dieser Satz muss am Anfang stehen. Denn er benennt das Klischee, gegen das die Karlsruher Ausstellung über das Königreich der Vandalen in Nordafrika angeht. Selbstverständlich nutzt das Badische Landesmuseum das Klischee auch als Anreiz, um Publikum zu locken: Vandalismus kennt jeder – doch was weiß man von diesem germanischen Volk? Nach dem Besuch der Ausstellung gewiss so viel, dass man Vandalismus als Begriff für Akte der Kulturzerstörung oder für blindes Wüten gegen öffentliche Einrichtungen als eher unpassend ansieht.

Das Landesmuseum versteht es schon seit längerer Zeit, schwierige Stoffe populär zu vermitteln und so die Besucher behutsam aufzuklären. Auch Sonderausstellung "Erben des Imperiums in Nordafrika – Das Königreich der Vandalen" ist lehrreich. Sie zeigt einen ganz anderen Umgang mit römischer Kunst durch Germanen, als wir es von den Volksstämmen in Mitteleuropa kennen. Gewiss, der lange Zug der Vandalen von Polen quer durch Europa nach Spanien und weiter nach Nordafrika, ausgelöst wie die gesamte Völkerwanderung durch den Druck der aus der eurasischen Steppe nach Westen drängenden Stämme, war begleitet von Raub und Zerstörung – wie der anderer germanischer Gruppen auch. Aber als sie, insgesamt 50 000 bis 80 000 Menschen, in der wohlhabenden und fruchtbaren römischen Provinz Africa proconsularis ankamen, heute der Norden von Algerien und Tunesien, da übten sie keineswegs Vandalismus.

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Vielmehr haben sie in staunenswerter Weise die römische Kultur und Lebensweise sich zu eigen gemacht. Sie haben die Bäder der Römer genossen, sich in deren großen Villen einquartiert, die großen Städte, voran die Metropole Karthago, erhalten, sich römischer Verwaltung und Technik bedient – und wohl sogar Latein gesprochen. Die römische Führungselite wurde zwar ausgetauscht, doch der von ihr beanspruchte Komfort, ihr Kunstverständnis blieben gewahrt. Auf dieser Basis errichteten die Vandalen für 100 Jahre ein Reich, das zeitweilig die Vormacht zur See im westlichen Mittelmeer innehatte.

Nicht Zerstörung, nicht Untergang ist darum das große Thema der Ausstellung, sondern Kontinuität. Die römische Kultur lebte fort, auch in ihrer frühchristlichen Ausprägung. Doch wo bleibt der vandalische Anteil? "Die Spuren, die die Vandalen in Nordafrika hinterließen, waren gering, sowohl genetisch als auch religiös wie kulturell", heißt es im sehr informativen Katalog.

Darin liegt das Grundproblem der Karlsruher Ausstellung. Laut Museumschef Harald Siebenmorgen versammelt sie das meiste, was sich an mobilen Funden in Nordafrika in die Zeit der Vandalenherrschaft datieren lässt. Aber das sind vom Stil her spätrömische Zeugnisse, angefangen von der Töpferware bis hin zu den Mosaiken, die auf der künstlerischen Höhe der Zeit stehen. Deshalb breitet sich hier einmal mehr der Reichtum der römischen Endzeit aus, nun anhand reicher Leihgaben aus Tunesien und sogar aus Algerien, aber auch aus Spanien, Paris oder London. Vieles hat man noch kaum gesehen, etwa die zauberhaften Mosaiken aus dem Bardo-Museum in Tunis, mit der Kopie des Taufbads von Demna als Höhepunkt. Aber eine unbekannte Kultur ist das nicht. Selbst in der Sakralkunst herrscht Kontinuität – obwohl die Vandalen dem arianischen Glauben anhingen und die Trinität Gottes ablehnten.

Wo aber Unterschiede zwischen Vandalen und Römern nicht zu sehen sind, muss Text nachhelfen. Es gibt viel zu lesen in der Ausstellung, die entlang der Zeitschiene zwischen dem Aufbruch der Vandalen aus Polen und der Eroberung Nordafrikas durch die Araber aufgebaut ist. Den bösartigen Urteilen spätrömischer Autoren, die den Vandalen die Eroberung Roms, aber wohl auch ihren Glauben übelnehmen, steht der immer noch erläuterungsbedürftige Befund der Archäologen gegenüber, der nichts weiß von einer Kulturzerstörung durch dieses Volk.

Geiserich plünderte zwar Rom, die Kunstwerke aber hütete er

Geiserich, angeblich der wüste Plünderer von Rom (geplündert schon, aber die Beutekunst hat er in Karthago wohl gehütet!), wird hier sogar zur bewundernswerten Figur: 50 seiner rund 80 Lebensjahre war er König seines Volkes, hat es mit strategischer Klugheit nach Nordafrika geführt und dabei das logistische Meisterwerk vollbracht, bis zu 80 000 Menschen mit Hab und Gut über die Meerenge von Gibraltar zu transportieren.

Geiserich ist freilich schon früher als germanischer Held gefeiert worden – in völkischer Absicht. In einer Art Abspann zur Ausstellung zeigt das Landesmuseum die Rezeptionsgeschichte, in der die Vandalen wiederholt vor dem Vorwurf des Vandalismus (das Wort selbst ist ein Produkt der Französischen Revolution) geschützt wurden. Genützt hat das nicht viel. Und daran wird auch diese Ausstellung trotz aller didaktischer Bemühung nichts ändern können.
– Bis 21. Februar 2010 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Katalog im Museum 24,90 Euro.

Kurze Chronik der Vandalen

Vor 200 nach Christus: Vandalen siedeln in Südpolen (Przeworsk-Kultur).
270: Römer schlagen die Vandalen im Gebiet des heutigen Nordungarn.
406: Die Vandalen überschreiten bei Mainz den Rhein.
409: Die Vandalen erreichen Spanien.
428: Geiserich wird König der Vandalen (bis 477).
429: Die Vandalen erreichen über Gibraltar Afrika. Sie errichten ihr Reich mit Zentrum im heutigen Tunesien.
439: Eroberung von Karthago.
455: Zeitweilige Eroberung Roms; Plünderung der Stadt.
533-535: Belizar erobert im Auftrag des oströmischen Kaisers das Vandalenreich; die Vandalen werden Sklaven. Ihr letzter König Gelimer stirbt im kleinasiatischen Exil.

Autor: Wulf Rüskamp