Erinnerung an eine Ameise

Volker Bauermeister

Von Volker Bauermeister

Sa, 31. Mai 2014

Ausstellungen Rezensionen

Julius Bissier und Mark Tobey in der Basler Galerie Carzaniga.

Im Herbst 1961 gab man das Haus in Hagnau am Bodensee auf. Immer wieder schon seit Jahren war man ins Tessin gereist, an den Lago Maggiore. Da wollte man jetzt leben. In Ascona fanden die Bissiers ein neues Heim. Ben Nicholson, den Julius Bissier (1893–1965) gut kannte, lebte in der Nachbarschaft. Jetzt kam ein neuer Freund dazu. Mark Tobey fand den Weg in die Casa Rondine zu Julius und Lisbeth Bissier. Und die besuchten Tobey in der Basler St. Alban-Vorstadt. Aus Seattle war er gerade nach hierher umgezogen.

Verbal verstanden sie sich kaum, der Amerikaner und der Deutsche. Doch Übersetzer fanden sich. Annely Juda zum Beispiel, die Londoner Galeristin. Und die Kunst war sowieso die beste Basis für ein Zwiegespräch. In ihrer Haltung waren die Maler eng miteinander verwandt.

Eine Ausstellung in Basel in der Galerie Carzaniga bringt jetzt eine erstaunliche Zahl von Werken der beiden zusammen. Tobey hatte zu Lebzeiten in der Galerie Beyeler in der Bäumleingasse eine Vertretung gehabt. Und Ernst Beyeler, der seinen Wechsel nach Basel ja angeregt hatte, zeigte ihn einmal auch zusammen mit Bissier, mit Nicholson und Arp. Tobey und Bissier: die großen Intimisten. Tobey überschritt das Flächenmaß des Kleinmeisters nur selten. Der späte Bissier ging – jedenfalls in seinen farbigen Arbeiten – kaum je über die Miniatur hinaus. Man bescheidet sich beiderseits – und weitet doch den Raum per Handschrift ins Unbegrenzte. Und findet einen Weg, die Bilder unendlich leicht erscheinen zu lassen. Und das Unbeschwerte lebendig.

Zwei leichtfüßige Traumwandler

Wenn der Kenner Wieland Schmied in seinem Nachruf auf Tobey, 1976, um ihn von Pollock und Action Painting abzuheben, von Reflection Painting sprach, dann ist das ein Begriff, der auch für Bissier gelten könnte. Aber eben nicht im Sinn des Gedankenschweren. Vielmehr des von Bissier verehrten Brancusi, der das Einfache als "das gelöste Komplexe" ansah. Tobey war ein Reisender von Natur und auch in Basel immer wie im Aufbruch. Auf seine Kartons und Blätter übertrug sich das: im Bewegungsfluss der ineinander geschriebenen Linien. Etliche schöne Beispiele des White Writing sind jetzt zu sehen – des Tobey’schen fluktuierenden Raumbilds. Seine Handschrift – die Kritikerin Doris Schmidt nannte sie "die vollkommenste, schönste, die ich je sah". Kalligraphische Anregung gab Tobey der Ferne Osten. Auch durch den Bezug zum Zen-Buddhismus standen er und Bissier einander nah. Anders als Tobey war Bissier nie in Ostasien. Aber er fühlte sich so, als wäre er es gewesen.

Seine Tuschen sind auf ihre Art rau, eher eruptiv als die des gelassenen Freundes. Seine Eiöltempera- und Wasserfarbenbilder sind selbst in ihrer Abstraktheit erzählerischer als die Texturen Tobeys. Aber Bissier lässt seinen Formgeburten immer den Raum, der sie als Partikel – als Spiegelsplitter eines unfassbaren Ganzen sehen lässt. Bei Tobey weist das Bildgewebe durch seine Rhythmik ins Grenzenlose. Beide hatten es durch lange Übung dahin gebracht, dass sie wie leichtfüßige Wandler auf Traumpfaden wirkten.

Bei Bissier rundet sich das Bild, das Tobey im Gleichmaß des All-over findet, erst im Reim der Gegensätze. Die geschlossene lässt er mit der offenen Form, das Große mit Kleinem, Feines mit Grobem lebhaft kommunizieren . . . Wenn man das präzis ausgearbeitete Detail so neben dem einfach hingeworfenen Farbfleck sieht, dann mag man an den alten Zen-Maler Hakuin denken, der es fertig brachte, eine feingliedrige, zart kalligraphische Ameise mit einem breit hingestrichenen Steinmörser zusammenzubringen. Und wenn man Tobey und Bissier nun so nebeneinander sieht, dann meint man, sie im Gespräch zu haben. Ohne dass Annely Juda oder Ernst Beyeler als Übersetzer vonnöten wären.
– Galerie Carzangiga, Gemsberg 8, Basel. Bis 22. Juni, Montag bis Freitag 9–18, Samstag 10–16 Uhr.