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26. August 2014

Carl-Schurz-Haus

Jim Martins Fotos zu Stuttgart 21: „Und alles von meinem Geld“

Das Carl-Schurz-Haus in Freiburg zeigt Fotos von Jim Martin zu den Protesten zu Stuttgart 21.

Ein Schreibfehler, der keiner ist, sondern schon die ganze Botschaft und Pointe. "Bau-Stopp selber machen! Wir wieder-setzen uns!" war auf einem Transparent zu lesen, das Demonstranten bei einer Kundgebung gegen Stuttgart 21 trugen. Widerstand durch wiederholtes Nichtstun, durch untätiges Sitzen auf der Straße! Und das in der Landeshauptstadt, dem geschäftigen Zentrum des Schwabenlandes, dessen Bevölkerung bis dahin weniger für aufmüpfigen Müßiggang und vielmehr für Fleiß und Betriebsamkeit, das sprichwörtliche "Schaffe, schaffe, Häusle baue" bekannt war. Hier aber ging es um die Verhinderung eines Bauvorhabens. Dass der Schwabe als solcher überhaupt Zeit für eine Sitzblockade hat!

Die Momentaufnahme der Proteste gegen das Großbauprojekt stammt von Jim Martin und ist neben weiteren Fotografien zurzeit im Carl-Schurz-Haus in Freiburg zu sehen. Der Amerikaner aus Virginia, der Anfang der Neunzigerjahre nach Deutschland kam und mittlerweile in Stuttgart lebt, hat den Widerstand gegen das Bauvorhaben mit der Kamera begleitet. Aus dem umfangreichen Material soll auch eine Publikation entstehen. Die gezeigten Aufnahmen sind ein Spiegel der Buntheit des Protests – und der Phantasie der Protestierenden, die mit allen, eben auch sprachlichen Mitteln ihrer Überzeugung von der Unsinnigkeit des Projekts Ausdruck zu verleihen und andere zum Nachdenken zu bringen suchten: "Denk mal" ist mit dickem Edding in schwarzen Lettern auf ein Blatt Papier geschrieben, ein altertümlicher Bilderrahmen und die Signatur des Wort-Künstlers rechts unten auf dem Blatt machen aus der Botschaft eine Art Konzeptkunstwerk.

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Die Protestler bauten Schirmburgen und Baumhäuser. Baumschützer markierten und nummerierten als "Robin Woods" die zur Fällung bestimmten Parkbäume durch, einige Hundert an der Zahl. Baumpatenschaften und -adoptionen sollten die Bäume retten und die Schwächung der grünen Lunge der Stadt verhindern. Auf einer Fotografie bildet die an einen Stamm gebundene Phalanx von Stofftieren – Teddies und ein grüner Frosch – einen Verteidigungsring um den bedrohten Baum. Martins Aufnahmen beziehen eindeutig Stellung: für den Protest. Ja, eine Wandcollage aus Bildern und Zeitungsausschnitten, aus Flugblättern und Manifesten, die kein Blatt vor den Mund nehmen, bringt einen Hauch von Bauzaun in die Schau. Vom "Fiasko von Stuttgart" ist da zu lesen, vom "Fass ohne Boden". "Ond älles von meim Geld": So kennen wir sie, die sparsamen Schwaben. Dass Sitzen kostete – jeden weggetragenen Sitzblockadler erleichterten die Ordnungshüter um 40 Euro –, war dennoch das geringere Übel: "I survived Stuttgart 21", formulierte ein Projektgegner nach dem Schwarzen Dienstag, als Demonstranten durch den Einsatz von Wasserwerfern zum Teil schwer verletzt wurden. Eine gewaltbereite Staatsmacht hat so den Wutbürger geschaffen, der es bis zum "Wort des Jahres" und zum Duden-Eintrag brachte und der die Protestkultur in Deutschland nachhaltig veränderte.
– Carl-Schurz-Haus, Freiburg. Bis 12. September, Mo bis Fr 9–18.30 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz