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04. März 2011 00:00 Uhr

Stuttgarter Kunstmuseum

Wie Rudolf Steiner die Kunst beeinflusste

Man muss keine Anthroposophin sein, um nach Stuttgart ins Kunstmuseum zu reisen, um sich den "Kosmos Rudolf Steiner" anzusehen. Interesse für moderne Kunst und Design genügt.

Schließlich will die Ausstellung "Kosmos Rudolf Steiner" – wie auch schon in der Doppelausstellung "Alchemie des Alltags" und "Rudolf Steiner und die Gegenwartskunst" in Wolfsburg 2010 – nicht nur sein Wirken im Kontext seiner Zeit darstellen. Das tut sie auch: Aber es geht ihr genauso um die innovativen Impulse des Gründers der Anthroposophie und der Waldorf-Schulen auf zeitgenössische Kunst, Architektur und Design. Und wie schon die Wolfsburger, schafft es auch die Stuttgarter Ausstellung mit ihrer großartigen und umfassenden Retrospektive auf Steiners Werk und sein Ziel, Kunst und Leben miteinander zu verschmelzen, ihn neu in die Kulturgeschichte einzuordnen. Als Vordenker ganzheitlicher Betrachtung "weltimmanenter" Gesetzlichkeiten – daraus folgend: der ökologischen Landwirtschaft, einer der Entwicklung des Kindes angemessenen Pädagogik, neuer theatralischer Ausdrucksweisen und innovativer Architekt. Als einen, der auch in seiner organischen Formensprache eine reduktionistische Moderne antizipierte.

Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos und ihre Stellvertreterin Simone Schimpf haben für den Steiner-Kosmos in Stuttgart Werke von 14 zeitgenössischen bildenden Künstlern ausgesucht, die, wie sie sagen, "zwar nicht unmittelbar von Steiner beeinflusst wurden, die jedoch Fragen stellen, auf die bereits Steiner Antworten suchte". Und Matteo Kries vom Vitra Design Museum in Weil am Rhein fand im modernen Stuhldesign ebenfalls viele derartige Entsprechungen.

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Schon zu Lebzeiten – geboren am 27. Februar vor 150 Jahren – hatte Steiner seine Anhängerschaft. So wie die Schriftsteller Franz Kafka, Else Lasker-Schüler oder die Maler Piet Mondrian und Wassily Kandinsky standen viele Künstler in direktem Kontakt mit ihm. Auch heute fühlen sich etliche von ihm inspiriert, wie Frank O. Gehry, der Architekt unter anderem des Vitra Design Museums, der sich ausdrücklich auf ihn bezieht. Und auch Joseph Beuys griff mit seinem Konzept der "sozialen Plastik" bewusst Steiners Interesse am Menschen als schöpferisch handelndes, sozial wirkendes und denkendes Wesen auf. In Stuttgart besonders sinnfällig zu sehen an seinem schwarzen Tafelbild, auf dem nur in weißer Schrift das Wort "Mensch" zu lesen ist.

Korrespondenzen kann man in der Ausstellung auch bei Olafur Eliasson und Carsten Nicolai ausmachen, die in ihren technischen Installationen die Grenzen von Kunst und Wissenschaft verwischen. Oder bei der Negativform des atmenden Künstlerkörpers von Giuseppe Penone einen Dialog mit Steiners These, dass die Sinnesorgane an der Außenseite des menschlichen Körpers – weil aus "viel geistigeren Kräften aufgebaut" als die inneren Organe – eigentlich das "Innere" genannt werden müssten. Und die 15 Meter hohe, farbige Skulptur, die Katharina Grosse eigens für die Ausstellung in Wolfsburg schuf, könnte von Steiners Denken in Farben und Formen inspiriert sein. Die Künstlerin selbst spricht allerdings von Yoga und Hinduismus als Quelle. Wie überhaupt viele der Künstler und Künstlerinnen der Ausstellung sich von der Anthroposophie distanzieren.

Die Stilkunst ins Große gedacht

Im kulturhistorischen Teil der Schau finden sich Filmausschnitte aus den Lebensreform-Ideen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ihre Analogien in Steiners Tanz- und Eurythmie-Projekten, Dokumente seiner Überlegungen für einen biologisch-dynamischen Anbau in der Landwirtschaft. Und seine pädagogischen Ideen, die in der Waldorfschule – gestiftet von der Zigarettenfirma Waldorf-Astoria – zum ersten Mal ihre praktische Umsetzung erfuhren. Denn Steiners Weltdenken zielte auch ganz praktisch auf Verbesserungen des menschlichen Alltags.

Häuser und deren Inneneinrichtung gehören dazu. Die zahlreichen Modelle und Fotos der Bauten, sowie die Möbelstücke Steiners und seiner Adepten aus den Jahren bis zu seinem Tode 1925 können die Orientierung an den Formen des Jugendstils, des Kubismus und den Geometrien des späten Expressionismus nicht leugnen. Steiner trieb sie mitunter ins Gigantische. Nicht zu übersehen bei seinem Hauptwerk, dem Goetheanum in Dornach, einem architekturgeschichtlichen Meilenstein: Niemals zuvor wurde Beton in einem solchen Maßstab wie bei einer Skulptur verarbeitet. Und das zuzeiten wilhelminischer Ästhetik!

Diese geschwungenen und abgeschrägten Architekturen Steiners, könnten, weitergedacht, als Vorläufer der Bauten einer Zaha Hadid, eines Frank O. Gehry und anderer postmoderner Architekten gelten – und für das Möbeldesign der Moderne (ganz verblüffend zu sehen an Frank Lloyd Wrights "Taliesin West Chair" aus dem Jahr 1946 oder Konstantin Grcics "Magis Chair One Star" von 2001). Aber auch der strengen Formen des Werkbunds, des Vorläufers des Bauhauses, die Steiner mit seinem "Stuttgarter Stuhl" antizipierte.

Steiners eigene bildnerische, beziehungsweise bildhauerische Arbeiten allerdings dürften heute kaum mehr gesteigertes Interesse finden. Umso mehr tun es seine vielen frei gestalteten Wandtafelzeichnungen (aus dem Rudolf Steiner-Archiv im schweizerischen Dornach), die während seiner mehr als 5 000 Vorträge entstanden: Sie könnten umstandslos als zeitgenössische Kunst interpretiert werden.
– Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1. Bis 22. Mai, Di bis So 10 –18 Uhr; Mi und Fr bis 21 Uhr.
– Die Steiner-Ausstellung "Alchemie des Alltags" ist vom 15. Oktober 2011 bis zum 18. März 2012 auch im Vitra Museum in Weil zu sehen.

Autor: Mechthild Blum