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10. Juni 2015

Arche Noah der Kunst

Das Freiburger Morat-Institut zeigt Tuschezeichnungen und Holzschnitte von Abi Shek.

Die Stiere warten schon; man meint sie mit den Hufen scharren zu hören, eine veritable Herde. Sechs geradeaus, gegenüber dem Eingang, drei rechter Hand – darunter zwei unternehmungslustige Jungstiere. Neun blaue Rinder sind es, nur eines davon ist schwarz wie die Stiere in den Gassen von Pamplona. Der Ausstellungsraum wird zur Arena, die gute Nachricht: Alle Tiere bleiben am Leben, als Schöpfungen von Künstlerhand sind sie von Haus aus unvergänglich.

Morat-Institut für Kunst und Kunstgeschichte in Freiburg, mittlere Halle: Holzschnitte und Tuschen von Abi Shek. Das Besondere sind nicht allein die Sujets – Tiere, nichts als Tiere –, sondern die Formate. Manche Arten wie Strauß und Waran, Pferd oder eben Stier präsentieren sich annäherungsweise lebensgroß. Andere wie Frosch, Rabe, Eule oder Uhu haben gegenüber der Realität an Statur deutlich gewonnen.

Am Ende erscheint die Halle angesichts der Artenvielfalt weniger als Arena denn Zoo. Versammelt sind einheimische und fremde, bekannte und weniger bekannte Spezies – auch allerlei fabulöses Getier. Als Fisch mit Vogelschwingen überfliegt ein Käuzchen spielend die Grenzen der Gattung.

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Überall sieht Abi Shek Tiere. Der Fünfzigjährige ist in einem Kibbuz südwestlich von Jerusalem aufgewachsen. Als junger Mann Viehtreiber, studierte er von 1990 an in Stuttgart, wo er heute lebt, Bildhauerei bei Micha Ullman. So umfasst das Œuvre neben Holzschnitten und Zeichnungen auch, im Morat-Institut nicht vertreten, Skulpturen oder Wandobjekte. Beispielsweise Türme aus Konservenblech. Oder Gefäße aus Metall – eins hat das zähnestarrende Maul weit aufgerissen. Reibeisen mutieren zu Fisch oder Huhn; aus Getränkedosenblech entstehen Kleinplastiken, Hund und Vogel. Ja, selbst einmal der Mensch.

Der glänzt in Freiburg durch Abwesenheit, wird durch die Tiere, seine Statthalter, aber angemessen vertreten. Auffällig, dass viele Kreaturen in der Frontalansicht perspektivisch in den aufrechten Gang wechseln, sich in Zweibeiner verwandelnd. Ein solcher schon von Natur aus, stolziert ein aufgedonnerter Strauß im extravaganten Federkleid eindrucksvoll auf hohem Kothurn. Aus der Ferne betrachtet eine bloße Silhouette, löst sich der Körper in der Nahsicht in informelle Tuschesetzungen auf. Auch die Tiere der Holzschnitte mutieren in der Reduktion als Schattenriss auf weiß grundierter Leinwand zu Bildzeichen und Rätselfiguren, fremd und doch vertraut: existenzielle Chiffren unserer selbst.

Manchmal treffen verschiedene Spezies aufeinander; selten haben die Rendezvous freundschaftlichen Charakter. Jäger und Gejagte, Fressen und Gefressenwerden – aber ist der Mensch "humaner"? Zu unserer Beschämung spielt ein blühender Zweig im Schnabel eines Vogels in ein Stück Stacheldraht hinüber. Aus den Tiefen der Zeit führt Abi Shek die vergessenen Gefährten der Geschichte des Menschengeschlechts herauf.

– Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Lörracher Str 31, Freiburg. Bis 27. Juni, Samstag 11–18 Uhr

Autor: Hans-Dieter Fronz