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25. Februar 2016

Das ästhetische Potenzial der Naturgesetze

Licht, Farben, Klänge: Eine Werkschau des Oppenauer Künstlers Tim Otto Roth in der Städtischen Galerie Offenburg.

Um das Meeresleuchten wieder in Gang zu bringen, ließ Michael Ende Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer einiges an magischen Kristallen und fabelhaften Wesen aufbieten. Reale Vorgänge durch phantastische Beigaben so zu ästhetisieren, ist nicht das Ding von Tim Otto Roth. Der Oppenauer Künstler geht seine Kunstwerke lieber naturkundlich-wissenschaftlich an und spürt mit ihnen dem ästhetischen Potenzial von biologischen, mathematischen und physikalischen Gegebenheiten nach. Die faszinierende Schönheit des Meeresleuchtens fängt er ein, indem er den dafür verantwortlichen Einzeller – eine Zellkultur der Meeresalge Pyrocystis elegans – in völliger Dunkelheit auf einen lichtempfindlichen Farbfilm aufträgt. Der Stress regt das bioluminiszente Wesen an, bläulich zu leuchten und dadurch den Film zu belichten.

Der heimische Schwarzwald produziert ein ähnliches Phänomen: Gewisse Pilzarten sondern ein schwaches Leuchten ab. Mit lichtempfindlichem Filmmaterial in der Dunkelheit unter den Baumkronen auf der Pirsch zeigt Roth, dass man Pilze nicht schlucken muss, um ihre psychedelischen Effekte wie das "Waldlicht" wahrzunehmen.

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In der Werkschau des international gefragten Künstlers in der Städtischen Galerie Offenburg ist zwar auch eine frühe Kameraarbeit zu sehen – aber Fotografie, die ein Gerät wie die Kamera zwischen Objekt und Film schiebt, interessiert ihn nicht. Bei seiner Bestandsaufnahme der heimischen Flora geht er eher wie ein Radiologe beim Röntgen vor. In absoluter Finsternis positioniert er eine Pusteblume oder einen Kirschlorbeer zwischen Lichtquelle und Farbfilm und belichtet. Man muss sich darunter keinen hochtechnologisierten Vorgang im Studio vorstellen – auf Reisen kann das auch mit der Lampe unter der Bettdecke geschehen.

Das Ergebnis ist eine spezielle Form von Lichtspiel. Nur bei undurchdringlichen Objekten ist der Schatten schwarz. Lebendige, zarte Strukturen wie Blütenblätter erzeugen hingegen ein äußerst farbenfrohes Zusammenspiel von Konturen und Schatten und laden ein, die heimische Flora einmal anders zu sehen. Auch das Raumgefühl wird umgedreht: Der Betrachter sieht die Radieschen von unten, als wäre er unter den Bleiglasfenstern einer modernen gotischen Kathedrale aufgebahrt.

Diese Optik hat aber weniger eine verklärende als eine analytische Komponente: Was lässt sich aus Licht und Schatten generieren? So hat Roth Drahtobjekte auf Film positioniert und dann mit einer roten und einer blauen Lichtquelle belichtet. Beim Betrachten dieser speziellen Schattenspiele mit einer Rot-Blau-Brille treten die Objekte dreidimensional hervor. Textilbahnen hat der Künstler in ähnlicher Weise mit rot und blau belichteten kahlen Bäumen bedrucken lassen und so in einen U-förmigen Raum gehängt, dass die Besucher mit Hilfe der 3-D-Brille förmlich im Wald stehen.

Ästhetische Effekte selbstgesetzter Abbildungsregeln stellen sich aber nicht nur als Schattenwürfe floraler Zartheit ein, sondern auch bei der Umsetzung mathematischer Verhältnisse. So, wie Roth die Nachkommastellen der Kreiszahl Pi in Farbverläufe umgesetzt hat, entwickelt sie einen unglaublichen psychedelischen Sog, der für Mathematiker, die heute bei den billionsten Stellen angelangt, aber längst nicht am Ende ihre Pi-Berechnungen sind, durchaus real ist.

Diese mathematisch basierte Ästhetik beschränkt sich nicht aufs Auge. Die eigens für die Offenburger Ausstellung entwickelte Wasserorgel übersetzt im letzten Ausstellungsraum mathematische Selbstorganisationregeln in einen sich ständig wandelnden Klangteppich – eine Korrespondenz zum ersten Ausstellungsraum, in dem Tonaufnahmen einer realen klappernden Mühle am rauschenden Bach jegliches Romantisieren vergessen lassen.

Städtische Galerie Offenburg, Kulturforum. Bis 29. Mai, Di bis Fr 13-17 Uhr, Sa, So 11–17 Uhr.

Autor: Jürgen Reuß