Den Geschichten nachhorchen

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Mi, 13. Juni 2018

Ausstellungen

Gruppenausstellung "Stilles Leben" in der Kulturfabrik Schopfheim setzt Kontrapunkt zu Hektik und Informationsflut.

Stillleben sind in der Gegenwartskunst ein wenig beachtetes Sujet - zu Unrecht, wie jetzt eine Ausstellung in der Kulturfabrik Schopfheim zeigt. Das Paar Elena Romanzin und Frank von Düsterlho, das die Ausstellung gemeinsam mit der Lörracher Künstlerin Marga Golz organisiert hat, beschäftigt sich gerne mit klassischen Themen der Kunst. Jetzt hat es eine der ältesten Gattungen überhaupt mit Vorstufen in der Spätantike aufgegriffen: das Stillleben, ein Begriff für die Darstellung von arrangierten reglosen Gegenständen wie Früchte, Blumen, tote Tiere oder Jagdgegenstände, hinter denen sich oft eine Symbolik oder Allegorie verbarg.

Der aktuelle Bezug des Genres in eine Zeit, die den Menschen mit rasanten technischen und gesellschaftlichen Veränderungen umbrandet, wird durch die bewusst vorgenommene Splittung des Begriffs in zwei Worte im Ausstellungstitel "Stilles Leben" ausgedrückt. Die Schau setzt einen Kontrapunkt zu Hektik und Informationsflut und entschleunigt – ein Grundbedürfnis des heutigen Menschen – ob in der künstlerischen Beschäftigung oder in dem sich Versenken in die Werke.

"Stilles Leben" ist eine vielfältige Werkschau geworden, die Ruhe ausstrahlt. Ruhe, in der der Betrachter den Geschichten hinter den Werken nachhorchen oder sich eigene Geschichten dazu erzählen kann. Zum Beispiel zu Marga Golz` realistisch gemalten Zuckerdosen, deren Oberflächen so differenziert gestaltet sind - bis hin zum königlichen Gold. Sie wecken Erinnerungen- auch an sinnliche Erfahrungen – genau wie das Elena Romanzins Gemälde tun, die ebenso Gegenstände aus dem Alltag aufgreifen, doch wie unter dem Vergrößerungsglas. Die Künstlerin setzt durch den gewählten Ausschnitt und durch den Moment, der in der Stille erwartbare Geräusche assoziiert, Akzente. Im wahrsten Sinne altmeisterlich, hat Patrick Gall das Genre weiterentwickelt. Grundierung, Untermalung, Grisaille - bis zu zwanzig Schichten aus Ölfarbe braucht es, bis der Paradiesapfel, die Kirschen oder die Gläser in ihrer Stofflichkeit so real scheinen, als ob sie aus dem Gemälde heraustreten. Sie leuchten und funkeln auf, was früher als "Katzenaugeneffekt" bezeichnet wurde. Mittels Abstraktion mit sanften Farbabstufungen und weichen Konturen löst Ellen Mosbacher eine konzentrierte Stille aus und macht den Kopf leer. Die Verwendung der Farbe Blau begünstigt das noch. Die teilweise durchbrochenen Leinwände lenken den Blick weiter, hinter die Fassade.

Um Innehalten geht es auch Brigitte Rosenthal in ihren aus Wolle und Filz gefertigten Objekten und Bildern. Die Serie "Neues aus der Familie" lässt an Bonbons, Muffins oder Ostereier denken. Insa Hoffmanns abstrahierte Formen regen genauso die Phantasie an. Etwa erkennt man ein Fenster, das etwas in den Raum lässt. Eine reduzierte Palette von Farben bezieht sich aufeinander.

Das flächenmäßig größte Gemälde, die gesamte hintere Stirnseite des Raumes einnehmend, stammt von Wladimir Fuchs und ist vollkommen auf die Sinneswahrnehmung des Betrachters gerichtet. Die Menschen, Tiere und Figuren, die er in der Waldlandschaft versteckt hat, sind nur beim genauen Hinsehen wahrnehmbar. Als ob der Wind ganz zart über Gräser streifte wirken Petra Böttcher mit einer Lochkamera in Szene gesetzten Aufnahmen eines Strandes. Die übereinander geschichteten realen Szenen erscheinen wie aus einem Traum, der Zeit, Bewegung und die damit einhergehenden Veränderungen gesamthaft erfasst. Sigrid Schaub legt den Fokus auf Insekten, Vögel und Pflanzen – das Leben in der Natur also, das wegen seiner vermeintlichen Kleinheit gerne übersehen wird. Objekte, die sich nicht bewegen, aber trotzdem verändern, bildet die Künstlerin auf Fotografieen ab. Was bleibt, wenn Früchte verschimmeln?

Was bleibt, wenn der Mensch die fragile Balance seiner Lebensumstände gehörig aus dem Lot bringt, fragt Heike Mages. Mit ihrer totenstillen Installation will die Künstlerin und Imkerin durchaus aufrütteln und platziert ihre gestorbenen Bienen in einem Kreis um ein Gefäß aus weißem Ton. Ihre in der Grube gebrannte tönerne Gefäße korrespondieren mit Monika Grethers Tentakelkugeln und Latten aus artifiziellem Holz. In echt gibt es das bei Urs Peter Twellmann. Der Schweizer Landartkünstler braucht die Stille, um in der Natur vorgefundene Formen zu analysieren und weiter zu denken, bevor er seine Werkzeuge ansetzt. Dieser oftmals laute Vorgang ist allenfalls als Echo im Raum ahnbar, in dem eine Diashow mit 160 Werkfotos läuft. Bei Günter Rufs Ton-Skulpturen liegt die Ruhe ebenso schon im Schaffensprozess. Denn die Modelle, nach denen er seine Figuren formt, müssen absolut still halten.

Wie die Arbeiten gehängt und gestellt wurden spielen sie mit Räumen und langen Blickgängen und korrespondieren miteinander, ob nun direkt oder über Kreuz. Der Fäden sind viele gezogen - zwischen Werken und Künstlern. Bei jedem Gang durch die Ausstellung entdeckt man neue.

Info: Ausstellung bis 15. Juli , Mittwoch, Samstag, Sonntag, jeweils 14 bis 17 Uhr geöffnet, Kulturfabrik Schopfheim, Johann-Karl-Grether-Straße 2