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21. März 2016 00:00 Uhr

Ausstellung

Der Kunstraum L6 zeigt Kathinka Theis und Katrin Pieczonka

Sie widmen sich der Zersplitterung des alltäglichen Raums: Kathinka Theis und Katrin Pieczonka. Die Werke der Künstlerinnen sind im Freiburger Kunstraum L6 zu sehen.

Dass Raum nicht gleich Raum ist, erlebt man bereits während einer Autofahrt, die simultan auf dem Navi-Display mitläuft. Das Gehirn hat sich solchen Bedingungen längst angepasst und verarbeitet weitaus komplexere Raumdaten in Nanosekunden. Dennoch bleiben die Kapazitäten begrenzt. Die Ausstellung "tomorrow and tomorrow and tomorrow" im Freiburger L6 vermittelt einen Eindruck davon, wie es aussehen könnte, wenn die fortschreitende Zersplitterung des alltäglichen Raumes sich auf unseren inneren Landkarten niederschlägt.

Ortsnamen als Bildtitel

Die Wandobjekte und Installationen von Katinka Theis sowie die Gemälde von Katrin Pieczonka veranschaulichen exemplarisch die Inkonsistenz des Raumes. Gemeinsam ist beiden Künstlerinnen, dass sie ihre Antennen auf urbane Umgebungen eingestellt haben. Wohl mögen Bildtitel wie "Eiffestraße" oder "Guldborgsund" leicht fremdartig klingen, in Wirklichkeit jedoch sind es Ortsnamen, die den autobiografischen Hintergrund von Katrin Pieczonkas Phantasieräumen beglaubigen.

Um diese in Szene zu setzen, wird nahezu das ganze Formenrepertoire gesampelt, das jemals auf Tafelbildern verhandelt wurde – Menschen ausgenommen. Sie bleiben im Wortsinn außen vor, nämlich vor den Bildern, als Betrachtende, deren Blicken zugemutet wird, sich in einem Unraum aus zentralperspektivischen Täuschungsmanövern zu orientieren. Schiefe Ebenen, Gitterstrukturen, Scheinhorizonte und die stets wechselnden Fluchtpunkte der Kuben und Farbkeile, während hier und dort realistisch eingestreute Gebäude Wiedererkennungsreflexe zulassen. Wenn diese Bilder den Illusionsraum des traditionellen Tafelbildes schreddern, dann mit der kalkulierten Nebenwirkung, den sicheren Boden des Alltagsraums als Schein zu überführen. In einer großen Synthese aus Komposition, Farbgefühl und Intuition reorganisiert sich auf diesen Bildern das Chaos zu einer künstlerischen Utopie, die nicht zuletzt dem Auge eine fesselnde Parallelwelt zu bieten hat.

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Korrespondenzen – kein leeres Versprechen

Katinka Theis verfährt umgekehrt. Anstatt auf Übersteuerung setzt sie auf die Reduktion von Komplexität. Im Ansatz entschiedener analysiert sie die Optik städtischer Randgebiete, jener Zonen, in denen Siedlungsraum sich in "Industrielandschaft" auflöst. Fotos dieser Nichtorte verallgemeinert sie zu Architektur- und Landschafts-Chiffren. So schneidet sie für die Wandobjekte aus weißem, grauem oder blauem Karton einfache geometrische Formen zu, faltet sie zu flachen Pyramiden und Tetraedern, die der Bildebene entwachsen und durch applizierte Architekturen oder phosphoreszierende Winkelbahnen mit Bedeutungen versetzt werden. Der fraktale Zustand des Reliefs, nicht mehr Fläche und noch nicht Körper zu sein, springt im nächsten Stadium in raumgreifende Boden-Installationen über. Zwar vieldeutiger wird die Architektur dennoch expliziter und gerät mit ihrem geometrischen Schliff zu einem Paradigma der Menschenfeindlichkeit. Künstlerische Form wird zum politischen Statement. Das eher beiläufige "tomorrow" des Ausstellungstitels verabsolutiert sich zu einer Gibson’schen Zukunftsvision mit Siedlungsräumen in urbanen Megastrukturen und exterrestrischen Raumstationen.

In Zweierausstellungen wird es nicht selten zur Glückssache, die versprochenen Korrespondenzen der zusammen gebrachten Werke aufzuspüren. Anders im L6. Anstatt lediglich auf einander zu verweisen, gehen die Raumkonzeptionen der beiden Künstlerinnen geradezu organisch auseinander hervor. Pieczonkas zentralperspektivische Simulakren, die aus der Flächigkeit des Tafelbilds hinausdrängen, falten sich auf Theis’ Wandobjekten realiter in den Raum, um mit dem folgenden Schritt als Installationen neue Raumbedingungen zu konstituieren. Diese komplexe Ausstellung begnügt sich nicht mit dem bloßen Zusammenspiel zweier Konzeptionen, sondern diskutiert mit den Mitteln der Kunst den Konstruktivismus des Raumes schlechthin.
Ausstellung

Kunsthaus L6, Lameystraße 6, Freiburg
Bis 10. April, Do/Fr 16 – 19 Uhr, Sa/So 11 – 17 Uhr, geschl. 25.03 (Karfreitag)

Autor: hmh