Die Kunst am Nullpunkt

Yvonne Ziegler

Von Yvonne Ziegler

Mi, 20. Mai 2015

Ausstellungen

Eine große Ausstellung in Berlin würdigt die Künstlergruppe ZERO, ihr Protagonist Heinz Mack ist im Museum Frieder Burda zu sehen.

"Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero ist Zero."
(ZERO-Manifest, 1963)

Fünfzig Jahre nach der Niederschrift dieser Manifestzeilen boomt ZERO erneut. Seit vergangenem Jahr stellen Museen und Galerien in New York, Amsterdam, Münster, Düsseldorf, Baden-Baden, Berlin und anderswo Werke dieser letzten großen internationalen Kunstavantgarde aus. Im engeren Sinne bezeichnet ZERO die Düsseldorfer Künstlergruppe bestehend aus Heinz Mack (geboren 1931), Otto Piene (1928 – 2014) und Günter Uecker (geboren 1930). Mit großem Zulauf organisierten Mack und Piene in ihrem Düsseldorfer Atelier zwischen April 1957 und Oktober 1960 Abendausstellungen, um ihre lichtempfänglichen monochromen Rastergemälde und bewegten Bilder aus glänzenden Materialien sowie Werke befreundeter Künstler zu zeigen.

Zur siebten Abendausstellung mit dem Titel "Das rote Bild" gaben sie im April 1958 die Zeitschrift ZERO heraus und firmierten fortan unter diesem Namen. Für die Lancierung der dritten und letzten Ausgabe organisierten sie im Juli 1961 vor der Düsseldorfer Galerie Schmela ein Fest, bei dem der inzwischen zur Gruppe hinzu gestoßene Günther Uecker einen weißen Kreis auf die Straße malte, in dessen Mitte Helfer einen transparenten Heißluftballon steigen ließen, während in schwarzen Pappröhren mit der Aufschrift ZERO steckende Frauen Seifenblasen in die Luft pusteten.

Licht, Schatten, Spiegelung
und Bewegung

Die drei Künstler schafften in Düsseldorf nicht nur einen Ausstellungsbrennpunkt, an dem sich internationale Künstlerwege kreuzten, sondern verbreiteten neuartige Werke und Kunstauffassungen durch die Herausgabe der Zeitschrift. Im Zuge dieser regen Austauschprozesse zwischen Künstlern aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Schweiz sowie auch aus Japan und den USA wurden Ende der Fünfziger und Anfang der Sechziger weltweit ZERO-Ausstellungen organisiert, bisweilen auch unter anderem Titel wie etwa "Vision in Motion – Motion in Vision", "Monochrome Malerei" oder "NUL".

ZERO im weiteren Sinne bezeichnet diesen offenen Verbund von befreundeten Künstlern und Kunstgruppierungen, die über Landes- und Sprachgrenzen hinweg eine Erneuerung der Kunst suchten. Sie wandten sich gegen die expressive und emotionale Gestik der vorherrschenden informellen Kunst und deren Versuch, das Chaos, das Leiden und die Trümmer des Zweiten Weltkriegs zu überwinden. Sie hielten ihnen eine positive Welt- und Seinsbetrachtung entgegen, wollten bei null beginnend den alten Zustand in einen unbekannten neuen übergehen lassen. Inspiriert von spirituellen und kosmischen Ideen sowie Entwicklungen in Wissenschaft und Technik wollten sie einen Kunstbegriff schaffen, der die herkömmlichen Grenzen von Bild und Skulptur sprengte, bislang kunstfremde Materialien integrierte und den seelisch-geistigen Bedürfnissen des Wiederaufbaus Rechnung trug.

Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird derzeit der berühmte "Lichtraum (Hommage à Fontana)" gezeigt. Er ist ein Gemeinschaftswerk der Düsseldorfer ZERO-Künstler, das 1964 auf der Documenta III in letzter Minute in einer heruntergekommenen Dachkammer des Fridericianums untergebracht wurde. Neben Einzelarbeiten wie einer mit Nägeln bestückten, sich drehenden Lichtscheibe von Uecker oder einer schwarzen perforierten Lichtkugel von Piene umfasst er die "Silbermühle" und die "Weiße Lichtmühle". Dies sind kinetische Objekte, welche Nägel von Uecker, sich drehende Scheiben mit Löchern von Piene und glänzende Rotorlamellen von Mack aufweisen. Eine Programmierung setzt die sieben Lichtobjekte zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Gang, sodass eine sich ständig verändernde Choreographie aus Licht, Schatten, Spiegelung und Bewegung entsteht.

Die Berliner Präsentation konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen den ersten Düsseldorfer Abendausstellungen bis nach der Auflösung des ZERO-Trios an Silvester 1966. Bezug nehmend auf die Idee eines "künstlerischen Wanderzirkus" wird an den Wänden des zentralen Innenraums eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse und Orte anhand von Einladungskarten, Briefen, Medienreaktionen, Filmdokumenten, Werken, Zeitschriften (neben ZERO existierten Azimuth, Nota, Nul = 0, De Nieuwe Stijl) und kurzen Erläuterungen aufgezeigt. Um diesen Kern liegt eine Abfolge von Räumen, die den Themen Zeit, Raum, Farbe, Struktur, Vibration, Bewegung, Licht und Feuer gewidmet ist.

Gleichzeitig werden im Verlauf dieses Parcours die Hauptprotagonisten vorgestellt: Der italienische Vorreiter Lucio Fontana, die monochrom arbeitenden Künstler Yves Klein, Piero Manzoni und Jef Verheyen, die drei Düsseldorfer, der an Struktur interessierte Niederländer Jan J. Schoonhoven, der Spiegelräume erzeugende Schweizer Christian Megert, der kinetische Werke aus Schrott bauende Jean Tinguely sowie der mit Feuer hantierende Henk Peeters. Der Wanderzirkus ZERO gibt den lebendigen Geist, die enorme Experimentierlust und die internationale Aufbruchstimmung gut wieder.

Auch nicht verwirklichte Projekte wie eine ins Wasser gefallene Darbietung am Strand von Schneveningen werden gezeigt, bei der die Besucher ein Schauspiel aus Licht, Ton und Bewegung unter freiem Himmel erleben sollten. Indessen wirkt die Präsentation der Kunstwerke seltsam leblos und museal überhöht. Der formal stark vereinheitlichenden Schau fehlen kontrastierende ZERO-Werke, wie etwa Manzonis in Röhren verschlossene Linien, Armandos Autoreifenwand oder Yayoi Kusamas Ruderboot aus Stoffsäckchen. Gleichwohl wird deutlich, welche Bedeutung das Zusammenspiel von Farbe, Licht, Raum und Bewegung für ZERO hatte. Es galt den Betrachter zu sensibilisieren, ihn die Wirkung einer Farbe, die Brechung und Reflexion des Lichts und die Veränderungen durch Bewegung wahrnehmen zu lassen. Voller Hoffnung und Optimismus – gerade flogen erste Raumflugkörper ins All – setzten sie Motoren und industrielle Materialien sowie die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Licht künstlerisch ein. Himmel, Meer, Antarktis und Wüste wurden zu neuen Kunstorten.

Feuer, Wasser, Luft
und Licht

Seit dem 16. Mai widmet das Frieder Burda Museum in Baden-Baden Heinz Mack eine Einzelausstellung. Zu sehen ist eine Vielzahl früher Reliefarbeiten: gemalte dynamische Strukturen in Schwarz und Weiß, erste Lichtreliefs aus glänzenden oder transparenten Materialien, Sandreliefs und sogenannte Rotoren, von Motoren bewegte Objekte mit Lamellenstrukturen. Diapositive geben Einblick in die Dreharbeiten zum berühmten "Tele-Mack-Film" (1968), in dessen Rahmen Mack Teile seines Sahara-Projekts zu verwirklichen suchte: Man sieht den Künstler im silbernen Astronautenanzug zwischen glänzenden Metallstelen, Spiegelkuben und Lichtreliefs in einer endlos wirkenden Sandlandschaft stehen. Da ZERO grundsätzliche Fragen von Kunst berührt, fasziniert die Begegnung mit ZERO-Werken und -Ideen nach wie vor. Schön, dass ZERO wieder boomt.

– ZERO. Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre. Martin-Gropius-Bau Berlin. Bis 8. Juni, Mi bis Mo 11-18 Uhr.
– Heinz Mack. Licht Schatten, Museum Frieder Burda, Baden-Baden. Bis 20. Sept., Di bis So 10-18 Uhr