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18. Juli 2012

Giorgio Morandi

Die Liebe zu den Dingen

Was der Maler Giorgio Morandi mit der Documenta zu tun hat. Der Ausstellungskern "The Brain".

So eine Wand in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargief hält sich nicht ans Schema. Wer würde in Kassel Stillleben erwarten und solche Landschaftsbilder. Derart Zeitfernes, von einem Maler, der vor einem halben Jahrhundert starb: Giorgio Morandi. Handlung ist dem Charakter seiner "Darsteller" fern – den Vasen und Flaschen. Ein Bild von 1936 lässt die aufgereihten Dinge fast wie bewegte Schatten scheinen. Ein späteres (von 1949) kostet jede Berührung zwischen den Gefäßkörpern aus. Auch sind die Dinge da ins Licht gekommen, ins helle diffuse Licht des Spätwerks. Es ist kein Licht, das etwas nur kalt zeigt. Das aus der Distanz auf Begriffe verweist. In diesem andern Licht zeigt sich alles ganz unverfügbar und verwandelt. Morandi gibt die selben Dinge weiter von Bild zu Bild, moduliert ihre Farbe, lässt sie Nachbarn tauschen. So wiederholen sie sich nie. Leise ist der Klang der Veränderung.

Die Rückkehr zum

Gegenüber

Am Schluss der sechsteiligen Kassler Bilderreihe folgen wir den Augen des Malers nach draußen. Zu einer hellen Wand, zu der ein Dach vom Rot blasser Lippen gehört und eine Landschaftsfassung von verblasstem Grün, Ocker und Umbra. Die Wand hat die Strahl-, die Suggestionskraft, die der Fotograf Sugimoto erreicht, wenn er Filme, ganze Lichtspiele in langzeitbelichteteten Fotos summiert. Wand der Wände: Diese gehört einem Haus in Grizzana, dem Ort in den Bergen über Bologna, wo Morandi viel Zeit verbrachte im Krieg und in den letzten Lebensjahren. Schließlich folgt noch ein Blick aus dem Fenster der Stadtwohnung in Bologna, im Haus in der Via Fondazza, in dem der Maler ein halbes Jahrhundert lebte. Selbst das Leben musste zum Stillleben werden, um diese Intensität in der Betrachtung der Nuancen zu erreichen. Auf der Documenta ist Morandi im Zentrum, im zentralen Ausstellungsteil "The Brain", der erklärtermaßen von "unserer Beziehung zu den Objekten" handelt. Und , wie der Katalog auch sagt, "von der Faszination, die sie auf uns ausüben". Einige Objekte unter denen, die da ihre "Geschichten" erzählen, kommen aus Morandis Atelier. Der komplette Ding-Satz eines der Stillleben. Und Bücher aus seiner Bibliothek sind da. Julius Meier Graefes "Cézanne und sein Kreis", ein Band über Chardin . . . Auch Bücher sind Dinge. Unter diesen sind solche, die ihm Hinweise gaben: wie jene andern Dinge malerisch zu handhaben seien. Seine Profession war das Hinsehen. Nicht mehr und nicht weniger.

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Ein Rückkehrer ist er. Rückkehrer zum sinnlichen Gegenüber. Insofern ist sein Werk eine Revision der Moderne. Es schien unzeitgemäß, so wie er auf Gefäße zu schauen, auf Dinge, die nichts bedeuten. So eine Art Anschauungskunst. Er fand zu subtilsten Wertungen darin, entwickelte durch bloße Zuwendung Bedeutung. Als wären diese Dinge alle Zeit, alle Liebe wert, so stellt es sich dar. Als müsse man selbst sehr leise sein, um sie zur Geltung zu bringen. Die Gefäße, Wände, Häuser, Hügel.

Die Plastiken von Antoni Cumella, die wir im "Brain" im Kassler Museum Fridericianum auch vor uns haben, sind auch nichts anderes als Gefäße. Ein taillierter Vasenkörper, ein gestauchtes Kugelrund und eine dritte, hochgewachsene Vasenfigur. Dass sie "stumm" seien, diese Stücke, sagt der Text im Katalog: "im Widerstand gegen die verbreitete Auffassung von ,einer Kunst ihrer Zeit’".

Zeitlose Dinge sind es, wie die Morandis – oder die so genannten baktrischen Prinzessinnen, von denen hier etliche beisammen sind. Man sieht ihnen, deren Köpfe wie Pfropfen auf kaum menschlichen Körpern sitzen, die Jahrtausende nicht an. Doch gibt es auch die Dinge, die vor allem Dokumente sind. Zeitzeugen. Wie die aus dem Nationalmuseum in Beirut: diese Schmelzgebilde aus den Flammen des libanesischen Bürgerkriegs. Oder die makellose porzellanene Schönheit aus Hitlers Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz. Als die Life-Fotografin Lee Miller in der Badewanne des Diktators posierte, stand sie daneben. Brutal körperfernes Bildnis eines faschistischen Sauberkeitswahns. Lee Miller war an dem Tag im April 1945 in Dachau gewesen.

Den Zeitbezug will die Documenta-Macherin Christov-Bakargiev nun offenbar auch für Morandi behaupten. Die Bilder, die sie zeigt, illustrieren ihr nicht zuletzt die Jahre "während um ihn her der Faschismus herrschte". Von "gesellschaftlichen Verhältnissen und geschichtlichen Ereignissen", führt der Katalogtext aus, hätte Morandi "erzählen" wollen. Hätte er dies wollen – hätte er überhaupt etwas erzählen wollen, dann hätte er vermutlich keine Vasen und Flaschen gemalt. Nein, was er schuf, war eine Blickqualität abseits von alldem. Eine Dichte im Hinsehen, im Eingehen auf diese Dinge, die schlechterdings als sinnlos ansieht, wer nur mitreden will und sich mit den Stimmführern in dieser Welt einig wissen. Morandi widersetzte sich dem Diktat der Ideologen, die solche Blicke verächtlich machen und mit Vorsatz töten. Die solch eisiger Leblosigkeit Vorschub leisten, wie sie uns aus Hitlers neoklassischer Rosenthal-Schönen anstarrt.
–  Documenta 13, Kassel. Bis zum 16. September, täglich von 10 bis 20 Uhr.

Autor:                  Volker Bauermeister