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12. Oktober 2017

Frühbürgerliche Männerphantasien

"Weibsbilder" im Kunstmuseum Basel zeigen wie Renaissancekunst Frauen instrumentalisiert als Botinnen des bürgerlichen Weltbildes.

  1. Hans Baldung Griens durchaus moralisierender Holzschnitt „Aristoteles und Phyllis“ von 1513 Foto: Martin Bühler/Kunstmuseum Basel

Nacktheit als Tabu? Das ist im aufgeklärten Mitteleuropa Vergangenheit. Bilder Nackter – zumal nackter Frauen – sind auf Titelseiten oder in der Werbung alltäglich. In der frühen Neuzeit war das anders. Im 14. und 15. Jahrhundert beschränkte sich die Darstellung des weiblichen Aktes auch in diesen Breiten auf ein enges Spektrum sakraler Kunst, vor allem auf Abbildungen von Adam und Eva. Das aufkommende Bürgertum, dessen Abgrenzung vom Lebenswandel des Adels und das Aufblühen weltlicher (profaner) Kunst in der Renaissance nach 1500 sorgten da auch in der Kunst für eine Zeitenwende. An dem Punkt setzten die "Weibsbilder" im Kunstmuseum Basel an. Die von Ariane Mensger kuratierte, im Erweiterungsbau präsentierte Ausstellung vergegenwärtigt, wie die frühe bürgerliche Kunst die Frau und ihren Körper als Projektionsfläche nutzt, die Kunst zum gleichsam propagandistischen Werkzeug wird zur Ausformulierung eines tugendhaften bürgerlichen Weltbildes.

Frauen sind gefährlich. Diesen Subtext der lockenden, verführerischen und verderbenbringenden Femme fatale, der sich letztlich bis auf die biblische Eva-Gestalt als Initiatorin der Vertreibung aus dem Paradies zurückführen lässt, dekliniert die Ausstellung anhand von rund 100 Werken in thematischen Blöcken wie Eros, Macht und Moral durch. Darunter finden sich Arbeiten von Künstlern wie Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Urs Graf, Niklaus Manuel Deutsch und Lucas Cranach – meist Zeichnungen und Druckgrafiken, aber auch Gemälde und Kleinstatuen. In allen Werken aber erscheint Frau als Verkörperung gefährlicher Begierden oder sündiger Laster. Mal ist sie verführerische Venus, mal die antike Tugendheldin und mahnende Vanitas, mal listige Herrscherin über den Mann, dann die ausgebuffte Dirne und teuflische Hexe.

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Exemplarisch verdeutlicht das gleich das Eröffnungsbild – Nikolaus Manuels um 1512 entstandene Frau Venus. Der auch Deutsch genannte Künstler zeigt die Liebesgöttin als nackte, mit zwei riesigen Flügeln versehene Frauengestalt, die auf einer Kugel balanciert. Auf ihren Schultern steht ein kleiner Amor mit gespanntem Pfeil und Bogen, auf dessen Spitze eine Narrenkappe steckt. In den Händen hält sie zudem sechs lange an den Enden zu Schlingen geknotete Fangseile. All diese Attribute illustrieren eine moralisierende Perspektive, die letztlich vor den Gefahren der weiblichen Liebe warnen will: Die Flügel symbolisieren Flatterhaftigkeit, das Balancieren verweist auf den angeblichen Wankelmut der Frauen, die Narrenkappe an Amors Pfeil soll die Torheit des Liebenden vergegenwärtigen, die Fangseile stehen für das buchstäbliche Einfangen und Festbinden der Männer.

Eine um 1540 entstandene Arbeit des in den damaligen Metropolen Straßburg und Augsburg tätigen Heinrich von Vogtherr spielt mit dem Sujet des ungleichen Paares und thematisiert auf der Ebene das ebenso alte Klischee von der angeblichen weiblichen Untreue und der den reichen Mann listig ausnehmenden Frau. Es zeigt eine junge Frau zwischen einem alten und einem jungen Mann. Im Gegensatz zu den Letzteren ist die Frau bis auf einen Keuschheitsgürtel nackt, und während sich der Alte um sie bemüht, greift sie diesem in die umgehängte Börse und reicht die Geldstücke an den Jüngeren weiter.

Im Kapitel Macht schließlich findet sich unter anderem "Aristoteles und Phyllis", ein 1513 entstandener Holzschnitt von Hans Baldung Grien. Die Arbeit greift eine antike Anekdote auf. Danach hatte der Philosoph die Hofdame verärgert, weil er seinen Schüler und ihren Geliebten Alexander den Großen vor den Gefahren der Liebe gewarnt hatte. Die Geschichte illustriert Grien als Reiterspiel, in dem er Aristoteles zum Reittier macht, das die nackt auf ihm sitzende Phyllis mit einer Peitsche durch den Garten treibt. Was auf den ersten Blick wie eine frühe Form von Sadomasosex aussieht, wird beim zweiten Blick durch den beschämten Philosophen satirisch gebrochen zum moralisierenden Beispiel von der Macht der Frauen.

So zeigt die Ausstellung "Weibsbilder" nicht nur in ihrer Vielfalt, sondern schließt diese kurz mit zeitgenössischen Moral- und Tugenddiskursen, wie sie etwa in den Schriften des Erasmus von Rotterdam nachvollziehbar sind. So wird das Thema nicht nur in kunsthistorischer, sondern auch in kulturgeschichtlicher Sicht ergiebig und aufschlussreich aufgearbeitet und schafft einen geistesgeschichtlichen Kontext zu bis heute wirkenden Klischees eines männlich geprägten Frauenbildes. Dieses setzt das Weibliche gleich mit Lust und Laster, mit Gefahr und Risiko und ist ohne weiteres anschlussfähig an die Männerphantasien, die der Freiburger Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit Ende der 70er-Jahre in der Freicorpsliteratur der 1920er Jahre freigelegt hat.

Kunstmuseum Basel: "Weibsbilder" Di bis 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr bis 7. Januar 2018, St. Alban-Graben

Autor: Michael Baas