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04. Mai 2015 00:00 Uhr

E-Werk

Hautnahe Erfahrung: Ausstellung "Ukraine barfuß" in Freiburg

Die Ukraine ist ein Thema – und wird eines bleiben, auf unbestimmte Zeit. Selbstredend schwingt die aktuelle politische Lage in der Ausstellung im Freiburger E-Werk unausgesprochen mit. Hans-Dieter Fronz hat sie besucht.

Die Ukraine? War mal ein Thema, verdrängt durch Griechenland. Nicht dass uns saturierten Mitteleuropäern Hellas so viel näher wäre – außer als Urlaubsregion. Doch sind uns die eigenen Schäfchen (sprich: gefährdeten Milliarden) am Ende wichtiger als das Schicksal eines Volks am östlichen Rand Europas. Dass uns das Los der Ukrainer überhaupt so anhaltend beschäftigte, war der von westlichen Medien geschickt aufgegriffenen Rhetorik der Freiheit auf dem Majdan geschuldet. Am Ende, nach dem Sieg der Aufständischen, instrumentalisierte der Westen die weitere Entwicklung für eigene politische Zwecke: Um Russland zu schwächen, nahm er nicht nur eine neue Eiszeit im Verhältnis zu Putins Reich in Kauf, sondern Krieg und Bürgerkrieg in der Ukraine.

Natürlich ist die Ukraine noch ein Thema – und wird es, wie sehr auch von anderen Themen übertönt, auf unbestimmte Zeit bleiben. Und selbstredend schwingt die aktuelle politische Lage in der Ausstellung im Freiburger E-Werk unausgesprochen mit – auch wenn Yuriy Gnatkovskys die gesamte Pfeilerhalle bespielende Multimedia-Installation aus Videos, Musik, Skulptur und Raumgestaltung lediglich an einer einzigen Stelle (und eher diffus) Stellung dazu bezieht. Das zweite der zwölf Videos zeigt Bilder der Auseinandersetzungen auf dem Majdan, unterlegt mit ukrainischer Rockmusik. Über die Zustimmung zur Revolution hinaus (war es überhaupt eine?) hätte man sich hier ein Wort zur gegenwärtigen Situation gewünscht. Dass es ausbleibt, ist wohl als kritiklose Zustimmung zum Kurs von Präsident Poroschenko zu werten. Nebenbei: Gnatkovsky, Filmemacher und Musiker, fungiert als Leiter des Art Palastes in Lviv, dem früheren Lemberg. Der Umstand, dass Freiburg Partnerstadt von Lviv ist, dürfte mit ein Grund dafür sein, dass die Ausstellung jetzt hier zu sehen ist.

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Die breitet – buchstäblich – einen roten Teppich vor dem Besucher aus, der sich durch die gesamte Schau zieht. Wer will, kann Schuhe und Socken ausziehen, ehe er den labyrinthischen Parcours beschreitet: "Ukraine barfuß" heißt die Präsentation.

Gras, Stroh,

Moos, Sand

Links und rechts bringen weiße Sockel Skulpturen aus Ästen, vegetativen und Holzpartikeln von Thomas Rees auf Augenhöhe, flimmern Videos, wehen Geräusche und Musikfetzen ans Ohr. Zwölf Zonen repräsentieren, in Videos mit volkstümlicher Musik, verschiedene Regionen der Ukraine: Karpaten, Schwarzes Meer, Zentralukraine, auch Volksgruppen wie Ostjuden und Krimtataren.

Die Zonen sind mit Naturmaterialien wie Gras, Stroh, Moos oder Sand ausgelegt, die für die jeweilige Region stehen; mit nackten Füßen lassen sie sich hautnah erfahren. Feuchttücher liegen zur Fußreinigung am Ausgang bereit. Die Videos stammen von dem französischen Filmemacher Vincent Moon; konzeptionell betreut und auf die Räumlichkeiten im E-Werk zugeschnitten hat die Schau die Freiburger Kuratorin Olena Lytnynenko. Auf den ersten Blick wirkt die trachtenfreudige Folklore der Videos, gleich Thomas Rees’ urigen bis skurrilen Skulpturen, befremdlich. Geht es um Tradition und ihre Bewahrung? Tradition: ja; Bewahrung: nein. Denn Tradition, sagt Olena Lytnynenko, sei etwas, das man "nicht erhalten kann, indem man es archiviert, filmt und dokumentiert". Man kann sie nur "vermitteln, bekannt machen und auch teilen".

Es sind bisweilen starke Eindrücke fremder, vergleichsweise archaischer Traditionen und Kulturen, die der Besucher aus der Ausstellung mitnimmt. Seien es die Kompositionen des wandernden Banduristen Ostap Kindrascuk, die orientalisch anmutenden Klänge der Krimtataren oder jiddische Lieder aus Odessa. Und die guten Teufel aus der Region Polissya – eindrücklich vergegenwärtigt in Rees’ Holzskulptur eines nachdenkenden Gehörnten – geben ein wenig Hoffnung, dass der teuflische Gang der Dinge aufgehalten werden könne und das Böse wider Erwarten am Ende doch nicht obsiegt.

– E-Werk Freiburg, Eschholzstr. 77. Bis 17. Mai, Donnerstag, Freitag 17-20 Uhr, Samstag 14-20 Uhr, Sonntag 14-18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz