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13. Juni 2017 22:00 Uhr

Ausstellung

Kunstmuseum Basel zeigt Werke von Otto Freundlich

Das Kunstmuseum Basel zeigt im Erweiterungsbau unter dem Titel "Kosmischer Kommunismus" Arbeiten von Otto Freundlich.

  1. „Kosmisches Auge“, ein Pastell auf Karton Foto: WestImage - Art Digital Studio

Seine Skulptur "Großer Kopf" von 1912 prangte auf dem Titel der Publikation, die zu einer der bestbesuchten Ausstellungen moderner Kunst erschien. Mehr als zwei Millionen Menschen sahen Otto Freundlichs (1878-1943) Werk in der Propagandaausstellung "Entartete Kunst", die 1937 in München eröffnet und bis 1941 in zwölf weiteren Städten gezeigt wurde. Bis zum heutigen Tag ist Freundlichs Skulptur das "Gesicht" dessen, was die Nationalsozialisten als "jüdisch-bolschewistische" und "undeutsche" Kunst brandmarkten. Gleich dreifach passte er in das Feindbild der Nazis. Als Vertreter der künstlerischen Avantgarde wurde er diffamiert, als Jude und Kommunist befand sich der seit 1924 in Paris Lebende nach dem Einmarsch der Deutschen in Lebensgefahr. 1943 wurde Otto Freundlich in dem im damals besetzten Polen errichteten nationalsozialistischen Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Fast in Vergessenheit geraten

Es ist beschämend, dass dieser Künstler, der einen individuellen und von seinen politischen Überzeugungen geprägten Weg in die Abstraktion entwickelte, fast in Vergessenheit geraten ist. Mit der Ausstellung "Otto Freundlich. Kosmischer Kommunismus", die derzeit im Kunstmuseum Basel zu sehen ist, will man diesen "radikalen Künstler der Avantgarde", wie ihn der Direktor des Kunstmuseums Josef Helfenstein nennt, nun endlich einem breiten, internationalen Publikum vorstellen. Rund 50 Werke, darunter Glasbilder, Mosaiken, Gouachen, Skulpturen und Ölbilder, illustrieren seine künstlerische Entwicklung der Jahre von 1909 bis 1940.

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Erst mit 27 Jahren kam Freundlich, der eigentlich die Spedition des Vaters übernehmen sollte, zur Kunst. Erste Arbeiten zeigen den Einfluss von Jugendstil und Symbolismus, doch da der Künstler nach 1933 nicht mehr nach Deutschland reisen konnte, ging ein Großteil des im Berliner Atelier eingelagerten Frühwerks verloren. Zwei Jahre vor seiner Ermordung legte Freundlich aus dem Gedächtnis heraus ein Verzeichnis der Arbeiten nieder. Der Versuch eines Verzweifelten, gegen das Verschwinden anzuarbeiten.

Freundlich konnte nicht als Glaskünstler Fuß fassen

Otto Freundlichs künstlerisches Erweckungserlebnis fand 1914 in der Kathedrale von Chartres statt. Fünf Monate lang bewohnte er den Nordturm und blickte zu den Glasfenstern und in den Himmel hinein. Eine Erfahrung, die ihn von der Aufhebung aller Grenzen träumen ließ. Sein Versuch, selbst als Glaskünstler Fuß zu fassen, scheiterte an fehlenden Aufträgen. Dafür griff er zur Pastellkreide, die er wegen der Leuchtkraft der Farben liebte. Die Bewegung nach oben, in den Kosmos, zeichnet auch seine Skulpturen, etwa die monumentale "Ascension" (Aufstieg) von 1929 aus.

Der Ausstellungstitel "Kosmischer Kommunismus" ist eine Wendung, die von Freundlich selbst stammt. Politisiert im Ersten Weltkrieg suchte er nach einem künstlerischen Weg, die Gesellschaft abzubilden. Da für ihn alles Dingliche mit Besitzdenken verbunden war, bildete er seine Vorstellung von einer "freien und internationalen menschlichen Gemeinschaft" über bewegte, energiegeladene Farbflächen ab. Ohne Konturen, harte Kontraste und Hierarchien befinden sie sich im beständigen Austausch. "Kosmischer Kommunismus" mag esoterisch klingen, doch Freundlich war an den Naturwissenschaften interessiert. Sein Cousin arbeitete für Albert Einstein und machte ihm bewusst, dass viele physikalische Vorgänge zwar nicht bildhaft vorstellbar, aber deshalb nicht weniger "wirklich" sind.

Lebenslang Geliebter

Der Schriftsteller Adolf Muschg beschreibt im Katalog, wie seine Halbschwester während eines Paris-Urlaubs mit Freundlich in Kontakt kam. Eine Heirat mit dem brotlosen Künstler konnte die Familie verhindern, nicht aber, dass Hedwig Muschg den lebenslang Geliebten finanziell unterstützte. Bitter nötig war auch die Solidaritätsaktion, die Künstler und Schriftsteller 1938 zu Freundlichs 60. Geburtstag organisierten. Man sammelte für den Ankauf eines Werkes, das dem Jeu de Paume übereignet wurde. Hans Arp, Georges Braque, Max Ernst, Pablo Picasso – der Aufruf liest sich wie ein "Who is Who" der Kunstgeschichte.

Die Skulptur "Großer Kopf", die die Nazis perfiderweise in "Der neue Mensch" umbenannten, ist verschollen. Erst fälschten sie den Titel, dann das Werk: Die von Julia Friedrich vom Museum Ludwig in Köln kuratierte Ausstellung weist nach, dass Freundlichs 1,40 Meter hohe Gipsskulptur auf zumindest einer Station der Wanderausstellung durch eine plumpe Kopie ersetzt worden war. Wahrscheinlich war das Original kaputt gegangen, aber die Nazipropaganda wollte offenbar auf die Ikone "entarteter Kunst" nicht verzichten.
Ausstellung

bis 10. September, Di-So 10-18 Uhr, So 10-20 Uhr. Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben 20.

Korrektur

In einer ersten Version dieses Textes wurde Sobibor fälschlicherweise als "polnisches Vernichtungslager" bezeichnet. Bitte entschuldigen Sie diesen Fehler. Richtig ist natürlich, dass Sobibor ein nationalsozialistisches Vernichtungslager im damals von Deutschland besetzten Polen war. Wir haben den Text korrigiert.

Autor: Antje Lechleiter