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20. April 2017

„Queer British Art“

Londoner Tate Britain arbeitet ein tabuisiertes Kapitel der englischen Kunstgeschichte auf

„Queer“ kann auf Deutsch „eigenartig“ bedeuten. Oder seltsam. Oder komisch. Es kommt darauf an. Manchmal bedeutet es, dass einem jemand verdächtig erscheint. „A queer character“ ist ein zweifelhafter Charakter.

"A queer customer" kann ein schräger Vogel sein. Aber "queer" bedeutet natürlich noch etwas anderes. Es ist ein Synonym für homosexuell – ein Begriff, der heute das ganze LGBT-Spektrum umfasst. "Queer" sondert aus, was nicht ins "Normale" passt. Der negative Ton, der dem Wort anhaftet, lässt leicht erkennen, warum es den damit Bezeichneten lange verleidet war und oft noch immer ist.

Erst in neueren Zeiten hat ein neues Selbstbewusstsein auch ein neues Verhältnis zu dem Ausdruck zugelassen. "Für mich", hat der Filmregisseur Derek Jarman gesagt, "kommt die Benutzung des Wortes queer einer Befreiung gleich. Früher habe ich mich vor diesem Wort gefürchtet. Aber das ist vorbei." So bietet auch Londons Tate Britain jetzt ohne Scheu eine Ausstellung unter dem Titel "Queer British Art" an – und hisst überm eigenen Dach die Regenbogen-Fahne. 50 Jahre nach dem ersten Schritt zur Legalisierung der Homosexualität in England sucht das Museum an der Themse auszuleuchten, was viele Jahre lang im Halbdunkel verloren lag.

Von mühsam unterdrückten Gefühlen, von verborgenen Neigungen und Sehnsüchten erzählt die Ausstellung. Aber auch von Bekenntnissen zum Anderssein, der Freude daran. Rätselhafte Beziehungen, Ambivalenz, ungeklärte Sexualität und Angst vor der Entdeckung gehören zu dieser Geschichte. Sie habe, sagt Kuratorin Clare Barlow, etwas von "Furcht und Freiheit" vermitteln wollen: "Das sind zwei der Schlüsselthemen in unserer Show." Bilder, Zeichnungen, Skulpturen und Fotos illustrieren nicht nur die so selbstgerechten wie unbarmherzigen Gesellschaftsnormen vergangener Jahre. Sie sprechen auch von den Nischen homosexueller Existenz, den Demütigungen, zerbrochenen Existenzen, den Träumen, den couragierten Manifestationen einer sich wandelnden Welt.

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Den Anfang machen auf antike Vorlagen zurückgreifende Idyllen aus dem späten 19. Jahrhundert – wie "Sappho und Erinna" in liebevoller Zuwendung. Gemalt hat das Simeon Solomon, einer der britischen Prä-Raphaeliten. "Verschlüsseltes Verlangen" hat die Tate den ersten Raum der Ausstellung benannt. Solomon wurde 1873 mit einem Mann in einer öffentlichen Toilette in London entdeckt – und landete hinter Gittern. Das war das Ende seiner Karriere. "Von einem Künstler, der in der Royal Academy ausstellte, sackte er ab zu jemandem, der immer wieder im Zuchthaus und im Armenhaus landete", beschreibt Clare Barlow seinen katastrophalen Fall.

200 Jackenknöpfe

für sexuelle Liaisons

Am anderen Ende des Spektrums, im letzten Saal, der Francis Bacon und David Hockney gewidmet ist, stößt man auf ein Aktgemälde, das Hockney 1962 als ironischen Kommentar auf "höhere" Erwartungen schuf. Es stellt einen der Zeitschrift Young Physique Magazine entlehnten kraftstrotzenden, keck überzeichneten Bodybuilder dar, auf dessen sorgsam kaschiertes Geschlecht die Worte "Life Painting for a Diploma" zulaufen. Links im Bild grüßt unkaschiert ein menschliches Skelett. Hockney, der einiges beisteuerte zur Unterminierung des Verbots der Homosexualität in Großbritannien, hatte das Glück, ein Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sein. Bis 1861 stand auf "Sodomie" noch die Todesstrafe im Königreich. Erst 1967 wurde Homosexualität legalisiert – für die mindestens 21-Jährigen.

Auf den Zeitraum zwischen 1861 und 1967 hat man sich konzentriert. In diese Zeit fallen so unterschiedliche Werke wie Laura Knights 1913 noch provozierendes "Selbstporträt": Die bekleidete Künstlerin beim Malen eines weiblichen Akts. Oder Duncan Grants muskulöse männliche Schwimmer in "Bathing" ebenfalls aus der Vorkriegszeit. Das großangelegte Tableau war als Wandgemälde für den Speisesaal einer Londoner Hochschule vorgesehen: Aber Kritiker fürchteten, dass Studenten der Arbeiterklasse vom "degenerativen" Effekt des Bildes verunsichert werden könnten.

Ein Bild von Henry Scott Tuke zeigt zwei sonnenbeschienene junge Männer, die an einem Strand sitzen und einen badenden Jungen in Augenschein nehmen. "Die Kritiker" hat Tuke dieses flimmernde Gemälde von 1927 genannt. "Im Grunde", meint Barlow, "stand oft die besorgte Frage im Raum, was nun wirklich gemeint war." Manche Betrachter hätten auf einem solchen Bild nichts Besonderes gesehen: "Für andere war es eine Darstellung von Homosexualität, die ihnen lieb und teuer war."

Zur Londoner Künstlerszene aus den 20er Jahren in Bloomsbury ebenso wie zum "Arcadia" Sohos in den 50er und 60er Jahren hat die Ausstellung Beiträge gesammelt. Matrosen, Radler und Ringer füllen die Räume. Daneben gibt es Unverfängliches wie das Stilleben mit Lilien- und Drosselbeer-Vase von Hannah Gluckstein, die sich "Gluck" nannte. Es war ihrer Partnerin Constance Spry gewidmet, die bei Hof als Blumen-Arrangeurin beschäftigt war.

Auch humorige Objekte gibt es: wie das Kästchen, in dem der Illustrator Richard Chopping und der Landschaftsmaler Denis Wirth-Miller über 200 Jackenknöpfe von Wachsoldaten sammelten – jeder Knopf eine Reminiszenz an eine sexuelle Liaison. Dickie und Denis, wie die beiden genannt wurden, trafen 1937 aufeinander. Sie gingen 2005, in ihren späten Achtzigern, als eines der ersten Paare in Großbritannien eine zivile Partnerschaft miteinander ein.

Nicht alles, was "Queer British Art" präsentiert, weist sich als große Kunst aus. Manches wirkt eher kurios. Aber die Geschichten, die erzählt werden, sind bemerkenswert. Der Homosexualität und dem Theater ist eine Abteilung gewidmet: all dem, was an "Familienunterhaltung" mit verkehrten Geschlechterrollen und Überraschungsmomenten akzeptabel war. Der Morgenmantel des Komikers Noel Coward ist zu besichtigen, begleitet von seinem beiläufigen Seufzer: "Warum erwartet man immer von mir, einen Morgenmantel zu tragen, Zigaretten aus einem langen Halter zu rauchen und zu sagen: Darling, wie wunderbar!" Coward war einer, der über seine Sexualität nicht groß reden mochte. "Wo die staatliche Zensur nicht zuschlug, bot die Bühne Raum zum Atmen. Notfalls ließen sich Stücke auch als Privatclub-Darbietungen klassifizieren.

John Osbornes "A Patriot for Me" mit Maximilian Schell in der Titelrolle wurde 1965 in Londons Royal Court Theatre "unter Club-Bedingungen" inszeniert, um dem Zensor zu umgehen. Prompt traten dem "Englischen Bühnen-Club" 20 000 neue Mitglieder bei. Auch diese Reaktion half, das Ende von Zensur und Homosexualitätsverbot zu beschleunigen. Einer von denen, die diesen Wandel nicht mehr erleben durften, war der Dichter Oscar Wilde. Er ist durch ein kolossales Porträt des amerikanischen Maler Robert Goodloe Harper Pennington als selbstbewusster 27-jähriger Autor von Welt vertreten. Das Gemälde erhielt Wilde von Pennington zu seiner Hochzeit. Später musste er esverkaufen, um Gerichtskosten bezahlen zu können. Das Pennington-Porträt, eine Leihgabe aus Los Angeles, ist zum ersten Mal seit über hundert Jahren wieder in England zu sehen. Daneben hat Clare Barlow die Tür zur Zelle Wildes in Reading Prison gehängt.

Dankbar ist die Schau von den Veranstaltern des "Pride-in-London"-Umzugs aufgenommen worden – zumal die Tate zum diesjährigen Umzug im Juni einen Wagen schickt. Stolz auf die Initiative ist der Vorsitzende aller britischen Tate-Galerien Lord Browne. Mit "Queer British Art" hätte die Tate "den Fortschritt demonstriert, der in den letzten 50 Jahren gemacht wurde". Browne weiß, wovon er spricht. Er brachte es erst vor zehn Jahren fertig, sich als schwul zu outen. Vorher, sagt er, "habe ich meine wahre Identität versteckt".

Tate Britain, London, bis 1. Oktober.

Autor: Peter Nonnenmacher