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23. Juni 2017

Luzide Farben und ein unheimlicher Körper

KUNST IN KÜRZE: Werke von Charuwan Noprumpha, Petra Höcker und Karl Manfred Rennertz bei drei Ausstellungen in Freiburg und Waldkirch.

Charuwan Noprumpha
Die Erfüllung des ewigen Wunsches, verrinnende Zeit zu konservieren, versprechen die Speicherkapazitäten der Archive und Medien. In vieler Hinsicht folgt die Malerei dieser Projektion, nicht nur weil sie ihre Sujets aus dem Zeitfluss isoliert, sondern in ihr auch der Schaffensprozess zu einem sichtbaren Stillstand kommt.

Davon nämlich spricht der Titel der Ausstellung "An accumulation of time" im Centre Culturel Français Freiburg. In der Tat vermitteln besonders die großformatigen Aquarelle der thailändischen Künstlerin Charuwan Noprumpha eine Vorstellung von gespeicherter Zeit. Hier reihen sich streichholzgroße Striche im endlosen Rapport aneinander. Allein indem sie das ganze Farbspektrum durchqueren, entkräften sie den Eindruck von einer akribisch-geduldigen Fleißarbeit. Im Gegenteil. Die Gründe, weshalb das Centre Culturel Noprumpha als Preisträgerin der Biennale Mulhouse auswählte, liegen in der künstlerischen Souveränität, vor allem aber in der Stille und Poesie dieser luziden Aquarelle. Ob Striche sich zu Netzen verknüpfen, Punkte sich zu Clustern, Schwärmen oder Energiefeldern verdichten – diese Arbeiten leben von der Leichtigkeit und den schönen Farben, die die Erfahrungen aus verschiedenen Kulturen zum Ausdruck bringen.

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Petra Höcker
Mit Zeit beschäftigt sich auch Petra Höcker. Die Künstlerin aus Osnabrück präsentiert im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch ihre Bilder und Installationen unter dem Titel "Transparent". Mit ihren machtvollen Gemälden, den sich an die Grenze zum Haptischen wölbenden Farb- und Kunstharz-Strukturen ließen sich ihre Arbeiten als krasses Gegenmodell zu den sensiblen Aquarellen Noprumphas auffassen. Die zahlreichen mit unterschiedlichen Farbtuschen aufgetragenen Schichten verfließen ineinander, bis ihre amorphen Zustände von einem voluminösen Oberflächenfinish aus Kunstharz festgehalten werden. Am intensivsten zeigt das eine von Dunkelviolett bis Schwarz changierende Farbkomposition im Obergeschoss. Die plastische Textur des Kunstharzes ist jedoch nicht zufällig, denn darin manifestiert sich eine Konzeption, die um das Phänomen der Körperlichkeit kreist. Ihren Körper erlebt die Künstlerin als eine ambivalente Entität: urvertraut und fremd zugleich. Diese beunruhigende Distanz tritt besonders bei ihren Installationen als Motivation zutage, immer wieder neuen Abspaltungen, Partialobjekte und Fragmente dieser zwar eigenen, aber unheimlichen Organik zu entwerfen. Da scheut Petra Höcker auch kein Risiko, die Zeit in der Metapher des körperlichen Verfalls darzustellen zum Beispiel in einer düster anmutenden Symbolik der Häutung, wenn hohle Körperformen von der Decke hängen und von einem Ventilator bewegt im Raum pendeln.

Karl Manfred Rennertz
Um Holz in expressive Skulpturen zu verwandeln, braucht Karl Manfred Rennertz die Kettensäge. Eine Auswahl seiner Skulpturen bevölkert das Gebäude der Firma Koch im Industriegebiet Hochdorf. In der Ausstellung herrscht das Rennertz-typische Formenrepertoire vor: keilartige Grundformen, die, grob aus dem Stamm gesägt, sowohl geometrisch als auch organisch wirken. Bei einem Holzbildhauer wie Rennertz ist eine empathischere Materialbeziehung vorauszusetzen als bei Künstlern, die mit Leblosem operieren wie Stein oder Malleinwand. Direkt aus der Natur und nah am Belebten, erscheint jeder frisch ausgewählte Stamm als eigenwilliger Teilhaber am künstlerischen Prozess. Nolens volens assoziiert er mit seiner vertikalen, runden Gestalt die Form des menschlichen Körpers. Dieses Charakteristikum erweist sich als prägend für Rennertz, wenn sich von vornherein der Schnitt einer Figur aufdrängt. Beim fertigen Werk bleibt diese allerdings stets in einem abstrakten Schwebezustand. Für Deutungen nämlich wirft die einfache Grundform ein Surplus ab, das vielen Lesarten ein Feld eröffnet – ob die Figur an eine aus Keimblättern aufstrebende Pflanze erinnert, ob Herzen sich stufenweise vervielfachen oder Pfeilspitzen zum Boden zeigen. Rückversetzt in die Fläche füllen Rennerts Keile und Dreiecke auch Gemälde, deren Intensität aus einer auf wenige, jedoch markante Farben beschränkten Palette rührt, darunter ein Ultramarinblau, von dem sich der Blick kaum lösen kann.

Centre Culturel Français Freiburg, Münsterplatz 11. Bis 28. Juli, Mo bis Do 9–17.30 Uhr, Fr 9–14 Uhr, Sa 11–14 Uhr.
Georg-Scholz-Haus, Waldkirch, Merklinstr. 19a. Bis 16. Juli, Fr, Sa 15-18 Uhr, Sonn- und Feiertag 11–16 Uhr.
Kunst Koch, im Firmengebäude Beschläge Koch, Freiburg, Hanferstr. 26. Bis 28. Juli, Mo bis Fr 10–16 Uhr.


Autor: Herbert M. Hurka