Oh schöne neue Welt

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Di, 29. Mai 2018

Ausstellungen

"Anti-Bodies": US-Künstlerin Lynn Hershman Leeson zählt zu den Pionieren der Medienkunst / Ausstellung in Münchenstein.

Michelangelos "Erschaffung Adams" aus dem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle zählt zu den berühmtesten Werken der Kunstgeschichte. Die beiden ausgestreckten, sich nicht ganz berührenden Zeigefinger gelten als Sinnbild schöpferischer Kraft. In der Ausstellung "Anti-Bodies" von Lynn Hershman Leeson, die derzeit im Haus der elektronischen Künste in Münchenstein bei Basel stattfindet, bekommt die Schöpfung ein anderes Gesicht. Etwa das einer Katze, die neongrün leuchtet. Durch einen Vorgang, der als Genom Editierung bezeichnet wird, kann ein solches Wesen wirklich und wahrhaftig erzeugt werden. Hierfür wird in das Erbgut einer Katze ein grün fluoreszierendes Quallen-Protein eingebaut. Zu dieser weit weniger himmlischen Art von Schöpfung gibt es in der Ausstellung ein treffendes Bild: Zwei Hände halten Spritzen, deren Injektionsnadeln sich – fast – berühren. Will sagen: Der Mensch hat die Gestaltung des Lebens in die eigenen Hände genommen. Im Labor.

Lynn Hershman Leeson (geboren 1941 in Cleveland, Ohio) zählt zu den Pionieren der Medienkunst. Sie arbeitet in den Bereichen Fotografie, Video, Film, Performance, Installation, interaktive und netzbasierte Medienkunst. Das Verhältnis von Identität und technischer Innovation, das Zusammenspiel von Körper und Technologie beschäftigt die Künstlerin seit den 1960er Jahren. Eine zentrale Arbeit war ihre interaktive Installation "Lorna" von 1983, in welcher der Betrachter wie in einem Computerspiel über das Schicksal einer künstlichen Persönlichkeit bestimmen konnte. Was man heute irgendwo zwischen Skulptur, Installation und Medienkunst verorten könnte, war in den 1980er Jahren vollkommen neu. "Damals wusste niemand, was das sein sollte. Dabei ging es um die Erweiterung von Skulptur", sagt Hershman Leeson über dieses Projekt.

In "Anti-Bodies", ihrer ersten Einzelausstellung in der Schweiz, setzt sie sich mit den neuen Möglichkeiten der Biotechnologie auseinander. Im Zentrum steht die sich über mehrere Räume ausdehnende Installation "The Infinity Engine" (Die Unendlichkeitsmaschine). Sie ist einem Gentechnik-Labor nachempfunden, und hier untersucht Hershman Leeson die ethischen, sozialen und politischen Folgen des gewaltigen biotechnologischen Fortschritts. Ihre Arbeit bezeichnet sie selbst als politisch, betont jedoch, dass sie keine Anklage erheben will. Im Gegenteil. Sie hebt die Segnungen dieser neuen Möglichkeiten, wie etwa die Heilung von bislang tödlichen Krankheiten hervor. Diffusen Ängsten setzt sie die Macht der Aufklärung und Information entgegen. So öffnet ihre Ausstellung die Labortüren und gibt dem Besucher die Chance, die Komplexität dieser schönen neuen Welt begreifen zu lernen.

Es beginnt schwindelerregend mit Projektionen, die einen virtuellen Laborflur entstehen lassen. Durch eine schwere Tür betritt man einen Eingangsbereich und kann einen Laborkittel anziehen. Dieser Rollenwechsel macht aber aus dem Besucher einer Kunstausstellung noch lange keinen Wissenschaftler und die Konfrontation mit der biotechnologischen Realität wird anstrengend. Bio Printing, CRISPR Mutation, Gesichtserkennungssoftware, das Thema "DNA als Speichermedium" wird in mehr oder minder allgemeinverständlichen wissenschaftlichen Texten und Schautafeln erklärt. Berührend ist die Geschichte eines jungen Mannes, dem die erste künstliche Blase implantiert werden konnte. Auch die Nase, die aus Körperzellen mittels 3D-Bioprinting hergestellt werden konnte, zeigt, welch neue Möglichkeiten die regenerative Medizin eröffnet. Beeindruckend ist die Dokumentation über die sieben Jahre alte Emily Whitehead, die mittels einer Therapie durch gentechnologisch veränderte T-Zellen mit synthetischen antigenspezifischen Rezeptoren von einer schweren Form der Leukämie geheilt werden konnte.

Was hat das alles mit Kunst zu tun? Die Antwort darauf gibt Hershman Leeson am Ende der Ausstellung gemeinsam mit dem Pharmakonzern Novartis. Der Zusammenarbeit ging ein exklusiv für die Ausstellung geschaffener Antikörper hervor, dem die Buchstaben des Namens der Künstlerin in seine molekulare Struktur eingeschrieben sind. Es ist etwas absolut Einzigartiges und Individuelles entstanden, ein Kunstwerk als patentierbares Heilsversprechen. Die Künstlerin Lynn Hershman Leeson hat sich mit einem Pharmakonzern vereinigt, dessen Name Novartis sich als "neue Künste" dechiffrieren lässt. Der achte Schöpfungstag hat begonnen.

Haus der elektronischen Künste,

Freilager-Platz 9, Münchenstein/Basel.

Bis 5. August, Mi bis So 12–18 Uhr.