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09. September 2017

Rollenspiele und Blickwechsel

KLEINE FLUCHTEN (4): Die Fondation Fernet-Branca in St. Louis zeigt seit 2006 zeitgenössische Kunst.

  1. Arbeiten von Manish Nai in der Fondation Fernet-Branca in Saint-Louis Foto: Guy Greder

  2. Die Fondation Fernet-Branca in Saint-Louis Foto: Guy Greder

Vergangenen Sommer haben wir erstmals Orte der Kunst in der Regio vorgestellt, die nicht nur anregende Ausstellungen bieten, sondern allein schon wegen ihrer schönen Lage oder ihrer besonderen Architektur eine Landpartie lohnen. Hier ist die zweite Staffel der Serie "Kleine Fluchten" – aus dem Alltag. Heute: die Fondation Fernet-Branca im elsässischen Saint-Louis, die zeitgenössische Kunst zeigt.

Der Bau hat Patina und ein markantes Wahrzeichen: Der Adler mit den geöffneten Schwingen und der Weltkugel in den Krallen über dem Eingangsportal sticht ins Auge. Auch im Inneren herrscht ein spezieller Spirit: Das denkmalgeschützte Ensemble im elsässischen Saint-Louis beherbergte einst die Spirituosenfabrik Fernet-Branca. Wo im 20. Jahrhundert Schnaps destilliert wurde – genau genommen der italienische Magenbitter ("Amaro") Fernet-Branca, dessen Logo besagter Adler ist –, sind inzwischen andere Geister und Genussmittel heimisch: die zeitgenössische Kunst, um korrekt zu sein.

2003 implementierte der Architekt Jean-Michel Wilmotte Ausstellungsräume in die 2000 stillgelegte Destillerie. Seit 2004 entwickelte sich die Industriebrache in der südelsässischen Grenzstadt darüber zu einem Forum für zeitgenössische Kunst mit bis zu 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Diese verteilen sich in dem einen Innenhof bildenden rechteckigen Bau auf mehrere Säle und über zwei Stockwerke. Strukturell gleicht das jenen von Kunst und Kreativwirtschaft befeuerten Transformationsprozessen ehemaliger Industrieareale, die seit Jahrzehnten auch hierzulande zu beobachten sind.

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Seit 2006 bespielt die Fondation Fernet-Branca die Räume. Regie führt seit 2014 Pierre-Jean Sugier, ein Kunsthistoriker und Kenner der Art contemporain, der aus dem Raum Paris ins Elsass kam und bis zu drei Ausstellungen im Jahr organisiert. Aktuell sind zwei parallel zu sehen: einerseits großformatige, meist aus Alltagsmaterialien gefertigte Arbeiten des Inders Manish Nai. Andererseits bietet eine Gruppenausstellung unter dem Titel "La terre la plus contraire" ("Die gegensätzlichste aller Welten") Werke von Frauen, die nominiert waren für den Prix Marcel Duchamp, einen französischen Preis für innovative Kunst. Die Auswahl beschränkt sich auf Arbeiten, die den weiblichen Blick auf die Welt pflegen – eine Perspektive, die Sugier besonders hervorheben will.

Die Ausstellung bietet so unter anderen Arbeiten der in New York lebenden Belgierin Farah Atassi, der französischen Fotografinnen Valérie Belin und Valérie Jouve oder der libanesischen Filmemacherin und Videokünstlerin Joana Hadjithomas, von der das– auch auf der Documenta 14 vertretene – 50-minütige Video "Ismyrne" zu sehen ist. Eine Arbeit der autobiografisch inspiriert arbeitenden Carole Benzaken, die den Preis 2004 gewonnen hatte, dokumentiert auf einer bemalten Rolle tagebuchartig Alltagsschnipsel. Diese schreibt die französische Malerin immer weiter fort und stilisiert das eigene Leben so anspielungsreich zu einer Rolle.

Vertreten ist auch Ulla von Brandenburg. Die 1974 in Karlsruhe geborene Malerin und Installationskünstlern, die seit 2013 in Paris lebt, war hierzulande mit dem Denkmal für im Nationalsozialismus verfolgte Schwule und Lesben in München erst im Juni Thema der Öffentlichkeit. Die Fondation zeigt ihre raumgreifende begehbare Installation "Blue Curtain, Yellow Curtain, Pink Curtain", ein Patchwork aus Vorhängen, das ans Theater erinnert und mit der leicht labyrinthischen Struktur allemal irritiert. Das ist ein Niveau, das auch in dem dicht mit hochkarätiger Kunst bestückten Ballungsraum Basel mithalten kann.

Verstecken braucht sich die Stiftung ohnehin nicht. Zwar liegen die Räume in der 1909 eröffneten ehemaligen Brennerei etwas abseits des Zentrums in einer Nebenstraße an der Bahnlinie zwischen Basel und Mulhouse. Die Wege ins Herz der wachsenden 20 000-Einwohner-Stadt im Basler Speckgürtel aber sind kurz. Östlich der Bahn beginnt bereits das im kleinstädtischen Takt pulsierende Zentrum mit seinem französischen Flair und den Spuren der Zuwanderung aus Afrika. Flaneure kommen da allemal auf ihre Kosten – zumal die City mit dem Théâtre La Coupole, der Cité Danzas, einem Zentrum für Kunsthandwerk, und einer Médiathèque weitere Kulturmagneten bietet. Wie andere Städte hat auch Saint-Louis Ende der 90er Jahre den Stellenwert von Kultur für die eigene urbane Entwicklung erkannt und eingesetzt – auch um gegenüber dem Zentrum Basel Profil zu gewinnen. Die Fondation ist ein Baustein dieser auf den Faktor Kultur setzenden Stadtentwicklungspolitik und löst den Anspruch mit den derzeit zu sehenden Ausstellungen einmal mehr ein.

Denn auch die Arbeiten des 1980 im indischen Bundesstaat Gujarat geborenen Manish Nai, der in Mumbai lebt, bieten Aha-Effekte. Nai begann als Künstler mit Jute. Mit dieser kam er bereits in seinem Elternhaus in Berührung, war der Vater doch Jute-Händler. Nai aber entwickelte aus dem Stoff nach und nach eigene Ausdrucksformen, zerschnitt auf Leinwand geleimte Jute, setzte die Schnipsel neu zusammen, formte komplexe Muster und skulpturale Reliefs, die, mit Farbe getränkt, mitunter an die Ende der 50er Jahre entstandenen Schwammreliefs eines Yves Klein erinnern.

Später erweiterte er sein Spektrum, nutzte auch andere Materialien wie Kleiderstoffe, Zeitungspapier und Pappkarton. Das Ergebnis sind Abstraktionen, die an die Arte Povera anknüpfen. So findet sich in der Fondation beispielsweise eine Installation aus bunten Altkleidern, die um lange Vierkanthölzer gewickelt sind. Das Ausgangsmaterial bleibt zwar erkennbar, aber zu Würfeln gepresst werden die als Einzelstück unkenntlichen Lumpen zum Sinnbild der Überflussgesellschaft, deren abgelegte Kleider wie die Schiffe in den berüchtigten Abwrackwerften dem Süden vorgeworfen werden. Das ist auch politische Kunst, die Folgen der Globalisierung thematisiert.

Seit 2013 experimentiert Nai auch mit Fotografie und illusionistischer Wandmalerei. Mit einer Kamera hat er zum Beispiel große Reklamewände festgehalten, nachdem Plakate abgerissen, aber noch keine neuen aufgeklebt wurden. Solche Übergangszenarien projiziert er auf die Geschichte der abstrakten Malerei. So ist in Saint-Louis eine Serie von Fotos indischer Plakatwände in diesem Übergangsstadium zu sehen, zeigt sich dort ein Falz, eine Falte, ein Fetzen. Das regt an, genauer hinzusehen, steht stellvertretend für leicht übersehene Details im Dschungel der Großstadt, ist ein subtiler Appell, die Perspektiven global zu weiten. So bietet sich die Fondation dieser Tage nicht nur als Fluchtpunkt in der Nähe an, sondern auch als ein Ort, der die Ferne im Blick behält.

Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis, 2, rue du Ballon. Bis 9. Oktober, Mittwoch bis Sonntag 13–18 Uhr.

Autor: Michael Baas