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02. September 2009 00:29 Uhr

Museum St. Gallen

Selbstversuch: Verkabelt durch die Ausstellung

Das Schweizer Forschungsprojekt "eMotion" untersucht erstmals die Wirkung von Kunst auf den Körper. Dafür werden Besucher des Museums St. Gallen mit Sensoren und Sendern verkabelt. Wir haben den Test gemacht.

Fühlen Sie sich im Moment eher stark oder eher schwach? Was erwarten Sie von einer Ausstellung? Haben Sie heute Kaffee getrunken? Können Sie mit dem Ausdruck "Minimal Art" etwas anfangen? Sind Sie ein Kunstkenner oder ein interessierter Laie? Die Fragen, die mir Stéphanie Wintzerith in der Eingangshalle des Kunstmuseums St. Gallen stellt, sind ganz schön indiskret. Und dann schnallt sie mir auch noch einen schwarzen Handschuh mit Sendern und Sensoren um die rechte Hand.

In Supermärkten werden Testkäufer schon lange ausgehorcht und verkabelt. Für die Betrachter von Gemälden ist das eine neue Erfahrung: Das Forschungsprojekt "eMotion" untersucht erstmals experimentell die "psychogeografische Wirkung" von Kunstwerken – nämlich durch Messung der körperlichen und geistigen Reaktionen von Museumsbesuchern. 15 Kunstwissenschaftler, Psychologen und Soziologen von Hochschulen in der Schweiz, Deutschland und England verwandelten deshalb von Juni bis Mitte August die größte Kunstsammlung der Ostschweiz in ein Versuchslabor.

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Verschwitzte Hände heißen: emotional erregt

An dem Samstagmorgen, an dem ich mich der Forschung zur Verfügung stelle, bin ich der erste und einzige Besucher. So kann ich in Ruhe durch die Ausstellung "Elf Sammlungen für ein Museum" bummeln. Beziehungsweise durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Die reichen Textilhändler und Zahnärzte, deren Schenkungen zu sehen sind, haben vom Impressionismus bis zur Gegenwart alles gesammelt, was berühmt und teuer ist.

Während ich von Max Liebermanns "Atelier" an der "Tomatensuppen-Dose" von Andy Warhol vorbei zu Skulpturen von Hans Arp und Dieter Roth flaniere, wird fünfmal pro Sekunde mein jeweiliger Aufenthaltsort mit Zehn-Zentimeter-Genauigkeit an einen zentralen Rechner gefunkt. Die Sensoren an meinen Fingern messen meinen Herzschlag, weil die sogenannten Interbeat-Intervalle ein Indikator für "kognitive Aktivität" sind. Die Leitfähigkeit meiner Haut wird registriert, weil verschwitzte Hände ein Indikator für "emotionale Erregtheit" sind.

Die Auswahl der Kunstwerke, ihre Anordnung im Raum und die Beschriftung wurden von den Forschern jede Woche verändert, um die Wirkung von verschiedenen Parametern zu überprüfen. An diesem Morgen sehe ich jedenfalls außer einem kleinen Rückenakt keine nackten Frauen und auch sonst keine Skandale. Mein Puls bleibt gesittet; guten Mutes wage ich mich nach einer Dreiviertelstunde zum Ende der Ausstellung.

Machen Quadrate froh oder traurig

Die Ausgangsbefragung ist etwas quälend. Ob ich die Männchen, die der Bulgare Nedko Solakov neben einzelne Bilder gekritzelt hat, für Kunst halte? "Weiß ich nicht", kreuze ich an. Haben mich die Quadrate und Striche der modernsten Werke eher froh oder eher traurig gemacht? Eher ärgerlich. Ob ich mich beim Rundgang überwacht fühlte? Geht so. Ein Künstlername, den ich schon bei der Eingangsbefragung nicht kannte, sagt mir immer noch nichts. Raufen sich jetzt ein paar Museumspädagogen die Haare?

Nach zehn Minuten hat ein Computer die Terabytes, die mein Rundgang generierte, ausgewertet. Zur Veranschaulichung der Informationsmasse wurden eigene Verfahren entwickelt. Mit einem Programm von Chandrasekhar Ramakrishnan, einem Spezialisten für Sonifikation der ETH Zürich, werden die Daten in Töne umgewandelt. Meine Tour hört sich an wie eine brummende Orgel. Schöner ist die grafische Aufbereitung durch den australischen Künstler Steven Greenwood: Eine Linie zeigt auf einem Monitor, wo ich langsam durch die Ausstellung ging und wo schnell, rote Punkte stehen für emotionale, gelbe Punkte für kognitive Reaktionen. Offensichtlich haben mich Landschaften von Ferdinand Hodler sehr angesprochen; Paul Klee ließ mich kalt.

Eine Projektion auf dem Boden zeigt die Bilder der Ausstellung in unterschiedlicher Größe, und zwar je nach Anzahl und Intensität der Besucherreaktionen. Ausgerechnet "Palazzo Contarini" des berühmten Impressionisten Claude Monet ist nur ganz klein abgebildet. Das glaube ich nicht. Es stimmt ja auch nicht, muss die Forscherin Stéphanie Wintzerith zugeben: "Diese Woche hatten wir viele Schulklassen. Bei Führungen haben die sich immer vor dieses Bild gesetzt – unsere Versuchspersonen mit den Datenhandschuhen mussten um die Gruppen herumlaufen." Das Ranking von Monet wird’s verkraften.

Ob es für Kunstmuseen bald wie für TV-Sendungen Betrachter-Quoten geben wird, will ich von dem Forschungsleiter Martin Tröndle wissen. Die Frage ärgert den Professor, der demnächst in Friedrichshafen den ersten deutschen Lehrstuhl für Kulturbetriebslehre und Kunstforschung übernehmen wird. Das Projekt sei "viel komplexer", erklärt er. Es erforsche die großen Kunsttheorien des 20. Jahrhunderts, zum Beispiel zu der Frage, was eigentlich ein Werk zum Kunstwerk macht – das Museum, die Inszenierung, die Aura des Exponats oder das Vorwissen der Betrachter? Bislang gibt es immerhin schon zwei Erkenntnisse, berichtet Tröndle: "Die Kunstwahrnehmung hat einen sehr starken körperlichen Einfluss" und "Kein Mensch nimmt Kunst wie ein anderer wahr. Die einzelnen Rundgänge sind so differenziert wie Fingerabdrücke."

Autor: Martin Ebner