Revolutionär mit Heckklappe

Wolfram Nickel (SP-X)

Von Wolfram Nickel (SP-X)

Sa, 19. März 2011

Auto & Mobilität

Vor 50 Jahren kam der Renault 4 auf den Markt und wurde mit genialer Einfachheit zum Millionenseller.

Vor genau einem halben Jahrhundert veränderte der R4 mit großer Heckklappe, vier Türen, Hochdachkarosserie, Frontantrieb, Einzelradaufhängung und Komfortfederung die Marke Renault ebenso wie die gesamte Kleinwagenwelt. Kein Wunder, dass der Revoluzzer ebenso zu einem Symbol der 1968er Generation wurde wie der Citroën 2 CV. Citroën-Chef Pierre Bercot führte sogar über zwei Jahre einen Plagiatsprozess gegen Renault, allerdings vergeblich. Derweil bahnte der avantgardistische R4 den kleinen Familienautos der modernen Kompaktklasse den Weg. Mit seinem besonderen französischem Flair und zeitloser Funktionalität wurden bis 1992 über acht Millionen Renault 4 als Limousine und Lieferwagen Fourgonnette ausgeliefert, davon allein über 900 000 in Deutschland.

Als Nachfolger des auch in Deutschland überaus beliebten Heckmotormodells Renault 4 CV feierte der R4 sein Weltdebüt auf der IAA in Frankfurt 1961 – und stand als erste Importpremiere überhaupt im Mittelpunkt der damals bereits weltweit bedeutendsten Automesse. Die ebenso praktische wie bequeme Limousine mit dem steilen Schrägheck und wassergekühltem 0,75-Liter-Vierzylinder-Frontmotor mit zunächst 26 PS setzte jene Zeichen in die noch dominierende Heckmotorklasse, die in die Zukunft deuteten, aber hierzulande auch extreme Reaktionen provozierten. "Dieses Auto wird sich in Deutschland niemals verkaufen lassen", resümierten Testberichte – und lagen damit zunächst nicht ganz falsch.

Anders als in Frankreich verlief der Start des R4 in der Heimat des Volkswagen Käfer sehr verhalten, das Konzept des Renault 4 war den Deutschen noch zu avantgardistisch. Erst Ende der 60er Jahre begeisterte der R4 jugendliche Protestler, cordsamtene Professoren, Individualisten und junge Familien auch jenseits des Rheins so sehr, dass er in Deutschland sensationelle vier Prozent Marktanteil und 86 000 Zulassungen in einem Jahr feiern konnte. Der vom R4 getragene Aufschwung ließ den Zulassungsanteil von Renault in Deutschland bis 1970 auf über sieben Prozent klettern. Optisch und technisch veränderte sich der R4 während der 31-jährigen Produktionszeit nur wenig.

Im Alltagseinsatz zählte der Franzose zu den fast unzerstörbaren Dauerläufern, so wurden die Wartungsintervalle für die große Inspektion zuletzt auf 50 000 Kilometer oder drei Jahre erweitert. In Ländern wie Deutschland hatte der R4 allerdings einen Feind, der besonders nach Wintern mit üppiger Streusalzverteilung Antriebswellen, Karosserie und Rahmen schneller den Garaus bereitete als manche Werkstätten schweißen und reparieren konnten. So manches Exemplar musste noch vor der zweiten Hauptuntersuchung geschweißt werden. Dies war zugleich die Hauptursache für das rasche Aussterben des Mutiltalents nach dem Produktionsauslauf 1992. Heute ist der kleine Franzose selten und gesucht.

Und so teilt der Gallier mit der revolutionär großen Heckklappe und Revolverschaltung das Schicksal nicht weniger Revolutionsführer: Erst mobilisieren sie die Massen, dann verschwinden sie aus dem Alltagsleben, schließlich werden sie Mythos und Legende.