Schwedische Forscher

Babyduft macht glücklich – und könnte deshalb gegen Depressionen helfen

André Anwar

Von André Anwar

Fr, 23. Februar 2018 um 20:11 Uhr

Panorama

Schwedische Wissenschaftler haben festgestellt, dass der Geruch von Neugeborenen das Gehirn ähnlich anspricht wie Medikamente gegen Angst und Depression. Das wollen sie für ein Nasenspray nutzen.

Wie wunderbar Neugeborene riechen, können die meisten frischgebackenen Eltern bezeugen. Der wonnige Geruch und die allgemeine Anziehungskraft, die von Babys ausgeht, soll Erwachsene dazu ermuntern, sich um die schutzlosen Kleinen zu kümmern, so eine Theorie. Der Geruch könnte in Zukunft aber auch medizinisch eingesetzt werden.

Denn Duftwissenschaftler am renommierten Karolinska Institut in Stockholm haben den Geruchseffekt von Neugeborenen genutzt, um einen ungewöhnlichen Weg einzuschlagen. Sie wollen ein Nasenspray aus den wesentlichen chemischen Bestandteilen des Babygeruchs entwickeln, das wie ein Medikament gegen Ängste und Depressionen wirken kann.

Begonnen hat es mit dem Baby eines Wissenschaftlers

"Ein Kollege hatte gerade Kinder bekommen und erzählte, wie herrlich der Geruch seines Babys ist. Als wir unsere Tochter bekamen, war es das Gleiche", erzählt Johan Lundström, Professor am Institut für klinische Neurowissenschaften am Karolinska Institut. Grundlegend für seine Forschung seien dabei die Arbeiten des deutschen Geruchsforschers Thomas Hummel in Dresden, betont der Schwede. Lundström ließ 30 Frauen im fruchtbaren Alter an einem Kleidungsstück eines frisch geborenen Kindes riechen und zum kontrollierenden Vergleich auch an völlig anderen Gerüchen. Die Hälfte der Frauen hatte bereits selbst Kinder bekommen, die andere nicht. Der Kinderduft wurde von Säuglingen genommen, die tatsächlich erst einen Tag auf der Welt waren. "Da ist der Geruch besonders unverfälscht von äußeren Faktoren, wie etwa bestimmten Ernährungsweisen", erklärt Lundström.

Frauen, die schon ein Kind bekommen hatten, sprachen stärker auf den Geruch an

Beim Einatmen der unterschiedlichen Gerüche wurden die Gehirne der Frauen mit einer Magnetkamera beobachtet. Es zeigte sich, dass der Babyduft einen ähnlich anregenden Effekt auf bestimmte Hirnteile hatte wie Medikamente gegen Angst und Depressionen. "Bei den Frauen, die noch keine Kinder hatten, konnten wir einen grundlegend positiven Effekt messen. Bei denen die schon Kinder hatten, kam dazu noch ein eingelernter positiver Effekt hinzu, der deren frühere, positive Erfahrungen mit eigenen Babys widerspiegelt", sagt Lundström. Bislang hätten die knappen Forschungsgelder nicht ausgereicht, um auch die Reaktionen der Gehirne von Männern auf den Babygeruch zu untersuchen. "Ich vermute aber, dass der Effekt der gleiche ist", sagt Lundström.

Bis ein Baby-Nasenspray auf dem Markt ist, kann es noch 15 Jahre dauern

Noch stecke seine Forschung in den Kinderschuhen, betont er. Der Babyduft besteht aus 100 bis 200 unterschiedlichen Chemikalien. "Wir haben schon einige Spuren und Muster ausgemacht", erzählt Lundström. Aber um herauszufinden, welche der vielen Chemikalien wesentlich für das Wohlfühlen sind, brauche man ungefähr fünf Jahre. "Ein Nasenspray zu entwickeln und auf den Markt zu bringen dauert noch viel länger, etwa 10 bis 15 Jahre", schätzt er.

Der Vorteil des Nasensprays: Es wirkt direkt

Grundsätzlich hätte ein Nasenspray gegenüber Psychopharmaka bei der Linderung von Depressionen und Angst den Vorteil, dass es direkter wirkt, und vermutlich kaum Nebenwirkungen hat. Bei Tabletten muss eine sehr hohe Dosis des Wirkstoffes verabreicht werden, um die das Gehirn grundsätzlich schützende Blut-Hirn-Barriere zu überwinden. Das sei beim Geruchssystem nicht der Fall, so Lundström. Gerüche wirkten unmittelbar und schon in geringer Dosis.

Schon heute besteht die Theorie, dass Menschen mit wenig Geruchssinn, verursacht etwa durch das Rauchen von Zigaretten, oder völlig ohne Geruchssinn anfälliger für Depressionen sind. Schwangere berichten zudem häufig, dass sich ihr Geruchssinn bei der Schwangerschaft verstärkt. Die Wirkung des Riechens auf die menschliche Gesundheit ist im Vergleich zu anderen Forschungsgebieten jedoch noch relativ wenig erforscht.