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04. April 2017

"Windkraft am Blauen unrealistisch"

BZ-INTERVIEW mit Bad Bellingens Bürgermeister Christoph Hoffmann über seine Kritik an Windrädern im Markgräflerland.

  1. Bad Bellingens Bürgermeister Christoph Hoffmann Foto: privat

BAD BELLINGEN. Die Gemeinde Bad Bellingen ist aus dem Verein Bürgerwindrad Blauen ausgetreten. Im Gespräch mit Michael Behrendt begründet Bürgermeister Christoph Hoffmann den Schritt und erläutert, warum er Windkraftanlagen am Blauen für nicht sinnvoll, gar für unrealistisch hält. Zudem zeigt er aus seiner Sicht Alternativen auf.

BZ: Herr Hoffmann, die Gemeinde Bad Bellingen ist aus dem Verein Bürgerwindrad Blauen ausgetreten. Heißt das, dass die Gemeinde von regenerativen Energien nichts mehr wissen will?

Hoffmann: Das Gegenteil ist richtig. Wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass wir bei uns regenerative Energien massiv vorangebracht haben.

BZ: Wie sehen Ihre Alternativen aus?

Hoffmann: Zunächst: Bad Bellingen hat gar keinen Wind. So haben wir uns darauf konzentriert, alle kommunalen Gebäude mit Photovoltaikanlagen auszurüsten. Da haben wir alles gemacht, was geht. Es gibt eigentlich, außer verschatteten Flächen, kaum noch ungenutzten Platz auf den kommunalen Dächern. Ein Musterexemplar ist die Kläranlage, der größte Stromverbraucher der Gemeinde. Die Photovoltaikanlage dort arbeitet für den Eigenverbrauch. Ein Blockheizkraftwerk, betrieben mit Faulgas, liefert auch Strom – und Wärme, die zusammen mit Erdgas stets genügend Wärme für den Faulturm und die umliegenden Gebäude liefert. Den Strom daraus verbraucht die Kläranlage zu 100 Prozent und entlastet damit das allgemeine Stromnetz. In der Therme haben wir zwei Blockheizkraftwerke. Deren Wärme nutzen wir zum Heizen der Therme. Ein Drittel des Stroms des Thermalbades produzieren wir selbst und betreiben damit eine Wärmepumpe, die aus dem Thermalabwasser Energie gewinnt.

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BZ: Was hat Sie und den Gemeinderat zum Umdenken, also zum Austritt aus Bürgerwindrad Blauen, bewogen?

Hoffmann: Dem Verein war die Gemeinde 2011 beigetreten, um die Windkraft in der Region zu fördern. Das war zu einer Zeit, als von einem Windrad am Blauen die Rede war. Doch hat sich die Situation seither aufgrund von gesetzlichen und ökonomischen Vorgaben grundlegend verändert. Die Dimensionen heutiger Windkraftanlagen oder gar Windparks sind mit denen von damals gar nicht mehr zu vergleichen. Viel zu groß für hier. Eine Industrialisierung der Landschaft durch Windparks wird verstärkt durch die Bewegung und das Blinken der Windräder und ist im Kern des Landschaftsschutzgebietes Blauen, ein vielgemaltes Postkartenmotiv, rechtlich nicht zulässig. Geltendes Recht ist zu respektieren. Und eine Aufhebung des Landschaftsschutzgebietes wollen viele Menschen hier, insbesondere die, welche vom Tourismus leben, nicht. Ein Windpark am Blauen ist, selbst wenn man das Landschaftsschutzgebiet wegdiskutiert, nach den neuen Vorgaben für Gebäudeabstand – jetzt 1000 Meter – und des Erneuerbare-Energien-Gesetzes – nur die Windkraftanlagen, welche die geringsten Subventionen bekommen, erhalten den Zuschlag – sehr unrealistisch geworden. Dort, wo der Wind ständig weht, und im Flachland sind solche Anlagen rentabler, und da gehören sie hin.

BZ: Dennoch: Was ist denn so schlimm an ein paar Windrädern am Blauen?

Hoffmann: Der Tourist will die naturnahe Landschaft...

BZ: Von naturnaher Landschaft – Fernsehturm, Gastronomie, Straße – kann auf dem Blauen aber nur bedingt die Rede sein.

Hoffmann: Aber jedes neue Element vermindert weiter die touristische Attraktivität, gerade auf einer so exponierten Fläche. Man muss das mit der Windkraft großflächiger sehen.

BZ: Das soll heißen: Windkraft im Schwarzwald lehnen Sie nicht grundsätzlich ab?

Hoffmann: Richtig. Windräder sollen da stehen, wo der Wind stetig weht. Das tut er bei uns nicht. Hinzu kommt: Wenn wir schon für die Windkraft Abstriche beim Landschaftsschutz hinnehmen, dann müssen auch genügend Speicherkapazitäten für den erzeugten Strom, der ja nicht unbedingt immer dann gebraucht wird, wenn der Wind weht, her. Also: Wenn schon Windräder, dann auch ein Pumpspeicherkraftwerk. Hier sind die Kapazitäten zu gering. Und man muss das im Verbund lösen. Wir müssen uns auf Speichertechnologien und -kapazitäten konzentrieren.

BZ: Dass der Klimawandel voranschreitet und die Energiewende vorangebracht werden sollte, dürfte aber ebenfalls klar sein.

Hoffmann: Auch mir ist wichtig, dass wir von den fossilen Brennstoffen wegkommen. Wegen der nach wie vor zu hohen CO2-Werte. Allerdings darf der Einsatz von Windkraft und Photovoltaik nicht dazu führen, dass vermehrt Braunkohle eingesetzt wird, wenn der Wind mal nicht weht und die Sonne mal nicht scheint. Hier ist die Bundesregierung gefordert.

Christoph Hoffmann ist Jahrgang 1957 und seit 2007 Bürgermeister von Bad Bellingen. Er machte sein Abitur in Müllheim und studierte an der Uni Freiburg Forstwissenschaften. Promoviert hat er in Göttingen. Derzeit ist er Kandidat der FDP für die Bundestagswahl im Herbst.

Autor: mib